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Oliver Österreicher: Das alte Bad Pirawarth#

Bild 'Österreicher'

Oliver Österreicher: Das alte Bad Pirawarth und Kollnbrunn in früherer Zeit. Edition Winkler-Hermaden Schleinbach. 96 S., ill., € 16,95

Die Serie historischer Bilderbücher der Edition Winkler-Hermaden hat Zuwachs erhalten. Nach Deutsch-Wagram, Gänserndorf, Hollabrunn, Korneuburg, Laa an der Thaya, Mistelbach, Poysdorf, Stockerau und Zistersdorf ist nun "Das alte Bad Pirawarth" erschienen. Der Autor, Dipl. Ing. Dr. Oliver Österreicher, ist als Architekt und Gemeinderat in der Marktgemeinde tätig. Mit seiner Frau, der Landschaftsgärtnerin DI. Petra Österreicher, betreibt er dort einen Schaugarten. Von ihr stammt die Idee zu diesem Band. Der Autor verfasste mehrere Bücher, darunter eine Dokumentation über die Fassaden von Bad Pirawarth und eine Herrschaftsgeschichte der Gemeinde Rastenfeld. Sach- und Ortskenntnis sind also garantiert. Postkarten waren zahlreich vorhanden, schließlich wussten die Betreiber des Kurhauses schon früh, wie man für sich Reklame macht. Drei Ansichtskartensammler stellten ihre Schätze für die Publikation zur Verfügung.

Bad Pirawarth, 18 km von der Bezirkshauptstadt Gänserndorf entfernt, liegt am Weidenbach, einem Nebenfluss der March und war schon im Neolithikum, in der Hallstatt- und Latènezeit besiedelt. Die erste urkundliche Erwähnung von "Pirchinwart" erfolgte 1120. Der Name geht auf einen Wehrbau zurück. Lange Zeit hatte das Stift Klosterneuburg die Herrschaft inne. Bei seinem Meierhof befand sich 1301 eine von Heilwasser gespeiste Badestube. Der Habsburger Herzog Leopold IV. (1371-1411) soll hier gekurt haben. 1493 verfasste der Wundarzt Stephan Groß eine gereimte Badeordnung in 500 Versen für die Benützer der Eisen-Schwefel-Quelle. 1816 stellte sie Kaiser Franz I. unter ärztliche Aufsicht. Das Stift verkaufte den Betrieb an Private, die ihn ab der Biedermeierzeit erfolgreich führten. Bald entstand auf dem "Caféberg" ein Kaffeehaus und bei einem Ausflugsziel das "Gasthaus Konstantinhügel". Der Kurpark mit Schatten spendenden Bäumen, ein englischer Garten, der Kurhof mit Kübelpflanzen und Kandelabern dienten der Erholung. Später steigerten ein Post- und Telegraphenamt samt Fernsprechstelle sowie ein Schwimm- und Luftbad die Attraktivität. "Fürstinnen, Baroninnen, Hofrätinnen, Militärs", ein Bischof - und allen voran Erzherzogin Sophie, die Mutter Kaiser Franz Josephs, weilten hier. Sie logierte 1827 im ersten Stock des Kurhauses. Noch ein Jahrhundert lang in seiner Einrichtung erhalten, war das „Erzherzogin-Sophie-Zimmer“ der Stolz der Anstalt. Wegen der prominenten Gäste nannte man den Kurort im Weinviertel das Österreichische Franzensbad. Seit der Erhebung zur Marktgemeinde 1927 heißt der Ort "Bad Pirawarth". Damals bewarb man die reine, würzige Luft als "ozonreich und gelsenfrei". Der Heilbetrieb bestand mit Unterbrechungen bis zum Zweiten Weltkrieg. Das moderne Rehabilitationszentrum wurde 1998 eröffnet.

