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Werner Kraus: Das alte Poysdorf#

Bild 'Kraus'

Werner Kraus: Das alte Poysdorf und seine Katastralgemeinden in früherer Zeit. Edition Winkler-Hermaden Schleinbach. 96 S., ill., € 14,95

Es ist schon etwas Besonderes, wenn jemand 400 Ansichtskarten seiner Heimatgemeinde sammelt. In der Stadt Poysdorf hat der verstorbene Friseurmeister Robert Schmid diese Fülle historischer Ansichten der Nachwelt überlassen. Um diesen Schatz langfristig zu bewahren, hat ihn die Sparkasse Poysdorf Privatstiftung angekauft. Werner Kraus hat gemeinsam mit Egon Englisch und den Ortschronisten der Katastralgemeinden ein Buch daraus gestaltet, ein besonderes Buch.

Die Geschichte der Weinstadt begann 1194, ihre Riede Hermannschachern zählt zu den ältesten urkundlich erwähnten in Österreich. Poysdorf liegt im nördlichen Weinviertel an der Brünner Straße, im Weinviertler Hügelland. Die Stadt hat rund 5500 Einwohner und besteht aus einem Dutzend Katastralgemeinden. Fast alle sind mit Bildern in diesem Band vertreten. Die meisten stammen von Ansichtskartenfotografen, die Ende des 19. Jahrhunderts durch die Lande zogen und für jedes Kaufhaus eigene Motive herstellten. Besonders beliebt waren bunte Karten, die mehrere Sehenswürdigkeiten und Dekorelemente kombinierten. Ein solcher "Gruss aus Poysdorf" wurde 1899 vom Fotografen Pateiski entworfen. Er hatte im 13 km entfernten Feldsberg (Valtice, Tschechien) sein Atelier und brachte am Rand der Ansichtskarte auch noch seine Eigenwerbung unter. So erfährt man, dass er "lebensgroße Brustbilder" um 5 fl. und Stereoskope um 3 fl. anfertigte. 25 Ansichtskarten waren um 1 fl. zu haben. "Hier ist alles zu sehen, was Poysdorf um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zu bieten hatte: das neue Rathaus und das neue Bezirksgericht, die frisch errichtete Bürgerschule, der mondäne Dreifaltigkeitsplatz und natürlich die Wallfahrtskirche Maria Bründl", beschreibt Werner Kraus die Chromolithographie, die mit Weintrauben, Rosen und goldenen Ornamenten geschmückt ist. Ein Pendant ist ganz ähnlich gestaltet, nur hat Herr Pateiski die Ansicht der Schule durch die des Bahnhofs ersetzt und auch noch Platz für eine Weinbäuerin gefunden. Dafür fehlt die Eigenwerbung. Die jüngste Karte ist ein Luftbild aus dem Jahr 1964 mit dem Silo der Lagerhausgenossenschaft. Dazwischen sind zahlreiche Straßen- und Häuseransichten entstanden, die der Autor kenntnisreich kommentiert. Dabei zieht er auch Parallelen zur Gegenwart.

Maria Bründl ist bis heute ein bekanntes Wallfahrtsziel. 1655 stand im Sumpfgebiet des Poybaches ein Holzkreuz. Als die Pest ausbrach, gelobten die Wilhelmsdorfer den Bau einer Kapelle, neben der eine Quelle entspringt. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts berichtete man von 43 wunderbaren Heilungen. 1740 baute Donato Felice d'Allio, der auch für die Grunherrschaft Stift Klosterneuburg tätig war, die barocke Wallfahrtskirche. Auch heute gibt es zu den Marienfeiertagen am 2. Juli und am 8. September große Bründlfeste.

Die Wallfahrtskirche in Altruppersdorf ist den Pestheiligen Sebastian, Rochus und Rosalia geweiht. 1908 kam im nahen Stagelwald eine Lourdesgrotte dazu. Der Anlass war ein doppelter: 60.Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs und 50. Jubiläum der Marienerscheinungen von Lourdes. Seither findet jährlich im Mai das Grottefest statt.

Erdberg bei Poysdorf profitierte von seiner Lage an der Poststraße nach Brünn. Der Einkehrgasthof, wo die Pferdewagen Rast machten, war ein herrschaftliches Gasthaus der Liechtensteiner. Der Ort bewahrte bis ins 20. Jahrhundert seine bäuerliche Struktur.

Auch in Föllim bestand eine Wallfahrtskirche, diesmal zum hl. Ulrich. Die Ansichtskarte aus dem Jahr 1920 zeigt sie im oberen Drittel. In der Mitte ist das Kaufhaus zu sehen, unten das Feuerwehrhaus.

Über Ketzelsdorf schreibt Werner Kraus: "Ketzelsdorf ist ein Ort mit großer geschichtlicher Bedeutung, war das Gemeindegasthaus doch von 1564 bis 1709 eine wichtige Poststation auf der Venedigerstraße, der damals wichtigsten Verbindung zwischen Donau und Mähren. Weil es keine Handwerker und keine Kirche gab, verlor Ketzelsdorf 1709 die Poststation an Poysdorf. " Man erfährt auch, dass die Filialkirche, ohne Wissen des zuständigen Pfarrers 1837/38 in kürzester Zeit errichtet wurde.

Seit 1888 brachte die Bahn Wallfahrer nach Maria Bründl. Daher durften die Kirche und der Bahnhof auf der kombinierten Ansichtskarte "Gruß aus Kleinhadersdorf" nicht fehlen. Die weiteren Bilder zeigen Sujets aus dem Ort.

Die Pfarre Poysbrunn "Zur heiligen Dorothea" war schon 1402 selbstständig. Aus der gleichen Zeit stammt die Belehnungsurkunde für die Feste Poysbrunn. Im 17. Jahrhundert ließen sie die Grafen Trautson als Schloss ausbauen.

Die Geschichte von Walterskirchen ist eng mit dem Schloss Coburg verbunden. Zur Biedermeierzeit war es für seine Schönheit und den Park im englischen Stil berühmt. Auch heute bewirtschaftet die adelige Familie das Gut. Eine Fotokarte zeigt die Fassade, Hof und Garten sowie das Forsthaus des Schlosses.

Das Längsangerdorf Wetzelsdorf präsentiert sich auf einer Ansichtskarte aus dem Jahr 1900 mit einem Maibaum. Der Anger wurde zur Parkanlage umgestaltet. 1831 gelobte die Gemeinde eine Wallfahrt nach Maria Bründl, um von der Cholera verschont zu bleiben. Die jährliche Fußwallfahrt wird noch immer durchgeführt.

Wilhelmsdorf ist die letzte Station der Postkartenreise durch Poysdorf und seine Katastralgemeinden. Aus dem Bildtext lernt man die einst berühmte Waldviertler Kirtagskultur kennen: "Der Kirtag im Wilhelmsdorfer Gemeindegasthaus war einst als 'Backhendlkirtag' bekannt, denn hier gab es die ersten und besten Backhendln zu essen. Die Rekruten bildeten das Kirtagskomitee und luden am Kirtagsmontag zum Burschenamt ein. Am Vormittag gab es noch den Solotanz für die Prominenz. Bürgermeister, Vize und alle Vereinsfunktionäre waren hier. Beim Abendessen waren die Poysdorfer Geschäftsleute am Kirtag. Beim Kegelscheiben war täglich eine Uhr zu gewinnen."