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Michael Archan: Der gute und der gläubige Gitano#

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Michael Archan: Der gute und der gläubige Gitano. Traditionelle Roma-Kultur und pentekostale Religion im Konflikt. Band 23 der Grazer Beiträge zur Europäischen Ethnologie. Jonas Verlag Weimar. 138 S., ill., € 18,-

Die Erkundung fremder oder Minderheitenkulturen ist seit Generationen "die" ethnologische Aufgabe. In früheren Zeiten ließ der Respekt gegenüber den "Beforschten" oft zu wünschen übrig. Ganz anders bei Michael Archan, der in Graz Europäische Ethnologie studierte. Mehr als ein Jahr lebte er mit Gitanos in La Mina, einem Roma-Ghetto an der Peripherie Barcelonas. Der Forscher bediente sich der Methoden der Teilnehmenden Beobachtung und der interaktionistischen Ethnographie. Seine Erfahrungen aus der Innenperspektive hielt er, wie in den Kulturwissenschaften state-of-the art, in Feldtagebüchern und Kommentaren im Stil der "dichten Beschreibung" fest. Bei diesem, in den 1970 er Jahren vom amerikanischen Anthropologen Clifford Geertz entwickelten Konzept, geht es weniger um "objektive" Daten und Fakten, als um Interpretation und Einschätzung. Der Forscher beobachtet nicht nur den Ablauf des sozialen Geschehens, sondern auch sich selbst mit seinen Emotionen. Offen thematisiert er "Die Angst des Forschers vor dem Feld" (Rolf Lindner).

Michael Archan sah sich vor der Herausforderung, in einer komplexen, fremden Welt zurechtzukommen und eine umsetzbare Fragestellung für sein Projekt zu finden. "Für dieses Buch bin ich einen langen Weg gegangen, gleichsam als Nomade, und damit passend zum Thema", konstatiert er einleitend. "Als ich dann vor Ort war, kam alles ganz anders, als am Schreibtisch erdacht." Bis in die 1960er Jahre bestand am Rand eines Vororts von Barcelona das Barackenviertel "Camp de la Bota" mit einem hohen Gitano-Anteil. Dann wurde es geschleift und in La Mina Plattenbauten für die Bewohner errichtet. Für viele von ihnen war die vergangene eine "goldene Zeit", in der zwar materielle Sicherheit und Infrastruktur fehlten, aber ihre spezifische Kultur Zusammenhalt und Identität bot.

In La Mina sprach Archan mit den Ältesten, den „Ancios“, deren Autorität abnimmt, dem Besitzer einer Bar und dem Chef des Kulturzentrums, die einem säkular-bürgerlichen Clan angehören, Vertretern der Pfingstkirche ("Culto") und vielen anderen. Immer ging es um Fragen der Identität. Die „alte“, mobile Lebensweise der Roma mit ihren speziellen Werten und Hierarchien und ausgelassenen Festen ist für die Culto-Anhänger ein Ausdruck des Teufels. Selbst in einem Wohnwagen lebend, gewann der Payo (Nicht-Gitano) zunächst Vertrauen als ehrenamtlicher Englischlehrer im Kulturzentrum. Er schloss Freundschaft mit Vertretern unterschiedlicher ideologischer Gruppierungen, Kirchengegnern und "Culto"-Anhängern. Sie mögen einander nicht, haben aber einen Modus für die alltägliche Lebenspraxis gefunden. Kristallisationspunkte sind einerseits das Gitano-Kulturzentrum und die Bar in der Ortsmitte, andererseits eine große Culto-Kirche, neben der noch einige kleinere bestehen.

Packend wie eine Reportage liest sich die Schilderung der Menschen und ihrer Anschauungen im jeweiligen Umfeld. Der Autor beobachtet die in einem latenten Konflikt stehenden Lager, die um Einfluss in der Roma-Gesellschaft ringen. Auf beiden Seiten erlebt er eine Initiation. Zuerst sind es die Kirchengegner, die ihn als einen der Ihren aufnehmen, ihn sogar mit einem "Forschungsauftrag" ausstatten. Sie schicken ihn als Spion in die Culto-Gemeinschaft, eine relativ junge religiöse Bewegung, die unter den Gitanos große Missionserfolge erzielt. Für sie ist die Pfingstkirche eine destruktive Sekte, die ihre traditionelle Kultur und Identität zerstören will. Der Autor gewinnt dadurch nicht nur das gute Gefühl, den "Feld" etwas zurückgeben zu können, sondern auch die tragende Fragestellung für sein universitäres Forschungsprojekt. Als Glücksfall erweist sich, dass ein inzwischen zum Freund gewordener Hauptgewährsmann gleichzeitig "Ur-Gitano" und Kirchenangehöriger ist. Schon beim ersten Gottesdienst, den er in einer kleinen Kirche mit ihm besucht, nimmt ihn die charismatische Gemeinde in ihre große Familie auf. "Am Ende gehe ich sehr gelöst nach Hause, nicht nur wegen der erfolgreichen teilnehmenden Beobachtung im Sinne der Forschung, sondern auch wegen des persönlich als sehr schön empfundenen und emotional befriedigenden Erlebnisses."

Michael Archan schafft die Balance im Umgang mit Angehörigen der beiden grundverschiedenen Gruppen. Bei aller persönlichen Betroffenheit gelingt ihm eine Analyse, wonach "traditionelle Gitano-Institutionen und -Identitäten durch den Culto substituiert und konsequent geschwächt werrden." Abschließend legt er dar, "wie der Culto verschiedene Funktionen der Gitano-Kultur übernimmt, die diese nicht mehr ausreichend erfüllen kann." Während die sozialen Instanzen der bisherigen säkularen Kultur ihre Kohäsionskraft verlieren, erlangen sie im religiösen Kontext neue Attraktivität. "Der Preis ist die Unterwerfung unter eine individualistische und leistungsorientierte Doktrin, die sich schließlich als ein Modernisierungsprogramm mit neoliberalen Zügen herausstellt."