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Harald Klauhs: Holl. Bilanz eines rebellischen Lebens.#

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Harald Klauhs: Holl. Bilanz eines rebellischen Lebens. Residenz Verlag Salzburg Wien. 368 S., ill., € 28,-

Der 13. Mai scheint ein besonderes Datum zu sein. Anno 610 weihte Papst Bonifatius IV. das römische Pantheon als Kirche zu Ehren der hl. Maria und aller Märtyrer. 1717 erblickte Kaiserin Maria Theresia das Licht der Welt. 1917 hatten drei Kinder in Fatima eine Marienerscheinung. 1981 überlebte Papst Johannes Paul II. auf dem Petersplatz ein Schussattentat. Am 13. Mai 1930 wurde in Wien Adolf Holl geboren.

"Wer ist Adolf Holl?" fragt Harald Klauhs. Wie würde der Autor einem jungen Menschen erklären, warum er sich mit dieser "historischen Persönlichkeit" beschäftigen sollte? Glücklicherweise ist der Priester, Gelehrte. Unruhestifter, Medienstar, Schriftsteller, Zeitanalytiker … mit seinen 88 Jahren nach wie vor aktiv. "Historisch" hat in dieser umfassenden Biografie eine besondere Bedeutung. "Der Bub aus Breitensee, der Adolf Holl einmal war, hat nämlich Geschichte geschrieben … kraft seines Lebens und Wortes. Allein damit hat er zur Bewusstseinsbildung beigetragen, nicht nur in Wien, nicht nur in Europa, sondern in der vom Christentum geprägten westlichen Welt."

Der Verlagslektor und Literaturredakteur Harald Klauhs verknüpft gekonnt mehrere Stränge: Die Lebensgeschichte, belegt durch Originalzitate (Holl führte seit frühester Jugend Tagebücher, die wohl intimsten und persönlichsten Aufzeichnungen), Träume, Erinnerungen, Archivtexte, zeitgeschichtliche Fakten. Ungewöhnlich, aber überzeugend findet der Autor Parallelen zwischen Holls "rebellischem Leben" und den großen historischen Epochen.

Klauhs beginnt mit der Spätantike. Auch Holl ist in einer Zeitenwende groß geworden. "In der Zeit, in der Adolf Holl aufwuchs, war der Katholizismus in Österreich drauf und dran, ein Revival als Staatsreligion zu erleben - während germanische Horden ins Land drängten." Seine Kindheit verbrachte er in einem Frauenhaushalt mit der Mutter und der Ziehgroßmutter. Im Gemeindebau lernte Holl die "urwienerische Mentalität" und das "Heidnisch-Katholische" kennen.

Mit 14 Jahren begann für ihn die Ära der "Christianisierung". In Oberösterreich lud ihn ein gütiger und heiterer Pfarrer zum Ministrantendienst ein. Der Gedanke, Priester zu werden, ließ den Burschen nicht los. Zwar brachte die Sehnsucht nach einer Partnerin den Gymnasiasten in Gewissenskonflikte, doch trat er in das Wiener Priesterseminar ein. In spätmittelalterlicher Manier focht er dort fünf Jahre lang mit Beichte, Unterwerfung und Askese seinen "Kampf mit der Welt" aus. 1950 ließ er sich zum Diakon, drei Jahre später zum Priester weihen.

In der nächsten Periode - "Humanismus" - geriet der junge Geistliche wieder in eine Umbruchszeit. Die erste Kaplansstelle und der Schuldienst in Favoriten waren hart für ihn. "Talarträger gelten dort nicht als Hochwürden, sondern als arbeitsscheue Nichtsnutze". 1959 bereitete man in Rom das Zweite Vatikanische Konzil vor. Kaplan Holl suchte um Versetzung an und begann sein erstes Verhältnis, mit einer einsamen Ehefrau.

Für ihn hatte das Zeitalter der "Säkularisierung" begonnen. Nachdem er schon seit 1955 Doktor der Theologie war, konzentrierte er sich auf die wissenschaftliche Karriere, wurde zum Dr. Phil. promoviert, publizierte und provozierte im Fernsehen. Holls Wunsch nach einer Professur wurde abgelehnt, er unternahm eine längere Studienreise in die USA. Mit dem Wissen, das er dort über Medientheorie erwarb, zählte er in Europa zur Avantgarde.

"Affären und Affekte" charakterisierten die "Zeit des Zorns" in den 1960er und 1970er Jahren. Mit seinen Büchern wie "Jesus in schlechter Gesellschaft", TV-Dokumentationen und dem "Zölibatsskandal" wurde Holl zum Medienstar. Konservative Kreise drängten Kardinal König, den Kaplan loszuwerden. Der Erzbischof versuchte es mit Verzögerungstaktik und streckte dem Kaplan die Hand entgegen. "Es darf bezweifelt werden, dass es an der Chronik der laufenden Ereignisse etwas geändert hätte, wenn Adolf Holl seinen Thesen 'abgeschworen' hätte. Seine Demontage war (in Rom) beschlossene Sache." 1976 feierte der 46-Jährige seine letzte Messe. Inzwischen war er am Sterbebett seiner Mutter gesessen und hatte die (bis heute bestehende) Lebensgemeinschaft mit der "Spiegel"-Korrespondentin Inge Santner-Cyrus begründet. Sie gab ihm "jenes Maß an Heimat, ohne das ich nicht leben kann."

Die "Profanisierung" blieb irreversibel. 1977 bis 1992 war Holl neben Günther Nenning der umstrittenste Gastgeber der ORF-Fernsehsendung "Club 2". Für das ZDF gestaltete er eine sechsteilige Serie über Religionen, die ihn in alle Erdteile führte. In Amerika traf er auf die Ethnologin Felicitas Goodman, die sein Interesse an der "zweiten Wirklichkeit" weckte. Dazwischen erfährt man noch vieles über die diversen Begabungen des Priesters, der suspendiert, aber nicht laisiert wurde, vom Geigenspiel, Skilehrerdiplom oder Berater des Bundeskanzlers. Harald Klauhs komponiert alle Aspekte zu einer spannenden Zusammenschau, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Das letzte Kapitel der Biographie nennt der Autor "Etablierung". Am Lebensabend des Religionswissenschaftles ist u. a. von "Warten mit Wehmut", "Wehen des Geistes", "Versöhnung" und der "sinkenden Zeit" die Rede. "Und so versucht Holl weiterhin, Licht ins Dunkel jener Lebensprobleme zu bringen, die laut Wittgenstein noch gar nicht berührt sind, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet wären."