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Thomas Dammelhart, Lukas J. Kerbler, Stefan Neubauer, Helene Schrolmberger: Das alte Retz#

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Thomas Dammelhart, Lukas J. Kerbler, Stefan Neubauer, Helene Schrolmberger: Das alte Retz. Ansichten der Stadt und ihrer Katastralgemeinden. Edition Winkler-Hermaden, Schleinbach. 96 S., ill., € 16,95

Touristen denken bei Retzer Sehenswürdigkeiten an die Windmühle und den größten historischen Weinkellers Österreichs. Das bis zu 20 m tiefe Labyrinth erstreckt sich über 20 km und ist damit länger als das oberirdische Straßennetz der im Mittelalter gegründeten Stadt. Die Mühle auf dem Kalvarienberg ist die einzige betriebsfähige, vollständig eingerichtete Windmühle Österreichs. Der Stadtarchivar und die MuseumsmitarbeiterInnen, die das vorliegende Buch verfasst haben, sehen ihre Stadt anders. Sie haben aus ihren Beständen und von privaten Sammlern Ansichten (vor allem aus dem 19. und 20. Jahrhundert) zusammengetragen. Sie zeigen weniger die bekannten Highlights, von denen es wahrscheinlich hunderte Postkarten gibt - sondern kaum bekannte Panoramen, Straßenzüge oder nicht mehr Bestehendes. Viele historische Bilder erinnern an die lokale Wirtschafts- und Arbeitswelt, Weinbau, Alltag, Feste und Vereine. Auch die Katastralgemeinden Hofern, Kleinhöflein, Kleinriedenthal, Obernalb und Unternalb sind mit Ansichtskarten vertreten.

Die Stadt Retz wurde um 1279 gegründet und wuchs im Lauf der Zeit mit der älteren Siedlung Altstadt zusammen. 1458 verlieh Kaiser Friedrich III. 1458 den Bürgern das Recht, mit Wein zu handeln. Sie legten ihre Keller nicht, wie in den Dörfern, außerhalb an, sondern ließen sie direkt unter ihren Häusern oft mehrere Geschoße tief in den ehemaligen Meeressand graben. Die 700-jährige Stadtbefestigung mit ihren Mauern, Zwinger und Toren ist teilweise erhalten. Das frühgotische Dominikanerkloster war in die Wehranlage integriert. Es geht auf eine gräfliche Stiftung des Jahres 1279 zurück. Der Bau des Klosters mit seiner Kirche "Mariä Himmelfahrt" dauerte Jahrzehnte lang. Die Fassade des Renaissancehauses Ecke Hauptplatz und Kremser Straße trägt Zyklen aus dem Alten Testament, der griechischen Mythologie und Lebenslaufbilder. Um 1560 in aufwändiger Sgrafittotechnik aufgebracht, wurden sie 1928 freigelegt. Ein Foto im Buch zeigt einen Teil der 120 Darstellungen, eine Ansicht aus der Zeit der Jahrhundertwende hingegen noch die übertünchte Fassade des "gemalten Hauses".

Das Kapitel "Geselliges Leben" bringt Gruppenbilder vom Heurigen, eines Schrammelquartetts und eines Theater- oder Gesangvereins. Als "Retzer Originale" galten der Ausrufer, der "Wagenschmier-Heinrich" und die "Wasser-Resl". Heinrich Kupka war in den 1930er Jahren mit seiner mit Fett gefüllten Butte unterwegs, um Wagenräder und die Rollbalken zu schmieren, mit denen man damals Geschäfte verschloss. Theresia Gottfried hatte Wasser in ihrer Butte. Ein halbes Jahrhundert hindurch holte sie es vom Stadtbrunnen und brachte es in 20 bis 30 Haushalte. Die städtische Hauswasserleitung existiert erst seit 1929. Im selben Jahr richtete die Gemeinde ein Elektrizitätswerk ein, das den Bewohnern die Stromversorgung ermöglichte. Eine Generation früher wurde das Kaiser-Franz-Joseph-Jubiläums-Waisenhaus eröffnet. Es bot 60 Kindern Platz, war später ein Altersheim und wurde schließlich abgerissen. Ein Gemeinde-Armenhaus bestand seit 1787. Es befand sich in der Lehengasse, die zu den Motiven der ältesten Fotoserie (1873) zählt. Die Weinwirtschaft war seit der Stadtgründung der wichtigste Wirtschaftszweig. Ein Foto der Lese in der Zwischenkriegszeit darf daher ebenso wenig fehlen wie das Verladen der Fässer der 1752 gegründeten Weingroßhandlung Mössmer, eines späteren k. u. k. Hoflieferanten.

Hofern, die jüngste und kleinste der fünf Katastralgemeinden, liegt als einzige im Waldviertel. Das Angerdorf Kleinhöflein gehört, wie die anderen, zum Weinviertel. Interessant ist ein Vergleich einer dortigen Kartenserie. Während die Hauptstraße, mit Klinkersteinen gepflastert war, verwandelte sich die unbefestigte Straße "Am Zipf" bei Regen in eine Schlammpiste. Kleinriedenthal wurde im 14. Jahrhundert als Mehrstraßendorf angelegt. Für eine geteilte Ansichtskarte fand man eine Partie mit dem Kirchturm, eine Gemischtwarenhandlung, eine Häuserzeile mit Vorgärten und das Kriegerdenkmal von 1923 abbildenswert. In Obernalb kreuzen sich die Wege nach Retz, Pulkau und Unternalb. Ein Haus an der "Stern-Kreuzung" trägt eine Gedenktafel an das Hochwasser von 1874. Damals zerstörte der Nalber Altbach 30 Häuser, drei Kinder und viele Haustiere ertranken. Eine Aufnahme von Unternalb aus den 1920er Jahren illustriert die Ortsausfahrt, an der das Armenhaus und die Halterwohnung mit den Stallungen für Stiere und Ziegenböcke lagen. Im Vordergrund stellten sich fünf Jugendliche dem Fotografen, einer mit einem Fahrrad, ein anderer mit einem Fassreifen, mit dem man früher "Roaftreiben" spielte. Das letzte Foto ist "noch nicht so lange her". Es zeigt den Standesbeamten und einen Gemeindebediensteten mit dem legendären "Pickerlkäfer". Das städtische Dienstfahrzeug, ein mit zahlreichen Aufklebern versehener VW, diente zur Zustellung amtlicher Poststücke und als Lautsprecherwagen für öffentliche Verlautbarungen. Er war bis1994 im Einsatz. Als malerische Kulisse des Farbfotos fungiert die Windmühle.