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Wolfgang Maderthaner (Hg.): Österreich. 99 Dokumente, Briefe, Urkunden.#

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Wolfgang Maderthaner: Österreich. 99 Dokumente, Briefe, Urkunden. Mit Beiträgen von Christian Glanz, Gerhard Gonsa, Oliver Henhapel, Herbert Hutterer, Thomas Just, Michael Loebenstein, Kathrin Kininger, Helmut Konrad, Margaretha Kopeinig, Susanne Kühberger, Dieter Lautner, Michaela Maier, Manfred Matzka, Verena Moritz, Alfred J. Noll, Ferdinand Opll, Robert Rill, Maria Röhsner, Kurt Scholz, Stefan Seitschek, Pia Wallnig, Helmut Wohnout, Ingo Zechner. Redaktion: Sema Colpan und Michaela Follner. Verlag Christian Brandstätter Wien. 592 S., ill., € 50,-

Der Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, Wolfgang Maderthaner, hat für den Prachtband zum heurigen Jubiläums- und Gedenkjahr 99 Urkunden, Dokumente und Briefe ausgewählt, die zeigen, wozu dieses Land imstande war und ist – von kulturellen Höchstleistungen bis zur tiefsten Barbarei. Bei den besonderen Fundstücken aus dem Österreichischen Staatsarchiv stehen „Klassiker“ des historischen Gedächtnisses neben Unerwartetem und Überraschendem.

In der Einleitung schreibt der Autor, die vorliegende Publikation versuche " anhand von 99 signifikanten Dokumenten und historischen Quellen, das genuin Österreichische in möglichst all seinen unterschiedlichen (auch widersprüchlichen und paradoxen) Facetten auszumachen. Es wurden ausschließlich Dokumente herangezogen, die sozusagen aus sich heraus den Kern des Österreichischen/Kakanischen/Republikanischen verkörpern und in ihrer Abfolge (und Kommentierung) eine dichte Beschreibung von Geschichte und Habitus des zentraleuropäischen Raums zu liefern vermögen."

Die älteste Urkunde im Österreichischen Staatsarchiv stammt aus dem Jahr 816. Darin bestätigt Ludwig der Fromme der Salzburger Kirche fundamentale Rechte, die ihr sein Vater, Karl der Große, verliehen hatte. Die "Immunität" bildete einen Grundstein für die Landesherrschaft der Salzburger Erzbischöfe, die bis 1803 Landesfürsten in ihrem Territorium blieben. 1816, genau 1000 Jahre nach der Ausstellung der Urkunde, kam Salzburg endgültig zu Österreich.

1358/59 entstanden in der Kanzlei Herzog Rudolf IV die "Österreichischen Freiheitsbriefe". Die fünf Urkunden basierten teilweise auf Vorurkunden, teilweise waren sie frei erfunden. Sie sollten die Stellung der österreichischen Länder im Reich und den Rang der Habsburger unter den Reichsfürsten untermauern. Die berühmteste ist das Privilegium maius, die Erweiterung des Privilegium minus von 1156. Es wurde bei der Herstellung des "Maius" vernichtet und seine Goldbulle an diesem angebracht. 1453, ein Jahrhundert nach der Entstehung, bestätigte Kaiser Friedrich III. den Inhalt der Österreichischen Freiheitsbriefe. Vierhundert Jahre später, 1852 stellte man fest, dass es sich beim Privilegium maius um eine Fälschung handelt.

Die Pragmatische Sanktion als künftige Erbfolgeordnung der Habsburgermonarchie ist wohl eines der bekanntesten Dokumente der österreichischen Geschichte. "Die von Kaiser Karl VI. 1713 veröffentlichte Thronfolgeordnung, gekoppelt mit dem Prinzip der Unteilbarkeit des Herrschaftsgebiets, sollte sich als zentraler konstitutioneller Baustein der Donaumonarchie herauskristallisieren. Dennoch mündet das Ableben des Kaisers ohne männlichen Nachfolger und der Amtsantritt Maria Theresias in einen Erbfolgekrieg." Weniger bekannt ist das persönliches Tagebuch des letzten Habsburgerkaisers, "eine einzigartige Quelle für die politischen und persönlichen Entwicklungen am Wiener Hof."

