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Maren Gottschalk: Johannes Gutenberg#

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Maren Gottschalk: Johannes Gutenberg. Mann des Jahrtausends. Böhlau Verlag Köln, Weimar, Wien. 160 S., ill., € 18,-

Vor 550 Jahren (1468) starb Johannes Gutenberg, der Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Sein Opus magnum, die 42-zeilige Bibel, entstanden 1454, wurde zum Jubiläum in einer faszinierenden Faksimile-Ausgabe aufgelegt. So berühmt der "Mann des Jahrtausends" ist, so wenig lässt sich über sein Leben sagen und umso größer ist der Mythos. Die Mediävistin Maren Gottschalk bringt Licht ins Dunkel der Überlieferungen. Sie dokumentiert die Fakten und wagt mit aller Vorsicht neue Spekulationen. Zur Abrundung der spärlichen biografischen Angaben zeichnet sie ein Panorama des ausgehenden Mittelalters und der "goldenen Stadt" Mainz. Ähnlich kann man sich auch andere Städte, wie Wien, an der Schwelle zur Neuzeit vorstellen. Beide hatten herrliche Kirchen, Giebelhäuser, enge Gassen und betriebsame Badstuben, die Einwohnerzahl lag bei 20.000 bis 25.000 Menschen. Die meisten besaßen kein Bürgerrecht, die nächste große Gruppe bildeten die in Zünften organisierten Handwerker, dann kam die schmale Oberschicht. In Mainz waren es 129 Patrizierfamilien, die sich, untereinander eng vernetzt und privilegiert, vom Rest der Bevölkerung abgrenzten. Dazu zählte die Familie der Tuchhändler Gensfleisch. Seit dem 13. Jahrhundert in Mainz ansässig, wohnte sie im standesgemäßen Hof "Zum Gutenberg". Dieser besaß einen kunstvoll bemalten Festsaal, denn Patrizier waren ihrem Stand und der Repräsenation verpflichtet. (Der Vergleich mit den Wiener Neidhart-Fresken drängt sich auf. Sie entstandenen ebenfalls um 1400 im Haus des Tuchhändlers Michel Menschein.) Außerdem besaß die zweite Frau von Gutenbergs Vater im 25 km entfernten Eltville am Rhein ein Haus. Es diente der Familie als Ausweichquartier, wenn in Mainz Streitigkeiten zwischen "Zünftlern" und Patriziern ausbrachen.

Das Geburtsjahr Johannes Gutenbergs (eigentlich Henne Gensfleisch) ist unbekannt. Weil es wohl zwischen 1393 und 1404 liegt, einigten sich die Gutenberg-Forscher im 19. Jahrhundert auf 1400. So konnten sie im Jahr 1900 ein rundes Jubiläum feiern. Maren Gottschalk rekonstruiert Gutenbergs Bildungskarriere. Demnach besuchte er die Trivialschule, "nach dem Trivium benannt, dem 3-Fächer-Kanon, der zusammen mit dem Quadrivium, dem 4-Fächer-Kanon, die Artes Liberales, die sieben freien Künste bildete". Das Trivium bestand aus Latein, Rhetorik und Dialektik - Voraussetzungen für ein Universitätsstudium. Obwohl sich in den Erfurter Matriken keine Eintragung Gutenbergs findet, spricht vieles dafür, dass er dort studierte, argumentiert die Autorin. Sie beschreibt auch den derben, studentischen Initiationsbrauch der Deposition (Ablegen der Hörner), der sich später beim Freisprechen der Buchdrucker findet.

