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Robert Misik, Christine Schörkhuber, Harald Welzer (Hg.): Arbeit ist unsichtbar#

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Robert Misik, Christine Schörkhuber, Harald Welzer (Hg.): Arbeit ist unsichtbar. Die bisher nicht erzählte Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Arbeit Picus Verlag Wien. 240 S. ill., € 24,-.

Der Wehrgraben ist ein Seitenarm der Steyr. Er gab einem Stadtteil den Namen, der Jahrhunderte lang die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Steyr bestimmte. Seit dem 15. Jahrhundert nutzten hier Mühlen, Schmieden und Schleifen die Kraft des Wassers. Bis 1914 war auch die "Steyr-Werke AG" hier ansässig, danach stellten die Hack-Werke Messer - erstmals mit Wellenschliff und rostfrei - her. 1981 wurden die Fabriksgebäude versteigert. Als einziger Bieter erwarb der gewerkschaftsnahe Verein Museum Arbeitswelt zwei Hallen, um darin ein Industriemuseum einzurichten. Die erste Präsentation in den denkmalgeschützten, revitalisierten Gebäuden war 1987 die oberösterreichische Landesausstellung "Arbeit / Mensch / Maschine".

Seither sind mehr als 30 Jahre vergangen. Die Themen der jährlich wechselnden Ausstellungen, wie Globalisierung, Umwelt, Migration, Menschenrechte, Frauen, Technik, Zeitgeschichte … spiegeln gesellschaftliche Umbrüche wieder. Erklärtes Ziel war es, in der Auseinandersetzung mit historischen Kräften des Wandels die zukünftige Veränderbarkeit erfahrbar zu machen. Mit wechselnden Ausstellungen sollte immer wieder die Gestalt verändert werden. 2018 steht unter dem Motto "Arbeit ist unsichtbar". Über "die bisher nicht erzählte Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Arbeit" ist ein Buch erschienen.

Sind schon der Titel und die Gestaltung unkonventionell, so handelt es sich auch nicht um einen Ausstellungskatalog im herkömmlichen Sinn. Sechs Abschnitte der Publikation sind mit Ausstellungsthemen verknüpft. "Sichtbar / Unsichtbar" bildet das Leitthema der Konzeption. "Die Hypothese lautet: Die Welt funktioniert nicht nach Maximen der sichtbaren Oberflächengeschichte der formalen Ökonomie, sondern nach Prinzipien der moralischen Ökonomie … nach Überzeugungen, was gut oder schlecht für das eigene Beziehungsgefüge ist."

Abschnitt 1 beleuchtet das Verhältnis von Arbeit, Macht und Mensch. Es geht um Kontrolle, Kooperation und Kollegialität. Dabei entwickeln sich Handlungsspielräume für die Beschäftigten. Diese, der Macht der Unternehmensleitung unterworfen, passen sich den Vorgaben an, wandeln sie aber auch ab, "und eine Unternehmensleitung ist gut beraten, den Eigensinn der Mitarbeiter zu achten", meinen die Herausgeber. Abschnitt 2 behauptet "Arbeit ist nur ein Gefühl". Beim Wort "Arbeit" denkt man zunächst an Tätigkeiten, doch: "Gefühle, Emotionen spielen am Arbeitsplatz eine zentrale Rolle. … Die emotionale Seite der Arbeit wird heute längst in den Managementdiskursen anerkannt und 'emotionale Kompetenz' wird gefördert." Der erste Ausstellungsteil illustriert "Geschichten aus der Industrieregion Steyr". Die Fotos im Buch zeigen beispielsweise das Denkmal des Industriepioniers Josef Werndl und - drei Mal - in seiner Fabrik hergestellte Gewehre. Der "österreichische Volkswagen", das "Steyr-Baby", erscheint nicht im Bild. Nach dem Niedergang der Steyr-Daimler-Puch AG heißt der größte Arbeitgeber der Region seit 1982 BMW. Steyr ist das weltweit größte Motorenwerk des Konzerns. Jährlich verlassen 1,3 Millionen Motoren das Werk.

Abschnitt 3 trägt den Titel "Arbeit Macht Raum", denn Geographie ist immer Wirtschaftsgeographie. Steyr wurde zur Industriestadt, weil der Erzberg in der Nähe liegt und Flüsse den Transport erleichterten. Bald war die Stadt mit Wien und mit globalen Absatzmärkten verbunden. Abschnitt 4 nennt sich "Arbeit ist Bewegung", doch ist damit nicht der Transport gemeint, sondern die Arbeiterbewegung. Mit der industriellen Arbeit entstanden neue Organisationen. Partei und Gewerkschaft traten neben Familie und Freundeskreis. Ein weiterer Teil der Ausstellung zeigt "eine kleine Geschichte der Arbeitszeit", ein wesentliches Thema vom "blauen Montag" zum Achtstundentag. Das Spannungsfeld zwischen Autonomie und Zwang symbolisiert eine Fabriksglocke aus dem 19. Jahrhundert. Auch in Steyr markierte die Fabrik so Arbeitsbeginn und Schluss. Für die Freizeit standen den Arbeitern eigene Siedlungen, Gasthäuser und Vereine zur Verfügung. Um 1900 löste die Stechuhr die Fabriksglocke ab, um 1930 sollten Stoppuhren einzelne Arbeitsschritte messen. Heute muss man sich fragen, ob Errungenschaften wie 40-Stunden-Woche oder ein freies Wochenende in der digitalisierten Lebenswelt bestehen können.

Abschnitt 5 führt zum Leitthema "Arbeit ist unsichtbar". Gefühle, Informelle Regeln und deren Umgehung, Hackordnungen unter Kollegen … sieht man dem Produkt nicht an, und man darf ihm die Mühe auch nicht ansehen. Abschnitt 6 nennt sich "Die Geschichte der Zukünfte". Grammatikalisch hat Zukunft keine Mehrzahl, aber sie scheint nötig. Zu unterschiedlich sind die kommenden Chancen und Probleme für Einzelne und Gruppen. Prognosen werden immer schwieriger, aber die Herausgeber zeigen sich optimistisch. "Der Wohlstand wird wachsen und wir müssen uns nicht davor fürchten, dass uns die Automaten die Arbeit wegnehmen."

Doch: halt! Der Widerspruch findet sich als "Nachsatz", wo das Buch eigentlich schon zu Ende ist, innen auf der 4. Umschlagseite. Es ist ein Text aus dem Leben, der, wenn man den Gefühlen Platz geben will, zu Herzen geht: "Von der schwarzen Kunst zu Bits und Bites". Als Helmut Maresch, der Korrektor des Buches, 1975 seine Lehre zum Schriftsetzer begann, verwendete er Material wie zu Gutenbergs Zeiten: Setzkasten mit Lettern aus Blei und Holz. In der Frühzeit des Buchdrucks waren Schriftsetzer hoch angesehen, da sie, wie sonst nur Adelige, Mönche und Gelehrte, Schreiben und Lesen konnten. Sie durften sogar einen Degen tragen. Sein erstes selbst gesetztes Plakat affichiert zu sehen, erfüllte Helmut Maresch mit Freude und Stolz. Nachdem in den 1980er Jahren der Fotosatz das Blei verdrängte, wurde er selbstständiger Korrektor und Intranet-Redakteur. Hauptberuflich aber arbeitet er als Portier in einem Industriebetrieb.