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Martin Rasper: "No Sports" hat Churchill nie gesagt#

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Martin Rasper: "No Sports" hat Churchill nie gesagt. Das Buch der falschen Zitate. Ecowin Verlag Salzburg - München 2017. 192 S.,18 €

"Dichtung und Wahrheit" stammt von Goethe, "Mehr Licht!" aber nicht. Den letzten Worten bedeutender Menschen misst die Nachwelt besondere Bedeutung zu, ebenso Zitaten, die sie gesagt oder geschrieben haben sollen. Die Betonung liegt auf "sollen" und hier setzt Martin Rasper an. Der studierte Geologe, Weltreisende und hauptberufliche Journalist ist auf seiner Suche nach falschen Zitaten in jahrzehntelangen Recherchen fündig geworden. Im vorliegenden Buch analysiert er rund zwei Dutzend davon.

Zugeschrieben werden sie Willy Brandt, Bertolt Brecht, Pierre Cambronne, Winston Churchill, Demokrit, Albert Einstein, Galileo Galilei, Johann W. Goethe, Michail Gorbatschow, Alexander v. Humboldt, Sinclair Lewis, Edward N. Lorenz, Martin Luther, Heinrich Lübke und Lukas Podolski. Darunter befinden sich Geflügelte Worte wie "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" (nicht von Luther), "No Sports" (nicht von Churchill) oder "Und sie bewegt sich doch" (nicht von Galilei).

Um die Dichtung von der Wahrheit zu unterscheiden, hat der Autor eine eigene Methode entwickelt. Zunächst bestimmt er den Wahrheitsgehalt: "0 Prozent" bedeutet etwa, dass Churchill "No Sports" mit Sicherheit nicht gesagt hat. Als absoluter Draufgänger bekannt, war er noch im Alter ein passionierter Reiter und Schwimmer. Dann vergibt Martin Rasper Sterne für den Kreativitätsgrad. Er verrät, wie originell der Satz und wie treffend die Zuschreibung ist. Den Höchstwert von fünf Sternen erhält ein starker Spruch, der die Persönlichkeit des vermeintlichen Urhebers treffend charakterisiert. In diese Kategorie fällt der Vergleich des ehemaligen Spielers der deutschen Nationalmannschaft, Lukas Podolski: "Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel". In den Mund gelegt hat es ihm der Satiriker Jan Böhmermann. Wahr ist hingegen der Ausspruch des lakonischen Sportstars: "So ist Fußball. Manchmal gewinnt der Bessere."

Nachdem der Autor auch die Art der Verfremdung - Erfindung, Zuschreibung, Umformulierung, Verkürzung … - bestimmt hat, nennt er Urheber und Zeitpunkt. Doch ist es nicht einmal ihm immer möglich, dies genau festzustellen. Dafür schildert er in lockerer Sprache die Entstehungsgeschichte, die oft den Zeitgeist widerspiegelt. "Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin", soll Bertolt Brecht formuliert haben. Das englische Original „Sometime they'll give a war and nobody will come“ (1936) stammt vom US-amerikanischen Dichter und Pulitzerpreisträger Carl Sandburg. Eine Generation später, und vor allem in den 1980er Jahren, entfaltete der Spruch in der Friedensbewegung starke Wirkung. Kritiker ergänzten das vermeintliche Brecht-Zitat noch - genau so falsch - mit "Dann kommt der Krieg zu dir." Die doppelte Verfremdung war perfekt. Umweltaktivisten legten Albert Einstein eine Drohung in den Mund: "Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben." Der Satz zählt zu den am weitesten verbreiteten falschen Zitaten überhaupt, meint Martin Rasper und nennt die Etappen der Entstehung, an der innerhalb von mehr als einem Jahrhundert vier Urheber beteiligt waren: Charles Darwin (1859), Maurice Maeterlinck (1901), Ernst A. Fortin (1941), G. V. Poulton (1966). "Aber Einstein muss irgendwie für jedes Großthema herhalten" , weiß der Autor.

Zurück zu Goethe: "Goethe hält den Weltrekord - der Wörtersammler. Rund 93.000 verschiedene Wörter hat er verwendet, so viel ist bei keinem anderen Menschen dokumentiert. Shakespeare folgt weit abgeschlagen mit 39.000, dann Schiller mit 30.000 und Ibsen mit 27.000", hat der Autor herausgefunden. Ebenso, dass Freunde, die am Sterbebett des Dichterfürsten weilten, die "Mehr-Licht"-Geschichte aufbrachten. Der letzte Wunsch an seinen Diener sei gewesen, die Fensterläden zu öffnen. Dieser jedoch soll sich erinnert haben, sein Herr hätte nicht mehr Licht, sondern das Nachtgeschirr verlangt. Schon diese Episode zeigt, wie humorvoll und manchmal respektlos der Autor mit den Großen Männern umgeht. Für das Vorwort engagierte er Goethe, nicht Johann Wolfgang, sondern einen Namensvetter, den Soziologen Henning Goethe.