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Karl Aumann: Das alte Zistersdorf#

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Karl Aumann: Das alte Zistersdorf und seine Katastralgemeinden in früherer Zeit. Edition Winkler-Hermaden Schleinbach. 96 S., ill., € 14,95

"Die Stadt Zistersdorf liegt an den östlichen Ausläufern des Steinbergzuges. Mit ihren acht Katastralgemeinden (Blumenthal, Eichhorn, Gaiselberg, Gösting, Großinzersdorf, Loidesthal, Maustrenk und Windisch Baumgarten) zählt sie zu den flächengrößten Gemeinden im Weinviertel unweit der Grenzen zu den Nachbarländern Tschechische Republik und Slowakei", beschreibt Bürgermeister Wolfgang Peischl seine Gemeinde. Vor kurzem zeigte das neue Stadtmuseum die Ausstellung "Zistersdorf in alten Ansichten". Ihr Gestalter war Karl Aumann, ein Sohn der Stadt, begeisterter Ansichtskartensammler und Autor des vorliegenden Buches. Im Vorwort schreibt er, bis auf wenige Ausnahmen Exemplare aller historischen Ansichtskarten zu besitzen, "die jemals über Zistersdorf herausgegeben wurden." Ergänzt hat er die Auswahl mit Fotos aus dem Familienarchiv. 1932 standen Großvater, Großmutter, Tante und Vater mit dem Gesellen und einem Lehrling vor dem ebenerdigen Haus, in dem ihre Tischlerei und die Wohnräume der Familie untergebracht waren. Der Sonntagsausflug führte Eltern und Sohn in das Gemeindegasthaus von Gösting. Der Wirt besaß ein Eselsgespann, mit dem die Gäste Rundfahrten unternehmen konnten.

Karl Aumann beginnt seine Führung durch Zistersdorf in der konzentrisch um den Hauptplatz angelegten Kernstadt, er stellt das Schloss, die jüngeren Siedlungsgebiete und die Katastralgemeinden vor. Aus dem Ortsbild verschwundene Bauten und veränderte Straßenzüge bilden einen weiteren Schwerpunkt des Buches. Exemplarisch illustriert der Kirchenplatz den Wandel. Um 1900 wirkt er eher idyllisch. Ebenerdige Häuser säumen die unbefestigte Straße, die ein Pferdewagen befährt. Einige Personen bilden die Staffage beim hölzernen Brunnenhaus, dem sich eine Frau in Tracht mit Butte auf dem Rücken nähert. Ein Jahrzehnt später zeigt ein Haus einen Leitungsträger für elektrisches Licht. 1929 steht das Brunnenhaus noch, die elektrischen Leitungen werden auf Gußeisenmasten geführt. Um 1960 dominieren massive Masten den Platz, der Brunnen ist ebenso verschwunden wie die meisten alten Häuser. In den 1930er Jahren war es an Sonntagen erlaubt, Schafherden durch die Stadt zu treiben. Noch 1940 fuhr ein Pferdeschlitten über den tief verschneiten Kirchenplatz. Damals gab es bereits zwei Taxiunternehmer, die auf der Hauptstraße ihre Standplätze hatten.

Inzwischen hatte man in Zistersdorf Erdöl entdeckt. Den ersten hölzernen "Bohr-Thurm" sah man - neben dem alten Rathaus und dem Gemeindegasthaus - als charakteristisch für die Stadt an. 1930 stieß man in 728 m Tiefe auf den Bodenschatz, die Angaben über seinen Entdecker weichen beträchtlich voneinander ab. Fast drei Jahrzehnte später zeigt ein Farbfoto die Chefin einer "Örop"-Tankstelle, die Treibstoff in ein Motorrad füllt. Industriestandort war Zistersdorf schon lange. Stadt und Herrschaft besaßen Ziegelöfen, nach deren Auflassung wurden die Gruben um die Jahrhundertwende zur Schießstätte. In den 1930er Jahren bestand östlich der Stadt ein großes Ziegelwerk. Ein Luftbild zeigt den Ringofen mit Schornstein, das Maschinenhaus, eine Reihe von Trockenschuppen, das Gasthaus und Arbeiterwohnhäuser. Für die Landwirtschaft bedeutsam war der Meierhof der Herrschaft, die einen barocken Schüttkasten mit weit verzweigtem Keller errichten ließ. Der letzte Rest, ein Wandrelief, kam in das Stadtmuseum. Das Schloss, das auf eine Kuenringerburg zurückgeht, wurde seit der Renaissancezeit von wechselnden Besitzern umgebaut. Jetzt befindet sich die Landesberufsschule für Installateure darin.

Bäuerliche Betriebe, Handel und Gewerbe zeichneten die Großgemeinde aus. Schon 1899 errichtete die Landwirtschaftliche Genossenschaft Zistersdorf ihr Lagerhaus. Um diese Zeit entstandene Fotos zeigen oft Gasthöfe und Geschäfte, vor denen sich die Inhaber in ihrer typischen Berufskleidung für den Fotografen aufstellen. So auch hier bei einem Weinhändler und Ziegeleibesitzer. Sein behäbiger Gasthof mit der Kellerstube "Zur Hölle" musste um 1960 dem Neubau der Bezirksbauernkammer weichen. Teilweise erhalten blieb das nostalgische Geschäftsportal eines Schneiders, der ein "Lager fertiger Kleider" hatte. Vor einer Tischlerei hat auch der Großvater des Autors als Geselle Aufstellung genommen. Der Salon eines Herren- und Damenfriseurs zeigt die um 1935 typische Auslagengestaltung mit Frisurbüste und Figuren. Die Figaros tragen weiße Arbeitsmäntel. Auf den Stufen einer Gemischtwarenhandlung sitzen zwei kleine Kinder. Neben ihnen steht eine Frau mit Kleiderschürze und Kopftuch, einige Schritte davor ein Hund. An der Fassade der Gemischtwarenhandlung fällt neben den Werbetafeln ein Automat auf. Die Handlung vor der Stadtmauer "versorgte bis Anfang der 1960er-Jahre die Bewohner auf das Beste."