Als der frischgebackene Bakkalaureus heimkehrte, war kurz zuvor sein Vater gestorben. Zwischen dessen Kindern aus erster und zweiter Ehe kam es zu einem Erbschaftsstreit. Es ist nicht überliefert, wie er für Johannes, den Jüngsten, ausging. Jedoch verfügte dieser über Kapital, als er 1428 Mainz verließ. Ab 1434 lebte er für ein Jahrzehnt in Strassburg, wo er handwerkliche Techniken, wie das Edelsteinschleifen, ausführte und gegen Entgelt unterrichtete. Die Stadt im Elsass profitierte vom Fernhandel und bot aufstrebenden Jungunternehmern gute Chancen. Bevor das Mittelalter zu Ende ging, blühte noch einmal der Wallfahrts- und Reliquienkult auf. Alle sieben Jahre kamen tausende Pilger nach Aachen zur "großen Heiltumszeigung". Gutenberg und seine Geschäftspartner produzierten - 400 km entfernt - "Wallfahrtsspiegel", mit denen man die Aura der Reliquien einzufangen hoffte. Die Spiegel aus einer Blei-Zinn-Legierung brachten Gutenberg nicht nur Gewinn, sondern auch Erfahrungen, die er bei der Erfindung der Lettern aus diesen Materialien verwerten konnte. "Der Buchdruck mit beweglichen Lettern ist nicht durch einen Geistesblitz entstanden", schreibt Maren Gottschalk, "" "Vielmehr ist er das Produkt einer langen Experimentierphase. Alle technischen Geräte, angefangen beim Handgießgerät für die Herstellung der Lettern, über den Winkelhaken und das Satzschiff bis zur Druckerpresse selbst, mussten neu erfunden werden. "

"Johannes Gutenberg wollte keine neuartigen Bücher drucken, er hatte auch nicht den Plan, die Welt auf so rasante Weise zu verändern, wie es schließlich passiert ist. Sein Ziel war es, die Bücher, die es bereits auf dem Markt gab, auf neue Weise zu produzieren: schneller und preisgünstiger zwar, aber genau so schön wie gewohnt." Anfangs stellte er Broschüren her, die sich gut verkauften: Lateinbücher, Kalender, Flugblätter und Ablassbriefe. Im konfessionellen Zeitalter wagte er sich an das wertvollste Buch der Christenheit. Forscher gehen davon aus, dass er für seine berühmte Bibel 47.000 Metalllettern benötigte, von denen täglich 2.000 gegossen werden konnten. Indessen sorgte er für Subskribenten und stellte das Werk 1454 beim Frankfurter Reichstag vor. Ein Drittel der Auflage sollte (in schwarzer Farbe) auf Pergament, zwei Drittel auf italienisches Büttenpapier gedruckt werden. Mit der Kolorierung und dem Binden beauftragten die Käufer dann eigene Experten. In zwei bis drei Jahren hatte der Meister 180 Exemplare verkauft.

"Er hätte jetzt ein sehr reicher Mann sein können", meint die Biographin. "Aber es kam anders." Gutenberg, der seine Unternehmungen immer mit Geschäftspartnern durchführte, hatte Streit mit seinem Geldgeber Johannes Fust. Wie der Prozess ausging, ist nicht dokumentiert. Die Forschung meint aber, dass Gutenberg einen Teil des Darlehens an Fust zurückgezahlt hat und ihm einen Teil der Bibeln, Lettern und Druckmaschinen überlassen musste. Fust eröffnete 1457, gemeinsam mit seinem Mitarbeiter und baldigen Schwiegersohn Peter Schöffer, eine eigene Offizin. Sie produzierten den ersten Mehrfarbendruck der Geschichte, den monumentalen Mainzer Psalter. Auch Gutenberg widmete sich weiterhin der "schwarzen Kunst".

1465 ernannte ihn der mächtige Mainzer Erzbischof zum "Hofmann", was eine große Ehre und Privilegien bedeutete. Drei Jahre später starb Johannes Gutenberg. Damals gab es bereits in neun deutschen, italienischen und schweizer Städten Buchdruckereien. (Wien folgte erst 1492). Bis zum Jahr 1500 erschienen geschätzte 30.000 verschiedene Bücher und Einblattdrucke. Der Beruf des Buchhändlers entstand. In der Reformation spielte die neue Technik eine wesentliche Rolle, ein Drittel der in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts gedruckten Werke hatten Martin Luther als Autor. Der Theologe pries die Druckerei als das höchste und letzte Geschenk Gottes. Vom Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg stammt das Zitat "Mehr als das Blei in den Kugeln hat das Blei in den Setzkästen die Welt verändert." 1998 wählten amerikanische Journalisten Johannes Gutenberg zum wichtigsten Mann des zweiten Jahrtausends, zum "Man of the Millennium."