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Regula Winkelman, Peter Watchorn: Die Cembalistin Isolde Ahlgrimm (1914-1995)#

Bild 'Ahlgrimm'

Regula Winkelman, Peter Watchorn: Die Cembalistin Isolde Ahlgrimm (1914–1995) Eine Wegbereiterin der historischen Aufführungspraxis. Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar 2016, 288 S., ill. € 29.99

Isolde Ahlgrimm (1914–1995) war eine bedeutende Wegbereiterin der historischen Aufführungspraxis. Schon in den 1930er Jahren, fast zwei Generationen vor der allgemeinen Wiederentdeckung der alten Musik, ließ sie ein Cembalo des späten 18. Jahrhunderts nachbauen. "Am Cembalo wurde sie die größte Koryphäe ihrer Zeit. Es gelang ihr, den Respekt des Publikums für ein Instrument zu gewinnen, das von den meisten Musikern der Zeit missachtet wurde".

Zwei ihrer letzten Schüler, der Amerikaner Peter Watchorn und die Schweizerin Regula Winkelman würdigen nun Leben und Werk der Ausnahmekünstlerin. Sie wuchs in einer künstlerischen Wiener Familie auf. Ihr Vater, Karl Friedrich Ahlgrimm, war Prokurist und Verlagsleiter. Sein Vater, ein Xylograph, hatte ihm die graphische Begabung vererbt. Ihre Mutter, Camilla Ahlgrimm-Christoph, war eine hochbegabte Pianistin. Der mit der Familie befreundete Johannes Brahms lobte die Konzerte der jungen Frau. Später sicherte sie als diplomierte Klavierlehrerin das Familieneinkommen. Isolde Ahlgrimm selbst hatte Talent zum Malen und zeichnen, folgte aber bei der Berufswahl ihrer Mutter. Ungewöhnlich klingt, dass ihr zehn Jahre älterer Bruder Hans, ebenfalls ein begnadeter Musiker, seine kleine Schwester förderte. Von ihm lernte sie schon vor der Volksschule lesen, schreiben und die Grundlagen der Musik. Auch die Mutter förderte ihr Klavierspiel beizeiten. Mit vier Jahren begann Isolde das Instrument zu erlernen, mit sieben bestand sie die Aufnahmsprüfung an der Wiener Akademie. Alle Professoren staunten, aber als Wunderkind wollte sich die Pianistin nie sehen.

Mit 16 verbrachte sie ein Studienjahr in England, wo sie die Liebe zur Alten Musik entdeckte. Das Angebot, in einem Londoner Ensemble als Cembalistin zu wirken, lehnte sie jedoch ab. Lieber kehrte sie nach Wien zurück und vervollkommnte ihr Studium bei prominenten Professoren. Trotzdem hielten die Eltern eine professionelle Karriere der Tochter für unrealistisch, denn die Pianistenlaufbahn war damals männlich. "Zudem wünschte sie sich im Grunde selbst, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Es fehlte auch nicht an Bewerbern, zwei Verlobungen platzten. 1934 kam es zur Begegnung der Zwanzigjährigen mit einem studierten Ökonomen, dessen Eltern Teilhaber der Manner-Schokoladenfabrik waren. "Erich Fiala war der Sohn einer wohlhabenden Familie, ein begeisterter Kunstliebhaber und Sammler, ein begabter Klavierspieler, dazu ein origineller, innovativer Denker, der seine Ideen und Pläne zielstrebig verfolgte." Eine seine Visionen war, historische Instrumente im Originalklang erleben zu lassen und er war überzeugt, in Isolde die richtige Interpretin gefunden zu haben. "Sie ließ sich also, verliebt wie sie war, von Erich Fialas Argumenten überzeugen und konzentrierte sich nun vermehrt auf das Studium klassischer Werke und deren historisch richtige Interpretation." Erich Fiala spezialisierte sich auf das Sammeln alter Instrumente. Zwischen 1937 und 1957 veranstalteten die beiden - seit 1938 verheiratet - die "Concerte für Kenner und Liebhaber" auf historischen Instrumenten.

Die Konzerte endeten mit der Scheidung des Ehepaares. Obwohl sie vieles verbunden hatte, war "sein unvorhersehbares Benehmen ein ständiger Grund zur Besorgnis für Isolde." So gefährdete er auch die Zusammenarbeit mit der Schallplattenfirma Philips, wo sich Ahlgrimm als Interpretin auf das Cembalo spezialisiert hatte. Zwischen 1951 und 1956 spielte sie bei Philips Bachs Gesamtwerk für Cembalo auf Schallplatten ein, was ihre weltweite Bekanntheit begründete. Auf Fortepiano interpretierte sie 1951 auch das Klavierwerk von Mozart. Mit Konzerten in Europa, USA und Japan weitete Isolde Ahlgrimm ab den späten 1950er Jahren ihren Radius aus. Auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel war sie die musikalische Repräsentantin Österreichs, in den folgenden Jahren konzertierte sie in zahlreichen Städten Europas "darunter bei Festivals mit mehreren Konzerten, meist sehr schwere Programme, mit großen Werken von Bach." Mit auf der Tournee war, wie schon seinerzeit bei Mozart, ein Reiseklavichord.

Weitere Aspekte der Tätigkeit in den 1960er und 1970er Jahren waren ihre Teilnahme als Jury-Mitglied internationaler Wettbewerbe und der Unterricht bei Meisterkursen. In Salzburg und Wien lehrte Ahlgrimm als Professorin für Cembalo. An ihrem 70. Geburtstag, 1984, wurde sie offiziell pensioniert. 1985 erhielt sie die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold. Bis zuletzt schrieb sie an musikwissenschaftlichen Arbeiten. Für das Quellenstudium hatte sie noch als 52-Jährige Latein gelernt. Sie publizierte bis ins hohe Alter und beschäftigte sich mit einem "Lexikon der Verzierungen für Tasteninstrumente", obwohl "sie sich immer mehr klar darüber wurde, dass sie es nie gedruckt sehen würde." 1995 starb die Cembalistin Isolde Ahlgrimm 81-jährig in Wien.

Erinnerungen ihrer Schüler beenden den ersten Teil des Buches. Es folgen ein Bildteil und ein Anhang, der besonders für Experten von Interesse ist und eine Diskographie, die Begleittexte der Schallplatten, eine Chronologie und Details zu den Konzerten enthält.