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Rudolf Kohoutek: Wiener Grund#

Bild 'Kohoutek'

Rudolf Kohoutek: Wiener Grund. Vermessung einer Liebe zur Stadt. Fotografien und Texte. Park Books Zürich 2017. 224 S., ill., € 38,-

"Ich mag verschiedene Seiten von Wien, besonders Seiten, die ich gerne fotografiere. … Aber dieses Wien ist auch mit Trauer, Trennung und Verlust verbunden." Die ersten Sätze dieses ungewöhnlichen Buches sagen eigentlich schon alles: Der Architekt, Geograph und Psychologe Rudolf Kohoutek "wollte es aufzeichnen, bevor es sich völlig veränderte."

"Es" das ist in diesem Fall nicht die historische Altstadt, auch nicht New York (wie in dem Zitat aus dem Jahr 1939) sondern das Wien der Erdgeschosse, Historismen, Surrealismen, Heterotypien - Orte, die nach eigenen Regeln funktionieren - und Materialien. Der Autor nennt Fotografieren "eine Sucht wie jede andere", aber beim Viertel seiner Kindheit - Hernals - hat es nicht funktioniert, meint er. Passanten blieb unverständlich, was er fotografieren wollte: Gras in einer Ritze zwischen Gehsteig und Mauer ? Verrostete Eisentüren ? Verschwundene Geschäfte?

Rudolf Kohoutek spricht gerne vom "ästhetischen Mehrwert des Verfalls". Er gehört nicht zu jenen, die der Verherrlichung des Verfalls frönen. Bilder von verlassenen Orten, kaputten Gebäuden und Räumen, Ruinen aller Art finden sich allenthalben im Internet, als "Ruin Porn", "Ruinophilia" oder "Urban Exploration". Altbauten, die aus Ziegeln und Verputz bestehen, sterben in Schönheit, wenn man sie lässt - und nicht durch Ein- oder Umbauten zerstört, "während Neubauten aus Beton und Wärmedämmungen aus Styroporplatten eine dürftige Ästhetik verewigen, auch wenn sie bunt angemalt sind."

Die Vorstadt ist - bevorzugt an Sommersonntagen bei schönem Wetter - das Lieblingsrevier des Fotografen. Was er aufnimmt und bearbeitet, ist nicht "schön", die Bilder könnten auch überall anders auf der Welt entstanden sein. Mit den Essays zum Einstieg in die fünf Kapitel gehen sie eine Synthese ein, wie man sie nur selten findet. Dazu kommt das gekonnte Layout des in der Schweiz erschienenen Buches.

In brachliegenden Erdgeschossen liest man Reste von Geschäftsschildern und gesprayte Inschriften, erblickt Portale und für immer geschlossene Rollbalken, Eloxaltüren und heruntergelassene Jalousien. Zahlreiche Wiener Gebäude stammen aus dem Historismus. In der gründerzeitlichen Stadterweiterung galt für Zinshäuser das Prinzip, mehr zu scheinen als zu sein. Generationen danach sind viele der verzierten Fassaden verunziert oder schlicht verwahrlost. Trotzdem findet der Autor auch hier originelle Lichtblicke oder einzelne gepflegte Details. Surrealismen arbeitet er durch Ausschnitte heraus: Manche Abzugsrohre könnten als moderne Kunst durchgehen. Wenn er sich auf Materialien konzentriert, haben lückenhafte Mosaiken, Plastikfenster, Beton, Kunststoffplanen, Glasziegel, Eisen oder Mauern vor dem Abbruch ihren moribunden Reiz. Vieles von dem, was er in den letzten Jahren vor das Objektiv geholt hat, existiert nicht mehr.

Den Begriff Heterotopie prägte der Philosoph Michel Foucault für Orte, die vorgegebene Normen nur zum Teil erfüllen. Die gesellschaftliche Bedeutung von Heterotypien verändert sich im Lauf der Zeit und ist vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Wandels zu sehen. Der Begriff trifft voll auf die Bilder zu, die Rudolf Kohoutek in einem Block versammelt: Die Silhouette eines demolierten alten Hauses an der anschließenden Feuermauer, ein winziger Vorstadthof vor einem breit gelagerten Wohnblock. Stets wirkungsvoll erweisen sich Spiegelungen und Graffiti. Gegen diese, noch dazu vom Donaukanal reflektiert, verschwindet sogar Otto Wagners Schützenhaus. Wenn man wollte, könnte man dieses Baujuwel auch monumental wirken lassen, aber es kommt auf den Ausschnitt an. Vielleicht sollte man dem Rat des Autors folgen: "Mach dir kein Bild von Wien". Aber das ist, nach eingehender Betrachtung seiner hunderten Beispiele kaum mehr möglich. Bei Tag fallen einem bisher unbeachtete Dinge auf, und können einen bis in den Schlaf verfolgen. Auch dem Autor blieben Stadtträume nicht erspart. Er erzählt sie und spricht - mit Walter Benjamin - vom optischen Unbewussten, das die Fotografie zutage fördert.