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Johann Kräftner: Fürstliche Schätze #

Bild 'Kräftner'

Johann Kräftner: Fürstliche Schätze. Die Fürsten von Liechtenstein als Sammler und Bauherren. Christian Brandstätter Verlag Wien 2017. 232 S., ill., € 34,90

"Lust und Bürde zugleich bedeutet es, in eine Familie hineingeboren zu werden, deren Mäzenatentum und Sammlertätigkeit 600 Jahre weit zurückreichen, " schreibt Hans Adam II., Fürst von und zu Liechtenstein, "Zum Geleit". Der Direktor der Fürstlichen Sammlungen, Johann Kräftner, hat die jeweiligen Neuerwerbungen 14 Herrscherpersönlichkeiten zugeordnet und diese in profunden Texten porträtiert. Mit Peter Kubelkas Meisterfotos der Kunstwerke ist ein der "Princely Collections" adäquater Prachtband entstanden.

Das Mäzenatentum der Familie Liechtenstein reicht mehr als 600 Jahre zurück. Die Fürstlichen Sammlungen sind Fideikommiss, unveräußerlicher Besitz. Dennoch veränderten sich die Bestände einer der bedeutendsten Privatsammlungen der Welt, meist von persönlichen Interessen beeinflusst. So trennte sich Fürst Johann II. von Rubensgemälden, weil er Nacktes und Gewaltsames verabscheute. Stattdessen kaufte er hunderte Gemälde, Skulpturen und Objekte vom Mittelalter bis zur damaligen Gegenwartskunst. Bis in die Gegenwart kommen Werke höchster Qualität in unterschiedlichen Sparten - Bilder, Bücher, Plastiken, Porzellan, Möbel … - dazu. Von den 1700 Gemälden sind 300 ausgestellt.

Fürst Karl I. (1569-1627) war der erste große Auftraggeber und Sammler der Familie Liechtenstein. Als Vizekönig auf der Prager Burg beauftragte er die wichtigsten Künstler seiner Epoche und begründete mit Werken von Adrian de Fries die Skulpturensammlung. Als Protestant erzogen, trat er in kaiserliche Dienste und konvertierte zum Katholizismus. Der Erwerb konfiszierter "Rebellengüter" vergrößerte den liechtensteinischen Grundbesitz, durch Erbschaften fielen ihm mehrere Schlösser zu. Karl I. wurde als erstes Familienmitglied in den erblichen Fürstenstand erhoben. Als er starb, war sein Sohn Karl Eusebius I. (1611-1684) noch minderjährig. Unter ihm begann der Aufbau der bedeutenden Sammlung flämischer Malerei. Pferdezucht und Architektur waren weitere große Leidenschaften, über die er auch publizierte. Ein Fürst müsse besorgt und umsichtig sein, forderte er und stellte fest, dass ein schönes Bauwerk den Namen des Erbauers unsterblich mache.

Zu den wichtigsten Bauherren der Habsburgermonarchie zählte Fürst Johann Adam Andreas I. (1657-1712). Er war an der Ausbreitung des Hochbarock wesentlich beteiligt und holte italienische Künstler nach Österreich, wie Andrea Pozzo, der das grandiose Deckenfresko im Herkulessaal des Gartenpalais schuf. Johann Adam, "der Reiche", betrieb u. a. den Ausbau der mährischen Herrschaft Eisgrub, baute das Gartenpalais in der Rossau (Wien 9) und das Stadtpalais in der Wiener Bankgasse. Zudem begründete der Fürst die weltberühmte Rubens-Sammlung. Fürst Anton Florian I. (1656-1721) profilierte sich vor allem als Diplomat. Er wirkte in Rom und Wien, ließ die Landschlösser umbauen und beauftragte fast lebensgroße "Pferdeporträts". Fürst Joseph Wenzel I. (1696-1772) bezeichnet der Autor als "Paradebeispiel eines aufgeklärten Fürsten … kundig in der Kriegsführung … geschätzt als Diplomat und letztlich auch als Kunstkenner." Bei Maria Theresia genoss er großes Ansehen. Sie betraute ihn mit der ehrenvollen Aufgabe, die Braut Erzherzog Josephs mit seinem "Goldenen Wagen" von Parma nach Wien zu eskortieren. Die in Paris angefertigte Prunkkarosse steht jetzt in der Sala Terrenna des Gartenpalais.

