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Renate Riedler-Singer: Christlich auf'kocht und teuflisch eing'schenkt#

Bild 'Riedler-Singer'

Renate Riedler-Singer: Christlich auf'kocht und teuflisch eing'schenkt. Hermagoras Verlag Klagenfurt 2017. 276 S., ill., € 28,-

Was verbirgt sich hinter dem zügigen Titel "Christlich auf'kocht und teuflisch eing'schenkt"? Ein Kochbuch ? Ein Brauchbuch ? Ein Bildband ? Alles zugleich! Die Verfasserin, Dr. phil. Renate Riedler-Singer hat Europäische Ethnologie und Psychologie studiert und lebt als Psychotherapeutin in Wien. Es bewahrheitet sich das alte Sprichwort "Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen".

Wie die Autorin verrät, war ihre Urgroßmutter Köchin des Linzer Bischofs, eine Tante Pfarrersköchin. Die Liebe zur Kochkunst hat in der Familie Tradition und in der Ethnologie war die Nahrungsvolkskunde ihr besonderes Interessensgebiet. Die Bibliothek des Österreichischen Museums für Volkskunde, wo sich derzeit ein Projekt mit der Übertragung handgeschriebener Kochbücher befasst, bot zusätzliche Anregungen.

Martinigans, Christstollen oder Osterschinken sind bis heute ein Begriff. Doch es gibt noch viel mehr Festtagsspeisen. Mehr als 100 hat Renate Riedler-Singer zusammengetragen. Im Vorwort schreibt sie: "Der liturgische Kalender bestimmte … weitgehend die Feiertagskultur des Essens und Trinkens bis zum Ende der Monarchie. Manches davon ist bis heute erhalten und wird auch von der säkularisierten Gesellschaft gerne gepflogen. Vergessenes Wissen über die Speisevolkskunde wird für Interessierte in diesem Buch wieder aktualisiert."

Die kulinarische Reise durch den Jahreslauf beginnt, dem Kirchenjahr folgend, mit dem Advent. Dieser galt zwar bis 1917 als Fastenzeit, aber davor - zu Martini (11.11.) oder Kathrein (25.11.) - und fallweise auch während der vier Wochen wurde kräftig geschmaust. In Oberösterreich begeht man den ersten Advent als Bratwürstelsonntag, in der Steiermark gab es nach der Rorate Selchwürste, in Wien Roratewürste. Nach dem oft langen Marsch zur frühmorgendlichen Messe und dem Ausharren in der kalten Kirche tat Stärkung not. Vor genau 30 Jahren erschien das deutsche Weihnachts-Kinderlied "In der Weihnachtsbäckerei gibt es manche Leckerei", das inzwischen als "neues Volkslied" gilt. Das Backen hat (wieder) Konjunktur und einiges trägt "fromme" Bezeichnungen, wie Heiligenscheinchen oder Pfaffenhütchen. Klassisches wie Weihnachtskarpfen, Truthahn oder Suppen fallen in dieses Kapitel.

Zu den Rezepten erzählt die Autorin Wissenswertes über alte und neue Bräuche und garniert den Text mit Sprüchen. Einer zu Dreikönig endet: "… Der Stern blieb stehen über Josefs Haus, da sind sie hineingegangen; das Öchslein brüllt, das Kindlein schrie, die heil'gen Drei Könige sangen." (Heinrich Heine). Allgemein wenig bekannte Details zum 6. Jänner sind zu erfahren, etwa, dass der Wiener Beamte Franz Pollheimer 1946 das Sternsingen in Wien revitalisierte. Besucher des Kunsthistorischen Museums kennen Jakob Jordaens' Bild "Das Fest des Bohnenkönigs", das drastisch einen adeligen Brauch illustriert. Im Rezeptteil findet man den Dreikönigskuchen, der eine Bohne, Münze oder eine winzige Porzellanfigur enthält. Wer diese in seinem Kuchenstück findet, ist König für einen Tag.

Die "verkehrte Welt" weist schon in den Fasching mit seinen Krapfen, dem die Fastenzeit mit Suppen und Knödeln folgt. Wer schon immer wissen wollte, wie die aus Fisch bestehenden Paulanerwürste schmecken, kann hier das Rezept nachlesen. Osterpinzen sind ebenso vertreten wie Himmelfahrtshendl und Pfingsttauben. Im Sommer gibt es u. a. (nach Maria Himmelfahrt) Frauendreißiger-Gratin, Bartholomä-Jause mit Prälatenbrot und festliche Kirchtagssuppen. Im Herbst stärkt man sich mit Erntedankauflauf, Wildbret zu Ehren des hl. Hubertus oder Wolfgang. Das Lichtbratl verweist auf den Naturallohn, den die Handwerker ihren Gesellen gaben, wenn sie im Winter bei Licht arbeiten mussten. Das gleiche galt für die Lichtgans zu Martini.

Nachdem sich der Jahreskreis der himmlischen Köstlichkeiten geschlossen hat, wird im zweiten Abschnitt "Geistlich und weltlich auf'tischt". Hier lernt man die Lieblingsspeisen von Päpsten kennen: Johannes Paul II. mochte Gänsebraten, Benedikt XVI. schätzte Wurstsalat und Apfelkuchen, während sein Nachfolger Franziskus argentinische Karamel-Creme - aus Milch, Vanille und Cognac - als Dessert bevorzugt. Klösterliche Küchentraditionen leben beim Benediktiner-Omelett, Dominikaner-Kalbsschlegel oder Trappisten-Kaninchen. Der Herzogenburger Propst Maximilian Fürnsinn, ein gelernter Fleischhauer, erfand einen würzigen Schopfbraten. Noch feuriger sind das Pesto "Scharfer Teufel" und "Satans gefüllte Eier" (mit viel Chili). Getränke und Desserts bilden den Abschluss der abwechslungsreichen Speisenfolge.

Zu jedem der ausführlichen Rezepte gibt es ein ganzseitiges, nostalgisch wirkendes Foto. Die liebevoll arrangierten Bilder der Speisen stammen von Heinz Riedler. Das Zubehör hat das Ehepaar auf Flohmärkten aufgestöbert, von Museen und im Freundeskreis ausgeliehen. Kochen und genüsslich schmausen war der Mühe Preis. Bei der Lektüre spürt man förmlich die Freude, die das Vorbereiten des Buches Renate Riedler-Singer und Heinz Riedler gemacht hat.