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Karl R. Kegler, Anna Minta, Niklas Naehrig (Hg.): RaumKleider #

Bild 'Kegler'

Karl R. Kegler, Anna Minta, Niklas Naehrig (Hg.): RaumKleider. Verbindungen zwischen Architekturraum, Körper und Kleid. Transcript Verlag Bielefeld. 324 S., ill., € 34,99

Unvergesslich ist der Spruch einer sizilianischen Fremdenführerin: "Meine Damen und Herren: Beachten Sie bitte die geschwungene Form der schmiedeeisernen Balkone. Sie wurden in der Barockzeit so angelegt, damit die Damen mit ihren Krinolinen bequem Platz hatten." Ob das stimmt? Auch der vorliegende Sammelband gibt keine Antwort auf diese Frage. Er bringt jedoch eine Fülle von Wissenswertem über die Wechselbeziehungen von Architektur und Mode, Kleidung, Interieur und Film sowie die entsprechenden Menschenbilder.

Besonders eng sind die Zusammenhänge, wenn Architekten Kleidungsstücke entwerfen oder bewusst auswählen. Ein prominenter Vertreter war der Wiener Adolf Loos (1870-1933). Das Buch bringt ein Foto, auf dem er sich als perfekt inszeniert hat. Als vollendeter Gentleman trägt er Morning Coat, Weste, Plastron mit Krawattennadel und eine gestreifte Hose. Das Bild - der Autor Niklas Naehring spricht von "aristokratischer Pose"- passt zu Loos' Aussage, dass jeder das Recht habe, sich wie ein König zu kleiden. In einem 1898 in der Neuen Freien Presse veröffentlichten Artikel über die Herrenmode kommt der Architekt zu dem Schluss, "dass es nicht um 'schönheit' und auch nicht um Begriffe wie 'chic, elegant, fesch und forsch' gehe, sondern darum, 'korrect' oder 'so angezogen zu sein, dass man am wenigsten auffällt', um Angemessenheit also." Das selbe Prinzip verfolgte er bei seiner Architektur: "Das haus sei nach außen verschwiegen, im inneren offenbare es seinen ganzen reichtum". Mit seiner kleinen Kulturgeschichte der Architektenkleidung eröffnet der Herausgeber Niklas Naehrig, ETH Zürich, den ersten Abschnitt des Werkes, "Formen der Distinktion."

Der zweite Teil ist "Verhüllen und enthüllen" übertitelt. Er behandelt übergreifende Strategien in Mode und Architektur, die das Konzept des Gesamtkunstwerks als Kunst- und Lebenspraxis verkörpern. Buchstäblich bei Adam und Eva beginnt Rahel Hartmann Schweizer ihren Beitrag "Behausung, Bekleidung, Blöße". Die Architekturhistorikerin hat sich besonders mit dem Werk des schweizerisch-amerikanischen Architekten und Designers Otto Kolb (1921-1996) beschäftigt. Er hatte "die Architektur als Haut" im Sinn und realisierte in seinem eigenen Atelierhaus, das sich wie ein Teil der Natur in diese einfügt, seine "paradiesische Utopie". Fiktive Urbehausungen, temporäre Hütten und die erste Bekleidung des Menschen, von denen die Bibel erzählt, stehen in krassem Gegensatz zu "Technischen Imaginationen".

Im dritten Abschnitt referiert der Herausgeber Karl R. Kegler, Hochschule München, über "Hausanzug und Raumkapsel" als Konzepte der 1970er Jahre. Galaktische Beauties in klimatisierten Wohnwelten korrespondierten mit dem Astronautenlook der Haute Couture. Der französische Modeschöpfer Andrè Courrèges, dem die Damenmode den Hosenanzug verdankt, schuf eine sportliche Linie mit einfachen, geometrischen Schnitten, helmartigen Hüten und flachen Stiefeln. Inspirierten die Raumanzüge solcherart die Kleidung, so fanden sich in der Architektur parallel dazu abgekapselte, hoch technisierte Räume als Ideale futuristischen Wohnens.

Im abschließenden Block "Welten und Gegenwelten" schreibt Herausgeberin Anna Minta Katholische Privat-Universität Linz, über "Unser Sandmännchen". Die Professorin forscht üblicherweise über Heilige Räume. Im Rahmen der internationalen Tagung, auf die das vorliegende Buch zurückgeht, interessierte sie sich aber für Kleiderordnungen, Bauten und Wertvorstellungen im Sozialismus. Die Autorin zeigt, wie den Kindern in der Gute-Nacht-Sendung des DDR-Fernsehens das "Sandmännchen" Ideologien des Arbeiterstaates vermittelte. Dazu zählten die Gestaltung der Lebensumwelt, Siedlung, Möbel und Bekleidungskultur. Das Sandmännchen saß beim Pionierlager mit am Lagerfeuer, besuchte Familien in Wohnsiedlungen und reiste mit utopischen Fortbewegungsmitteln in Bruderstaaten oder wie die Kosmauten auf den Mond. Es repräsentierte als Technikpionier den Fortschrittsglauben im Sozialismus. Als Gegenwelt lassen sich Phänomene begreifen, die die Museumsdirektorin Isabelle Rambous-Schüle in ihrem Artikel "Die Erfindung der Schweizer Trachten" vorstellt. In der Schweiz - wie auch in Österreich und Bayern - begann die Kleidung der ländlichen Bevölkerung im 18. Jahrhundert für Künstler interessant zu werden. Das erste Ursprunnenfest, das die Patrizier zu Ehren der Bauern inszenierten, fand 1805 statt. Dafür kreierte man Trachten für Paare jedes Kantons. Die Festlichkeiten steigerten sich im Lauf des 19. Jahrhunderts, der Senner wurde zum Nationalsymbol. Die Heimatschutzbewegung des beginnenden 20. Jahrhunderts setzte die Bestrebungen fort und im 21. Jahrhundert erfährt die regionale Tracht neue Beliebtheit bei Musik-, Gesangs- und Tanzgruppen.

Die in diesem Sammelband vorgestellten Beispiele illustrieren internationale Entwicklungen. Spezifisch österreichische Bezüge (Adolf Loos, Gottfried Semper) sind selten, doch viele Parallelen drängen sich auf. Die Lektüre eröffnet neue Sichtweisen auf scheinbar Alltägliches und liefert jede Menge Anstöße zum Nach- und Weiterdenken.