Zur Zeit Franz Joseph I. (1726-1781) verblasste der barocke Zeitgeschmack. Er ließ das Majoratshaus in der Herrengasse umbauen und die Gemäldesammlung neu katalogisieren. Den Barockpark des Gartenpalais gestaltete er im englischen Stil um. In Feldsberg und Eisgrub entstand unter ihm und seinen Söhnen Alois I. (1759-1805) und Johann I. (1760-1836) der größte Landschaftsgarten Mitteleuropas. Fürst Alois I. modernisierte die mährischen Landwirtschaftsbetriebe und renovierte das Majoratshaus in der Herrengasse. Die dort untergebrachte Bibliothek war nach der Hofbibliothek die bedeutendste Wiens. Johann I. führte das Werk seines Bruders fort. Er bestimmte das Gartenpalais zum Ausstellungsort der Kunstsammlung und öffnete es 1810 für das zahlende Publikum, so blieb es bis 1938. Umfasste die Galerie bei seinem Regierungsantritt 840 Bilder, so waren es bei seinem Tod fast doppelt so viele.

Mit Fürst Alois II. (1796--1858) ist die Adaption des Majoratshauses untrennbar verbunden. Im Biedermeier verankert, schuf er dort ein zeitgeistiges Wohnpalais im Stil des Neorokoko. Michael Thonet fertigte die Parkettböden in aufwändiger Bugholztechnik an. 1848 eröffnete der Fürst den Palast mit einem großen Ball, der ganz Wien beeindruckte. Auch Schloss Eisgrub ließ er nach englischen Vorbildern in gotischen Formen verändern und mit einem Palmenhaus in Glas-Metallkonstruktion ergänzen. Fürst Johann II. war der wohl wichtigste Kunstkäufer und einer der größten Mäzene des 19. Jahrhunderts. Im internationalen Kunsthandel wählte er Werke zum Ankauf aus, die zum geringsten Teil in den eigenen Sammlungen verblieben. Nutznießer waren die Gemäldegalerie der Akademie der Bildenden Künste, die Österreichische Staatsgalerie und das Museum der Stadt Wien. Fürst Franz I. (1853-1938) war mit Baronesse Elsa von Gutmann verheiratet, aus deren Familie er Gut und Schloss Kalwang in der Steiermark samt Kunstwerken erwarb.

Fürst Franz Josef II. (1906-1989) übernahm die Regentschaft in einer schwierigen Zeit, 1938. Er war bestrebt, die Kunstsammlung möglichst unversehrt in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu retten, im April 1945 gelang der Transport großer Teile nach Vaduz. Nach dem Verlust der tschechischen Besitzungen mussten Kunstwerke verkauft werden, um das wirtschaftliche Überleben zu sichern. Zu den Neuerwerbungen zählten Möbel und Skulpturen. Fürst Hans Adam II. (* 1945) ist es "in erstaunlich kurzer Zeit gelungen, aus einem Scherbenhaufen wieder ein blühendes Haus aufzubauen." Nach grundlegender Revitalisierung öffnete das Gartenpalais 2004 (bis 2012) wieder als Kunstmuseum. Seit 2013 ist ein Teil der Sammlung im ebenfalls umfassend sanierten Majoratshaus zu sehen. Lücken in den Beständen wurden geschlossen, manche Objekte zurückgekauft und die Möbelsammlung, u. a. durch das um 1720 entstandene "Badminton Cabinet", erweitert. "Oberstes Kriterium ist stets die Qualität der Arbeiten". Was der Autor und Sammlungsdirektor für die Objekte feststellt, gilt auch für dieses faszinierende Buch. Erlesen in Inhalt und Ausstattung, kann es auch als Trost dafür gelten, dass die beiden Wiener Palais mit ihren Kunstwerken nur noch im Rahmen von Führungen zu besichtigen sind.