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Irmi Soravia: Döbling#

Bild 'Soravia'

Irmi Soravia: Döbling. Grinzing, Heiligenstadt, Nussdorf, Kahlenbergerdorf, Josefsdorf, Sievering, Neustift am Walde, Salmannsdorf. Brandstätter Verlag Wien 2017. 240 S. ill., € 49,90

Viel geliebt, gelobt, besungen sind die "Dörfer unter dem Himmel", wie die Schriftstellerin Hilde Spiel die Döblinger Vororte einst genannt hat. Unzählige Publikationen wurden ihnen schon gewidmet, die jüngste (und wohl prächtigste) ist jetzt bei Brandstätter erschienen. Der Verlag ist bekannt für die großzügige Ausstattung seiner Bücher. Schon das Format von 24 x 30 cm ist repräsentativ, dazu unkonventionelles Layout, nobles, schweres Kunstdruckpapier und exzellente Druckqualität. Die Bildredaktion fand überreiche Auswahl im unerschöpflichen Imagno-Archiv, zu dessen Schätzen die reizvollen, handkolorierten Glasdiapositive aus der Zeit um 1910 zählen. Die Gegenwart wurde vom vielfach ausgezeichneten Fotograf und Künstlerhausmitglied Gerhard Trumler meisterhaft ins Bild gesetzt. Dazu kommt eine Fülle nostalgischer Reproduktionen.

Der kongeniale Text stammt von der Kunsthistorikerin und Publizistin Dr. Irmi Soravia. Sie nähert sich dem Thema Döbling aus zwölf Blickpunkten. Das einleitende Kapitel "Lage, Geschichte und Vororte" liefert mehr oder weniger bekannte Basisinformationen über Ober- und Unterdöbling, Grinzing, Heiligenstadt, Nussdorf, Kahlenbergerdorf, Josefsdorf, Sievering, Neustift am Walde und Salmannsdorf. Die beiden letzten sind erst seit 1938 Teile des 19. Bezirks, die anderen seit 1892. Es mag überraschen, dass die Autorin von "armen Dörfern" spricht, während man üblicherweise bei DöblingerInnen an die Reichen und Schönen, bei den Besuchern an vergnügte Heurigengäste denkt. In "Der Wienerwald - wie er war - was er ist" würdigt die Autorin nicht nur die Schönheiten der Natur, sie betont auch das einst bescheidene Leben der Siedler im Wald, wo die Orte Grinzing, Sievering, Salmannsdorf oder Neustift entstanden. Erschlossen wurden die Hausberge der Wiener in der Zwischenkriegszeit durch das Arbeitsbeschaffungsprogramm der Höhenstraße. Der neue Verkehrsweg fand begeisterte Aufnahme. 1934 begonnen und 1935 eröffnet, sollen zur Inbetriebnahme des ersten Teilstücks an einem Wochenende 100.000 Fußgänger und 20.000 Fahrzeuge gekommen sein. Rasch wurde die Höhenstraße zur Rennstrecke für Rad-, Motorrad- und Automobilwettbewerbe. 60 Jahre davor führte eine Drahtseilbahn (1873 bis 1876) und dampfte eine Zahnradbahn (1874 bis 1921) auf den Kahlenberg. Die Stephaniewarte bei der ehemaligen Endstation ist die letzte Erinnerung daran. Andere Bauwerke sind verschwunden, wie das Schlosshotel Cobenzl, das Hotel-Restaurant Kahlenberg oder das in den 1960 Jahren errichtete Ausflugsrestaurant "Bellevue", das nur zwei Jahrzehnte stand.

Geschmäcker und Ansprüche der Touristen haben sich geändert, doch Heuriger und Weinbau sind "typisch Döbling" geblieben, meint die Autorin, um gleich zu relativieren, dass sich die Rieden bis ins 16. Jahrhundert in der Inneren Stadt und auf dem Alsergrund ebenso erstreckten wie in Simmering. "Heute noch ist Wien die einzige Weltstadt, die mit einem solch fruchtigen Schatz … aufwarten kann." Kapitel 5 übertitelt sie "Kuriositäten und Vergessenes". Dazu zählen etwa die "Hauser Lacke", ein ehemaliger Ziegelteich nahe der Hohen Warte, das sagenumwobene Agnesbrünnl, der "Wallfahrtsheurige" im Kaasgraben und der Eisstoß anno 1929.