Zwei Drittel dieses außergewöhnlichen Buches sind der Geschichte der Habsburger-Monarchie gewidmet. Die Josephinischen Reformen, die Napoleonischen Kriege, der Wiener Kongress, der Regierungsantritt Kaiser Franz Josephs, der Erste Weltkrieg sind Zäsuren, die man aus Geschichtsbüchern kennt. Das vorliegende Werk übersieht aber auch einzelne Menschen, ihr Schicksal und ihren Alltag nicht. Es erinnert u. a. an die Kolonisten, die im 18. Jahrhundert im Banat angesiedelt wurden, an die Vampir-Gläubigkeit in der Wallachei, die befreiten Untertanen, den Bäckersturm von 1805, Revolution und Konterrevolution 1848. Es erzählt von Persönlichkeiten wie W.A. Mozart, Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven, Gustav Mahler, Viktor und Emma Adler, Sigmund Freud, Gustav Klimt oder Genia Schwarzwald.

"Am 12. Februar 1918 wird im Parlament die Republik Deutsch-Österreich ausgerufen. Angesichts der enormen Tragweite des politischen, ökonomischen und militärischen Zusammenbruchs des Habsburgerreichs schwankt die Stimmung zwischen tiefgreifender Verzweiflung und Hoffnung auf die Stabilität der republikanisch-demokratischen Kräfte." Das Bundes-Verfassungsgesetz vom 1. Oktober 1920, die "Kelsen-Verfassung", bildete die zentrale normative Säule der jungen Republik. Das Leuchtturmprojekt des Roten Wien war der Wohnbau: 1923 bis 1934 entstanden 65.000 Gemeindewohnungen mit Gemeinschaftseinrichtungen und Grünräumen sowie 5.000 Siedlungshäuser. Rückblickend erkennt man in der Zwischenkriegszeit "die Krise einer Kultur". Dazu schreibt Wolfgang Maderthaner: "Die politische Krise der späten 1920-er Jahre wird angeheizt durch die ökonomische. Die globale große Depression ab Oktober 1929 mit all ihren sozialen und psychologischen Folgewirkungen raubt Arbeit, Erspartes, Perspektiven. Die Regierung setzt auf autoritäre Lösungsmuster." Dem Ständestaat folgte - ausführlich dokumentiert - das düsterste Kapitel, die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Die Wiederaufbaujahre charakterisieren u. a. Sozialpartnerschaft, Verstaatlichung, Marshall-Plan, Kraftwerk Kaprun, und der Staatsvertrag. Mit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union 1995 begann " eine neue Phase grenzüberschreitender wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit." Dieser "Meilenstein der Zeitgeschichte des Landes" steht als 98. Kapitel im Jubiläumsband. Das 99. ist André Hellers poetischer Intervention "Leon Wolke" gewidmet. Das 100. trägt den Titel "Epilog - Der Kampf um die Seele Europas", es geht um Flüchtlinge und Großbritanniens Brexit: " Die Kompassnadel kreist, die künftige Ausrichtung Europas ist mehr denn je ungewiss."

Das Jubiläumswerk zeigt, "wie sehr das Vergangene nach wie vor auf die Gegenwart wirkt" . Der Brandstätter-Verlag nennt sein Buch "eine völlig neuartige Geschichte Österreichs von den Anfängen bis zur Gegenwart" . Er hat nicht zu viel versprochen und in bewährter Weise eine kostbare Ausgabe besorgt. Format und Ausführung, 150 exzellente Abbildungen, perfektes Layout und der edle, goldfarbene Hardcover-Umschlag unterstreichen die Bedeutung des Inhalts.