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Reinildis van Ditzhuyzen: Die Hlawatsch-Saga. #

Bild 'Hlawatsch'
Reinildis van Ditzhuyzen: Die Hlawatsch-Saga. Drapierte Damen, nackte Herrenbeine und ein Wiener Zinshaus 1800 bis heute. Verlag Berger Horn. 312 S., ill., € 19,90.

Familienforschung ähnelt einem Puzzlespiel, einem Kaleidoskop oder einem Mosaikbild, aus dem sich letztlich ein großes Zeitpanorama ergibt. Oft hilft der Zufall beim Ordnen der einzelnen Steine - so auch im vorliegenden Buch. Es geht um die Familien- und Firmengeschichte von "Hlawatsch & Isbary", dem größten Hersteller von Kaschmirschals in der Donaumonarchie. Trotzdem war die Firma mit Produktionsstätten in Wien und Gmünd sogar Experten unbekannt.

Es blieb Reinildis (Reina) van Ditzhuyzen, einer Historikerin und Schriftstellerin aus den Niederlanden, die in Wien studiert hatte, vorbehalten, das Puzzle zusammenzusetzen. Von Anfang an war der Zufall im Spiel. Die Autorin mit dem nicht besonders geläufigen Vornamen lernte eine Namensvetterin kennen. Reina Enschedé erzählte ihr Interessantes über ihre Wiener Großmutter, die sie in der Hütteldorfer Villa und im Mariahilfer Jugendstilhaus besucht hatte. Deren Sohn, Dr. med. Frederik Enschedé (1925-2014) kümmerte sich "akribisch und liebevoll um die Familiengeschichte seiner Mutter Hermine. Dank seiner Sammelwut sind zahllose Briefe, Dokumente, Tagebücher, Bilder, Gemälde und viele weitere historische Gegenstände seit 1800 … erhalten geblieben." Er bat die Autorin, die Bestände aus zwei Jahrhunderten zu erforschen. Als besonders aufschlussreich erwiesen sich zahlreiche Briefe aus dem Revolutionsjahr 1848 des Fabrikanten Karl Hlawatsch (1808-1884) und das Tagebuch seines Sohnes Rudolf (1840-1913).

Der "Urvater" Karl kam als 18-jähriger Webergeselle aus Österreichisch-Schlesien nach Wien. Er arbeitete bei einem bürgerlichen Webermeister in Gumpendorf. Diese Vorstadt war ein Zentrum der Textilproduktion - wie es in einem Wienerlied heißt "Unser Vater ist ein Hausherr und ein Seidenfabrikant". Schon nach wenigen Jahren wurde er Wollwarenerzeuger, Mitglied der Bürgergarde, Ehemann und Besitzer eines Hauses samt Werkstatt. Schließlich brachte er es zum Bezirksvorsteher und Gemeinderat. Im Revolutionsjahr 1848 bekam Karl Hlawatsch den Aufstand der Fabriksarbeiter arg zu spüren. Die Briefe an seine Frau, die sich mit den Kindern nach Niederösterreich in Sicherheit brachte, schildern die Geschehnisse eindringlich. Danach schloss er Bekanntschaft mit seinem späteren Kompagnon Rudolf Isbary (1827-1892), der einer griechischen Kaufmannsfamilie entstammte und aus Leipzig nach Wien gekommen war. Er wurde nicht nur Teilhaber, sondern auch Hlawatschs Schwiegersohn.

