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Anton Tantner: Die Hausnummern von Wien#

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Anton Tantner: Die Hausnummern von Wien. Der Ordnung getreue Zahlen. edition seidengasse: Enzyklopädie des Wiener Wissens. 120 S. ill., € 18,-

"Selbstverständlichkeiten" sind nicht selbstverständlich. Der Historiker Anton Tantner zeigt dies ausführlich am Beispiel der Hausnummern. Der erste Versuch zur Einführung in Wien - der bald ad acta gelegt wurde - datiert in das Jahr 1753. Preußen war (zumindest teilweise) einige Jahre früher daran, in den 1750er Jahren Madrid und Triest. Acht verschiedene Systeme wurden angewendet. Der Autor bezeichnet das 18. Jahrhundert als "Jahrhundert der Klassifikation", in dem etwa auch der schwedische Naturforscher Carl von Linné Pflanzen, Mineralien und Tiere in ein System zu bringen begann.

Man könnte glauben, dass die Häusernummerierung der Orientierung halber eingeführt wurde. Gründe dafür waren jedoch Steuereinhebung und Rekrutierung. Bis in die Barockzeit halfen Hausschilder mit klingenden Namen und mehr oder minder künstlerischen Darstellungen, sich in der Stadt und in den Vorstädten zurechtzufinden. Zur Unterscheidung gab es in jeder Vorstadt eine Bezeichnung nur einmal, und leicht variiert, z.B. ein goldenes und ein blaues Einhorn. Ein Schildregister, das 1795 erschien, als die große Zeit der Hauszeichen schon vorbei war, verzeichnete "80 Adlerschilde, 60 Baumschilde, 30 Bären- und 100 Bauernschilde."

Als die Zentralstellen der Monarchie 1753 die Häusernummerierung einführen wollten, argumentierten sie dies mit der Maßnahme der Verbrechensbekämpfung. Doch noch waren die Widerstände stärker. Der Wiener Magistrat fürchtete die Verunzierung der Stadt, die Adeligen, dass ihre Häuser wie jene des Volkes beschriftet werden sollten, und die Hausbesitzer wollten die Kosten nicht tragen. 1770 begann "die Adressierung Wiens" probeweise in Simmering und in den Vorstädten des heutigen 6. Bezirks. Die Arbeiten dauerten ein halbes Jahr und umfassten 1340 Häuser in der Stadt und 3615 in den Vorstädten. Handlanger pinselten die Nummern mit schwarzer Farbe aus Ruß und Leinöl an die Fassaden. Bald lernten die Wiener die Nützlichkeit der Neueinführung zu schätzen. Schon im Jänner 1771 inserierte im Wienerischen Diarium ein verkaufswilliger Realitätenbesitzer, welche zwei Häuser (mit Nummern- und Schildangabe) er veräußern wollte. Wenig später suchte jemand sein entlaufenes "Bologneserhündl" mit blauen Augen und schwarzer Schnauze. Man möge es gegen Finderlohn zu einer genau angegebenen Adresse bringen.

Die Häusernummerierung erwies sich Änderungen gegenüber als nicht flexibel. Man hatte einfach die Gebäude der Reihe nach bezeichnet, auf Neubauten oder Zusammenlegungen aber keine Rücksicht genommen. In der Inneren Stadt war nach einem Vierteljahrhundert eine Neunummerierung notwendig, eine zweite erfolgte 1820. In manchen Vorstädten wechselten die Ziffern fünf Mal. Mit der Eingemeindung der Vorstädte ab 1850 und dem Abbruch der Basteien ab 1858 war ein neues System - mit Straßennamen - unumgänglich. Wien hatte inzwischen 500.000 Bewohner und mehr als 12.000 Häuser. Der Unternehmer Michael Winkler ließ 1862 einen Plan drucken und stellte die Tafeln her. Das System war wohl durchdacht. Er unterschied Längs- und Querstraßen, die eckige bzw. ovale Schilder erhielten. Eckige ührten iin das Zentrum, ovale um dieses herum. Von der Stadt ausgehend waren rechts die geraden, links die ungeraden Nummern zu finden. Straßentafeln wurden an Enden und Kreuzungen angebracht. Die Schilder bekamen bezirksweise verschiedenfarbige Umrahmungen, die Innere Stadt rot, der 2. Bezirk violett usw. Nach der Eingemeindung der Vororte 1890-1892 gab es nicht genug verschiedene Farben, sodass die Tafeln in den Außenbezirken alle rot umrandet waren. So blieb es in Wien bis 1923, dann lösten blaue Emailleschilder mit weißer Schrift die Zinktafeln ab. An Stelle der Frakturschrift trat die leichter lesbare Antiqua.

Ein achtseitiger Bildteil zeigt Beispiele aus allen Zeiten und Bezirken. Außerdem hat der Verfasser einen Anhang zusammengestellt, der "Hilfestellung zur Identifizierung von Häusern mittels Konkordanztabellen und Plänen" bietet. Leichter ist es allerdings, die Links im Internet aufzurufen. Ein weiterer Anhang lädt zur "Hausnummernflanerie" durch die Innenstadt ein. So sieht man am Kohlmarkt 11 eine alte - in roter Farbe aufgemalte - Konskriptionsnummer. Gegenüber ist sowohl die 1862 angebrachte Ausführung zu sehen, als auch eine moderne blau-weiße Nummerntafel. In der Steindlgasse 4 gibt es Hausname und -nummer. Ballgasse 8, die bürgerliche Tischlerherberge, hatte lange Zeit die höchste Wiener Konskriptionsnummer, nämlich 1343.