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Nadja Neuner-Schatz: Wissen Macht Tracht im Ötztal#

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Nadja Neuner-Schatz: Wissen Macht Tracht im Ötztal. bricolage monografien – Band 2 innsbruck university press • iup. Innsbruck. 228 S., ill., € 24,90

Acht Frauen nehmen an einem Nähkurs teil. Sie sind Anfang 20 bis Mitte 40 Jahre alt, modisch up to date, sportlich, berufstätig. Im Alltag würde man ihnen nicht zumuten, dass es ein Trachtennähkurs ist, den sie in der Landwirtschaftlichen Landeslehranstalt in Imst besuchen. Eine der acht ist Nadja Neuner-Schatz, die in Innsbruck Europäische Ethnologie studiert. Für sie ist der Kurs ein Forschungsfeld, dem sie sich in teilnehmender Beobachtung nähert und darüber, wie jetzt state of the art, ein Feldtagebuch führt. Am Ende besitzt sie eine "Obere Unterinntaler Tracht", die sie eigentlich nicht haben wollte und findet ihre Forschungsannahme bestätigt.

Das praktische Kapitel bildet den Abschluss des Buches, das auf die Masterarbeit der Autorin an der Universität Innsbruck und das Drittmittelprojekt "Tiroler Trachtenpraxis im 20. und 21. Jahrhundert" zurückgeht. In dem mehrjährigen Projekt von Institut und Tiroler Volkskunstmuseum geht es um die "historisch kritische Aufarbeitung des Trachtenwesens in Tirol und seiner ideologischen Fundierungen, ihrer Provenienz und Kontinuität. Dabei liegt der Schwerpunkt des Projekts auf der Untersuchung der Mittelstelle Deutsche Tracht (Einrichtung am Tiroler Volkskunstmuseum 1939-1945) und der Arbeiten wie der Rezeption der Leiterin der Mittelstelle, Gertrud Pesendorfer (1895-1982)."

Land und Leute in Tirol fanden schon das Interesse früher Volkskundler wie Karl von Lutteroni (1783-1872) oder Ludwig von Hörmann (1837-1924). Dies traf sich mit der touristischen Erschließung des Ötztals. Im 20. Jahrhundert wurde das bisher eher beschreibende Wissen um "Tracht" zu "volkskundlichem Anleitungswissen, das zur Herstellung von neuen Trachten diente". Damit verbunden war die Idealisierung der "echten" Tracht, bei der dem Volkskunstmuseum eine bedeutende Rolle zukam. In der NS-Zeit wurden "volkskundliche Wissensbestände aus dem frühen 20. Jahrhundert verfestigt" und ideologisch propagiert.

Gertrud Pesendorfer, seit 1939 stellvertretende Museumsleiterin und Reichsbeauftragte der Reichsfrauenführung für das Trachtenwesen, unterstanden bis zu 45 Mitarbeiterinnen im Wissens- und Praxisfeld "Tracht". Es gab eine eigene Trachtenwerkstätte, SchneiderInnen und LehrerInnen wurden geschult, Vereine eingekleidet, Interessierte beraten, Wettbewerbe veranstaltet und Vorbilder in Trachtenmappen zusammengestellt. Die Autorin zeigt vielerlei Zusammenhänge, die, wie sie schreibt, "so" noch nicht beschrieben wurden. Volkskundliche Theorien und Vorstellungen, die als längst widerlegt und überholt gelten, werden aus ihrer Perspektive zur Quelle einer kritisch-reflexiven Wissenschaftsgeschichte und Wissensforschung.

Der umfangreiche theoretische Teil - Einleitung, Methodisches, Theoretische Bezüge, "Wissen von Tracht" - beleuchtet die Situation um 1900, Begriffe und Bedeutungen der Trachtenforschung, die Anfänge volkskundlichen Wissens im Ötztal, Motive und Topoi, deskriptiv-volkskundliches Wissen und seine Anwendung ("Transformieren"), Manifestationen und Institutionen des Wissens von "Tracht", ehe es zur Praxis des "Tracht"-Machens geht.

Um die Tracht/Wissens-Beziehungen zu erforschen, hat die Autorin an dem eingangs erwähnten Kurs teilgenommen. Dabei beschreibt sie, anhand des Feldtagebuches, auch "Erlebtes und Gefühltes". Am ersten Kurstag nimmt sie die Schule "als angenehm warmen und freundlichen Ort" wahr. Die Kursleiterin erlebt sie als "eine gepflegte, jugendlich-sportliche Frau Anfang Fünfzig" und charakterisiert die Teilnehmerinnen sympathisch. Die Parallelgruppe wird von einer Expertin geleitet, die als "unser Trachtenpapst" gilt, über "Echtheit" entscheidet und ihr unbekannte Modelle als "Dirndl" disqualifiziert. Sie hatte bei alten Tirolerinnen recherchiert, die Trachtenmappe für Schule und Heimatwerk zusammengestellt und die schuleigene Trachtensammlung betreut. Die Autorin verschweigt nicht ihren Ärger über die fehlende Wahlfreiheit. Die "richtigen" Stoffe mussten im Heimatwerk besorgt werden. Bei dem Modell, das sie nähen sollte, gab es nur zwei Farbkombinationen, die sie nicht ausgesucht hätte. Weil die Trachten einen Grundschnitt haben, sind die Farbvorschriften, ausgehend von einer in den 30er Jahren entstandenen regionalen Zuordnung, wichtig zur Unterscheidung. Nach 80 Jahren gelten dieselben Richtlinien, entscheiden "Echtheit" und "Bodenständigkeit". Die Vorlagen für die angefertigten Modelle fanden sich in "Lebendige Tracht in Tirol" von Gertrud Pesendorfer (1966/1982). Für die Autorin war es bedrückend, dass " das Recht, ein bestimmtes Modell zu tragen oder zu machen" an den Geburts- oder Wohnort gebunden schien. Dem entsprechend nähten von den acht Teilnehmerinnen in Imst fünf das gleiche Modell. Obwohl sich ein gewisser Wandel beobachten lässt, sind dort "Phantasietrachten" , wie sie in den Dreißigerjahren verpönt waren, unerwünscht.