"Döblinger Bürger und Berühmtheiten" erzählt Geschichten aus dem Leben von Lina Loos, Arthur Schnitzler, Alma Mahler oder Sonja Knips. Auch Industrielle waren unter den Promis von anno dazumal, wie die durch die Erzeugung des Insektenvernichtungsmittels "Zacherlin" bekannt gewordene Familie Zacherl. Ihre in orientalischen Formen mit Majolikafassade gestaltete Fabrik in der Nusswaldgasse ist inzwischen ein gar nicht mehr geheimer Tipp für Freunde des sogenannten unbekannten Wien. Einen Mittelpunkt des Gesellschaftslebens im 19. Jahrhundert und heute als Bezirksmuseum ein kulturelles Zentrum des 19. Bezirks bildet(e) die Villa des Textilfabrikanten Rudolf Arthaber, später Villa Wertheimstein, in der die Dame des Hauses einen Salon für illustre Gäste führte. Bürger vergnügten sich eher in "Casinos, Konzertstätten und Bäder(n)". Casinos, waren zugleich Kaffeehäuser, Restaurants, Tanz-, Spiel- und Konzertstätten, die von 8 Uhr früh bis spät in die Nacht geöffnet hatten. In Döbling gab es eine ganze Reihe davon, wie das - nun vor seiner Renovierung stehende - "Zögernitz". Johann Strauß Vater und Joseph Lanner wirkten dort als Hauskapellmeister. Beide waren ursprünglich auch in Döbling begraben, Monumente im Strauß-Lanner-Park erinnern daran. Apropos Musik: Ihr ist das 8. Kapitel gewidmet. Ludwig van Beethoven wählte für seine zahlreichen Wohnsitze etliche in Döbling, und die Brüder Schrammel nannten ihr erstes Ensemble "Nußdorfer Terzett". In diesem Kapitel hat der Druckfehlerteufel humorvoll zugeschlagen. Er machte aus den Sackpfeifern (Dudelsackspielern) Hackpfeifer.

In Kapitel 9 geht es um "Pracht und Macht - Villen und Häuser". Neben der Vorstellung historischer Bauwerke bietet es Gelegenheit für Advertorials. So erfährt man nicht nur Wissenswertes über Otto Wagners Bauten - signifikant das Nussdorfer Sperrwerk mit den Bronzelöwen - oder den Karl-Marx-Hof, sondern auch über geplante und kürzlich fertig gestellte Projekte. So wird das Geheimnis der verfallenden Nussdorfer Brauerei gelüftet. Die Soravia Group (nicht nur eine Namensgleichheit) erwarb den Freihof und das umgebende Areal, um sie zu revitalisieren. Mit dieser Brauerei und anderen Erzeugern von "Gerstensaft aus der Weingegend" beschäftigt sich auch das folgende Kapitel. Es leitet über zu "Industrie und Gewerbe - einst und jetzt". Einst weit über die Grenzen hinaus bekannte Fabriken wie Bensdorp-Schokolade, Samum-Zigarettenpapier, oder Gräf & Stift-Automobile hatten ihren Standort im 19. Bezirk. Jetzt bietet dieser Abschnitt Möglichkeiten für Produktplatzierungen. Man sollte dies nicht zu sehr kritisieren, für Leser späterer Generationen können heute aktuelle Projekte von großem historischem Interesse sein.

"Sportbegeisterung - Ski und Fußball in Döbling" schließt den exquisiten Bilderbogen ab. 1894 gründete der Bankier Nathaniel Rotschild für die englischen Gärtner seines berühmten Parks auf der Hohen Warte den ersten Wiener Fußballverein, die "Vienna". Ihr Stadion fasste 85.000 Personen. Der Fußballplatz diente auch für Opernaufführungen. Der erste Wiener Skiverein entstand im Wienerwald, wo 1896 das erste Österreichische Ski-Derby stattfand. Eine Vision blieb die 60 m-Schanze auf dem Cobenzl. Sie brachte ihrem Architekten, Adolf Hoch, 1948 die "Olympische Goldmedaille für Architektur", wurde aber wegen Finanzierungsschwierigkeiten nicht realisiert.