Die Exkursion beginnt, nach Ausschnitten aus barocken Plänen, die das Gotteshaus mit seinem Zwiebelturm zeigen, mit einer Abbildung des "Schlosses", in dem die Klosterneuburger Chorherren die Kurgäste unterbrachten. Nach 1820 ließ es ein neuer Besitzer beträchtlich erweitern. Die Ursprungsquelle des eisenhaltigen Wassers nannte man damals "roter Brunnen". Ein Besitzerwechsel brachte nach 1845 einen weiteren Umbau, diesmal mit romantischen Türmen und Zinnen im Tudorstil. Man erreichte Pirawarth von Wien aus in dreistündiger Fahrt mit der Postkutsche. Nach der strapaziösen Reise wurden die Passagiere von der Kurkapelle mit einem Ständchen begrüßt. Im Park befand sich ein Musikpavillon, bei dem sie sich zu "lebhaften Tanzkränzchen" einfanden, im Kurhaus gab es jeden Samstag Konzerte. Der Betreiber legte hübsche Karten auf. Meist warb man mit den beiden Wahrzeichen, Kirche und Kurhaus. Obwohl dieses um 1900 "vollständig renoviert" wurde und seinen Gästen den "angenehmsten Aufenthalt" versprach, bald sogar ein Bahnhof eröffnet wurde, blieb das Ortsbild ländlich. Die Straßen beamen erst im 1. Weltkrieg ihr Klinkerpflaster. Die zweite Sehenswürdigkeit, die barocke Pfarrkirche, ersetzt einen gotischen Vorgängerbau. Bei Renovierungsarbeiten in den 1950er Jahren entdeckte man seine Apsis. Der damalige Pfarrer konnte den Abbruch des Gotteshauses "glücklicherweise noch verhindern".

Nicht überlebt hat das kriegsbeschädigte, schlossartige Kurhaus - "ein unwiederbringlicher Verlust!", wie der Architekt feststellt. Nur die Dependance aus dem Jahr 1912 blieb stehen und erhielt eine kulturelle Nutzung. Das Areal wurde zum Freilichtmuseum für 25 großformatige Plastiken des Pirawarther Künstlers Hans Knesl. In den 1990er Jahren kam es zur Wiederbelebung des Kurbetriebs. Die neue Parkquelle wurde erschlossen und das Rehabilitationszentrum für Neurologie und Orthopädie eröffnet. Zwei Jahrzehnte später zählt die Klinik zu den größten Arbeitgebern der Region und ist Bad Pirawarth mit 110.000 jährlichen Nächtigungen Spitzenreiter im Weinviertel.

Der Ortsteil Kollnbrunn, halb so groß wie Pirawarth, war ebenfalls im Frühneolithikum, in der Frühbronzezeit und Hallstattzeit Siedlungsgebiet, auch ein großes römisches Marschlager wurde nachgewiesen. Im 13. Jahrhundert übernahm Stift Klosterneuburg die Herrschaft. Später war sie im u. a. Besitz des Jesuitenordens. 1726 kaufte sie Prinz Eugen von Savoyen, tauschte sie aber bereits im folgenden Jahr gegen Groissenbrunn ein - wo er Schlosshof und Schloss Niederweiden erbauen ließ. Kollnbrunn lag am "Postweg", der späteren Brünner Straße. Eine Ansicht zeigt das ehemalige k. k. Mauthaus samt Schranken. Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete die Gemeinde am Anger das "Glockenhaus" mit seinem markanten Turm. Einst Armenhaus und Gefängnis ist es nun, vom Dorferneuerungsverein mustergültig renoviert, zum Zentrum des Ortes geworden. Eine weitere Sehenswürdigkeit bildet der Kellerberg mit seinen Presshäusern. Sie zeugen noch von der wirtschaftlichen Bedeutung des Weinbaus in dem danach benannten Viertel Niederösterreichs, während die ehemalige Mühle und die Gemeindeziegelei längst Geschichte sind. Schön, dass dieses Buch die Erinnerung an die interessante Vergangenheit wach hält.