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Gudrun Sulzenbacher: Altes Handwerk und ländliches Leben#

Bild 'Sulzenbacher'

Gudrun Sulzenbacher: Altes Handwerk und ländliches Leben. Mit Fotos von Augustin Ochsenreiter. Folio Verlag Wien - Bozen. 2017. 64 S., ill., € 18,-

Das liebenswürdig gestaltete Bildsachbuch findet seine Zielgruppe bei allen zwischen 9 und 109 Jahren. Junge LeserInnen werden darin viel Unbekanntes finden, bei älteren und alten kann es nostalgische Gefühle wecken. Im Lauf zweier Generationen hat sich der Arbeitsalltag stärker verändert als in den 500 Jahren zuvor: Viele Handwerks- und Hauswirtschaftstechniken sind beinahe in Vergessenheit geraten oder werden nur mehr von SpezialistInnen gepflegt. Aussagekräftige, kurze Texten und mehr als 400 Farbfotos informieren über historische Berufe.

Viele der dargestellten Handwerke zählen zu den ältesten in verschiedenen Kulturen. Schon in der Steinzeit formte und brannte man einfache Tongefäße, vor 4000 Jahren erfanden Mesopotamier die Töpferscheibe. Um 1870 setzte die industrielle Produktion von Tonwaren ein. Heutzutage ist künstlerische Keramik wieder sehr gefragt. Ihr ist das erste der fast 30, einheitlich gestalteten, Kapitel gewidmet. Man lernt Rohstoffe, Werkzeuge und Produkte kennen und sieht eine Töpferin bei der Arbeit. Auch in Holz verarbeitenden Gewerben steckt jahrhundertelange Erfahrung: Körbe flechten, Zäunen, Sägen, Zimmern, Tischlern und Rädermachen erforderten als typische Männerberufe viel Kraft. Sägemühlen sind selten geworden, obwohl sie noch lange nach der Erfindung von Dampfmaschine und elektrischem Antrieb für die Bergbauern wichtig blieben. Um 1960 gab es in Tirol 140 Sägemühlen, heute sind es sechs. Eine steht funktionstüchtig im Südtiroler Landesmuseum für Volkskunde in Dietenheim bei Bruneck. Dort entstanden auch die meisten Fotos des Bildsachbuchs. Hans Grießmair, der das Freilichtmuseum leitete, wirkte als wissenschaftlicher Berater.

Das Klappern der Mühlen, die verschiedenste Produkte herstellten, ist ebenso verklungen wie der Klang der Hammerschläge aus den mit Wasserkraft betriebenen Schmieden. Zu neuem Aufschwung haben es hingegen, dank des Reitsports, die Hufschmiede gebracht. Hufeisen für Ochsen, die früher als Zugtiere dienten, werden nicht mehr angefertigt, übrigens brauchte jede der acht Rinderklauen ein eigenes, maßgefertigtes Eisen. Von der Industrie ziemlich verdrängt wurden die Berufe der Gerber und Schuster. Manche Schuhmacher fanden durch Spezialisierung neue Aufgabenfelder, während die Federkielstickerei sogar zu den aufstrebenden Gewerben zählt. Junge Leute KunsthandwerkerInnen verzieren nicht mehr nur Trachtenzubehör, sondern auch modische Lederwaren.

Die folgenden Kapitel beschäftigen sich mit Textilien. Angefangen von der Trachtenschneiderin, die viel Geduld und Fingerspitzengefühl braucht. Bevor die Stoffe bei ihr landen, haben sie heute oft eine weite Reise hinter sich. Vor 200 Jahren versorgte sich fast jedes Dorf selbst mit Leinen. 100 Tage braucht die Flachspflanze vom Anbau bis zur Blüte, nach zwei Wochen sind die Samen reif und die Ernte beginnt. Sind die Büschel ausgerissen, werden die Stängel getrocknet und die Leinsamen entfernt. Während dieses zu wertvollem Öl gepresst wird, erfordert das Gewinnen der Faser mehrere mühsame Arbeitsschritte, um sie von den 80 % Holzanteilen zu trennen: Dörren, Brecheln, Hecheln, Spinnen, Bleichen und Haspeln. Den zweiten traditionellen Rohstoff für Textilien bildete die Schafwolle, auch hier waren die meisten Bauern Selbstversorger. Zweimal im Jahr mussten sie ein Schaf scheren, das dabei zwei Kilo Wolle lieferte. Diese konnte man nun ebenfalls verspinnen oder man übergab sie dem Lodenwalker. Zum Leinenweben kamen häufig Wanderarbeiter mit ihrem Webstuhl ins Haus. "Ein Schrank voller tadellos gewebter weißer Tuchballen war der ganze Stolz der Bäuerin und ein wichtiger Vorrat für die Aussteuer - fertiges Leinen war bares Geld wert" , schreibt die Autorin, die auch dem Färben und Wäsche pflegen interessante Kapitel widmet.

Weitere Beiträge behandeln das Herstellen der Nahrung: Dreschen, Getreide mahlen, Brot backen, Buttern, Käsen, Kraut schneiden, Öl brennen. Nach "Leiden kurieren" folgt ein Registerteil, in dem man zudem Interessantes über Berufe erfährt, die im Hauptteil nur am Rande vorkommen. Dazu zählen Wanderhändler und Störhandwerker, wie Enziankrämer, Kesselflicker oder Scherenschleifer. Viele von ihnen kamen in vorindustrieller Zeit aus (Süd-)tirol, weil sie im Gebirge von der Landwirtschaft allein nicht leben konnten.

Das Buch mit seinen hunderten aussagekräftigen Fotos vermittelt einen umfassenden Einblick in die damalige ländliche Lebens- und Arbeitswelt. Bewundernswert, wie viel Wissenswertes sich - wenn man es versteht - auf relativ beschränktem Raum unterbringen lässt. Gudrun Sulzenbacher und Augustin Ochsenreiter verstehen ihr "Handwerk" auf das Beste. Gudrun Sulzenbacher ist Expertin für Kinder- und Jugendliteratur und Mitarbeiterin des Pädagogischen Instituts in Bozen. Augustin Ochsenreiter betreibt dort sein Fotostudio. Für ihr bei Folio erschienenes Buch „Die Gletschermumie“ erhielten sie den Österreichischen Kinder- und Jugendsachbuchpreis. Auch die Tatsache, dass "Altes Handwerk" in kurzer Zeit schon die vierte Auflage erreichte, spricht für das Team und sein Konzept.