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Rudolf Fürnkranz, Herbert Jaitner: Das alte Laa an der Thaya#

Bild 'Fürnkranz'

Rudolf Fürnkranz, Herbert Jaitner: Das alte Laa an der Thaya und seine Katastralgemeinden in früherer Zeit. Edition Winkler-Hermaden Schleinbach. 96 S., ill., € 14,95

„Laa, du uralte Stadt, bist die Nebenbuhlerin Venedigs, so wie jene mitten im Meer liegst du mitten im Kot“. Der viel zitierte Zweizeiler wird dem Renaissancegelehrten Aeneas Silvius Piccolomini, dem späteren Papst Pius II., zugeschrieben, der um 1450 Pfarrer in Laa war. Das war wohl nicht als Kompliment gemeint, verweist aber auf das hohe Alter der Grenzstadt.

Der vorliegende Bildband illustriert die Geschichte ihrer vergangenen 150 Jahre. Dabei konnten die Autoren Rudolf Fürnkranz, langjähriger HAK-Direktor und Verfasser zahlreicher Bücher zur Geschichte von Laa, und Herbert Jaitner, der Betreuer des Laaer Bildarchivs, aus dem Vollen schöpfen und bisher unveröffentlichte Fotos präsentieren Die reiche Auswahl ist vor allem dem in der Stadt ansässigen Fotografen Gustav Adolf Stosius (1837-1918) und seiner Nachfolgerin Hildegard Kwasniowski (1870-1940) zu danken. Sie fotografierten zwischen 1860 und 1940 Gebäude und Straßenszenen. Mit dokumentarischer Genauigkeit zeigen die historischen Aufnahmen Stadtplatz, Pranger und Mariensäule, Burg, Kirchen, Märkte und die Thaya, sei es als wirtschaftlich notwendiger Mühlbach oder als Freizeitareal für Bootsfahrten und Promenaden am Ufer.

Ein markantes Objekt im Zentrum ist das Rathaus, dessen Bau zum 50. Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs beschlossen und bis 1899 nach Plänen eines Wiener Stadtbaumeisters vollendet wurde. Die Gemälde des repräsentativ ausgestatteten Ratssaales schuf ebenfalls ein Wiener Künstler. Zum 60. Krönungsjubiläum errichtete die Stadt einen Kindergarten und eine Kinderbewahranstalt. Etwa gleichzeitig legte man den neuen Friedhof und das Bezirksaltersheim an. Mit kleinen Zimmern statt Schlafsälen galt es um 1910 als Musteranstalt.

Für die Alltagskultur besonders interessant sind die Aufnahmen der Stadtbewohner. "Wenn die Laaer Fotografin Hildegard Kwasniowski ihr Stativ aufstellte, fand sich sogleich eine Schar interessierter Beobachter ein. … Die Fotografin hat ihr Publikum zu einem Tableau zusammengestellt", schreibt Rudolf Fürnkranz zu einem Bild, dessen Hintergrund die Häuser des Stadtplatzes bilden. Vorne gruppieren sich Männer mit Anzügen und Hüten, eine Frau mit Kind und Hund, ein Uniformierter, ein Kutscher mit seinem Pferdegespann und ein Herr mit modischem Strohhut bei seinem Fahrrad. Seit 1896 bestand der Verein der "Laaer Herrenfahrer". Damen hatten auf einem Bicycle nichts verloren, aber eine Reihe junger Männer, vielleicht die Söhne der Vereinsmitglieder, posierten mit den Fahrzeugen vor einem Hotel.

Ganz anderes Publikum traf man am Wochenmarkt an, bei dem auch der Ferkelmarkt stattfand. Die Bauern der Umgebung verkauften auf dem Marktplatz Obst und Gemüse. Auf dem Stadtplatz war der landesweit größte Umschlagplatz für Getreide, vorwiegend Gerste. An einem Samstag wurden bis zu 20.000 Metzen Getreide gehandelt. Ein Metzen entspricht 61,5 Liter. Wieder ein anderer Alltag zeigte sich bei der "Mühlbachabkehr". Im Frühsommer mussten Arbeiter eine Woche lang den Schlamm aus dem Wasserlauf schaufeln, um die Strömung zu erhalten. Als die Haushalte mit Fließwasser versorgt werden sollten, verlegte man die Rohre unter dem Mühlbach. Die Nebenbahnlinie von Lundenburg nach Sigmundsherberg erhielt in Laa einen Bahnhof. Vorstand und Bedienstete ließen sich vor einer imposanten Dampflok abbilden. In den 1930er Jahren galt der Staatsbahnhof im Osten der Stadt als einer der schönsten im ganzen Land.

Auch die Freizeit kam bei den Fotografien nicht zu kurz. So feierten die Laaer 1902 den Fasching mit einem großen Umzug auf dem Stadtplatz. Vor den Toren befand sich seit 1895 ein Eislaufplatz, auf dem auch Schaulaufen abgehalten wurden. Um 1907 hatte Laa 26 Gaststätten. Einkehrgasthöfe fanden regen Zuspruch bei Einheimischen und Besuchern. Sie ließen sich vor dem Lokal bei ihrem Auto ablichten. Die Bauern blieben im Gasthaus Weiler unter sich. Ein Bild zeigt sie musizierend. Bürger ließen ihre Kinder im Instrumentenspiel und Gesang ausbilden. Ein Foto um 1900 entstand anlässlich eines Konzertes des Musikinstituts.

Das Buch zeichnet sich unter vielen gleichartigen durch die Qualität der Profi-Fotos aus. Anders als sonst musste man kaum auf Ansichtskarten zurückgreifen. Diese finden sich eher bei den Katastralgemeinden Kottingneusiedl, Ungerndorf, Hanfthal und Wulzeshofen mit Pernhofen. Doch auch sie sind unverzichtbare Fenster in die Vergangenheit.