1849 begann Karl Hlawatsch mit der Produktion von noblen "türkischen Schals". In England waren die Kaschmirschals seit den 1780er Jahren in Mode, in Frankreich seit 1800, bald bestanden auch in Wien 60 Fabriken. Durch seinen späten Einstieg konnte Hlawatsch technische Neuerungen nützen, während die anderen Firmen viele Handarbeiterinnen beschäftigten. Auch legte er besonderen Wert auf das Design. Seine Schals waren so gemustert, dass sie durch unterschiedliches Drapieren immer anders wirkten. In Gmünd entstand eine Zweigstelle, in der Tradition der Waldviertler Textilherstellung teils im Verlagssystem. Die Firma erlangte Weltruf, exportierte in alle Länder Europas, Ostindien, Nord- und Südamerika und eröffnete 1860 eine Filiale in New York. Als sie sich bei der Londoner Weltausstellung 1862 präsentierte, betrug der Exportanteil der 48.000 Tücher drei Viertel. Man beschäftigte 800 Arbeiter und zehn Künstler, die jährlich 150 neue Muster kreierten.

Rudolf Hlawatsch, der Sohn des Gründers, trat als 17-Jähriger in das Unternehmen ein. Sein 200-seitiges Tagebuch erweist sich als archivarische Fundgrube. Die interessantesten Passagen hat Reinildis van Ditzhuyzen ausführlich zitiert: "In seinem Tagebuch spricht er detailliert über seine Geschäfte, Verhandlungen, seine privaten Finanzen, über Kranzspenden bei Todesfällen, Uneinigkeiten, Mieteinnahmen , Bau- und Adaptierungskosten seiner Immobilien, aber auch über seine Einsamkeit."

An der Wiener Weltausstellung 1873 war der Geschäftspartner Rudolf Isbary als Präsident der Arrangementabteilung wesentlich beteiligt. Im Katalog liest man über "Hlawatsch und Isbary, k.k.landespriv. Shawl- und Modewaarenfabricanten", dass sie auf 229 Jacquardstühlen jährlich bis zu 60.000 broschierte Shawls und 25.000 gestickte Kaschmirshals- und Tücher erzeugte und in Österreich-Ungarn, Amerika, Deutschland, Italien Russland, Spanien und Portugal absetzte. Die Weltausstellung endete desaströs. Da sich auch Technik und Mode änderten, schied Rudolf Hlawatsch 1878 aus der Firma aus und überließ sie seinen Neffen Victor und Rudolf Isbary als Weihnachtsgeschenk. Diese organisierten das Unternehmen um und begannen im heutigen Tschechien mit der Produktion von Kleiderstoffen. 1893 erhielt die Familie Isbary das Adelsdiplom.

Der zum Privatier gewordene Rudolf Hlawatsch verlegte seine Tätigkeit auf den Immobiliensektor. Er kaufte Grundstücke und baute in seinem Heimatbezirk Mariahilf und in Hütteldorf Zinshäuser und Villen. Das Jugendstilhaus Mariahilfer Straße 95 befindet sich noch im Familienbesitz. 1899 beendete Rudolf Hlawatsch das Tagebuch, das er "für seine Nachkommen" geschrieben hatte. Doch seine Tochter Bettina starb als junges Mädchen, sein Sohn Carl blieb kinderlos. Der Mineraloge Dr. Carl Hlawatsch (1870-1947) war als Privatgelehrter mit eigenem Labor und im Naturhistorischen Museum tätig.

Seine Stieftochter Hermine Rainer (1896-1977) arbeitete im Ersten Weltkrieg als Krankenschwester. 1920 bewarb sie sich beim "Niederländischen Hilfskomitee für die Wiener Kinder" als Begleiterin eines Kinderzuges nach Holland. Zwei Jahre später heiratete sie dort in die Patrizierfamilie Enschedé ein. Sie hatte drei Kinder und vier Enkel. Ein Sohn verwahrte das Hlawatsch-Familienarchiv, eine Enkelin wurde mit der Namensvetterin Reinildis van Ditzhuyzen bekannt. So konnte der Zufall sein Spiel beginnen, dem das vorliegende Buch zu verdanken ist. Die "Hlawatsch-Saga" behandelt nicht nur die äußerst spannende Familien- und Firmengeschichte. Sie liefert auch wertvolle Mosaiksteine im historischen Panorama zwischen Biedermeier bzw. Gründerzeit und der Gegenwart.