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Andreas Nierhaus - Eva Maria Orosz (Hg.): Otto Wagner#

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Andreas Nierhaus - Eva Maria Orosz (Hg.): Otto Wagner. Wien Museum, Residenz Verlag Wien. 512 S., ill., € 50,-

Ein besonderer Anlass, eine besondere Ausstellung, ein besonderes Buch: 2018 jährt sich der Todestag des Architekten Otto Wagner (1841-1918) zum hundertsten Mal. Das Wien Museum widmet dem Jubiläum die größte, je organisierte Schau über den Wegbereiter der modernen Architektur. Mit weit über 1000 Blättern besitzt es den größten Teil von Wagners Zeichnungen. Das Buch zur Ausstellung haben der Kurator und die Kuratorin als neues Standardwerk konzipiert.

Der Band enthält Beiträge renommierter ExpertInnen und den ersten kommentierten Katalog sämtlicher Arbeiten Wagners. Sein Tod markiert das Ende einer Epoche. Andreas Nierhaus und Eva Maria Orosz weisen einleitend darauf hin, dass die jüngeren Künstler Gustav Klimt (* 1862), Koloman Moser (* 1868) und Egon Schiele (* 1890) ebenfalls im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs verstarben. Mehr als ein halbes Jahrhundert später suggerierte die Marke "Wien um 1900" einen "leicht konsumierbaren, harmlosen Jugendstil". Heute gelte es, die überragende Qualität von Wagners Bauten ebenso wie die Brisanz und Aktualität seiner Schriften in den Vordergrund zu rücken - was mit Schau und Buch "in exemplarischer Weise" (Direktor Matti Bunzl) gelungen ist.

Die Herausgeber haben den Prachtband in zwei große Abteilungen gegliedert. Das erste Drittel umfasst grundlegende Artikel internationaler ExpertInnen. Sie stellen Wagners Pioniertaten in größere Zusammenhänge, wie die Geschichte der modernen Architektur, Wagner im Urteil seiner Zeitgenossen, internationaler Kontext, die Wagner-Schule, Stadtplanung oder Wagner und das Rote Wien. Als die Stadtregierung zwischen 1919 und 1934 mit den Gemeindebauten eine der größten urbanistischen Initiativen im Europa der Zwischenkriegszeit setzte, beschäftigte sie rund 190 Architekten. 33 von ihnen hatten eine Ausbildung bei Otto Wagner absolviert. Eine kleine Gruppe von Wagnerschülern spielte eine zentrale Rolle, indem sie die größten und bedeutendsten Objekte, wie den Karl-Marx-Hof, plante. Schon am Beginn ihrer Ausbildung ließ Wagner seine Studenten Miethäuser entwerfen, um sie auf die häufigste zukünftige Aufgabe vorzubereiten. Der Professor selbst baute und besaß eine Reihe von Zinshäusern. Jene an der Wienzeile sind die einzigen des geplanten Boulevards, der mit der Regulierung der Wien und des Naschmarkts entstehen sollte. Nicht selten blieben seine Entwürfe, die er in spektakulären Zeichnungen visualisierte, nur Projekte. Keines beschäftigte ihn so intensiv, wie das Stadtmuseum am Karlsplatz (seit 1900). Nachdem konservative Kräfte dieses vereitelt hatten, sollte der Bauplatz auf die Schmelz verlegt werden, doch auch dort wurde das Museum bekanntlich nicht realisiert. Die Wiener Stadtbahn, die Postsparkasse oder die Kirche am Steinhof sind Schlüsselwerke der Moderne. Als Antwort auf den Historismus entwarf Wagner eine strahlende, rationale Zukunftsarchitektur, die auf Zweck, Material und Konstruktion beruhte. Er verwendete nicht nur bahnbrechende Materialien, wie Eisenbeton, sondern legte bei aller Großzügigkeit Wert auf solide Ausführung der Details. Der "geniale An- und Aufreger" entwarf Alltagsgegenstände von innovativem Charakter aus neuen Materialien, etwa Vitrinen aus Metall oder Interieurs seiner Villen bis hin zur gläsernen Badewanne. "Die Textilien des Architekten" spielten zwar eine bedeutende Rolle, auf ihre Vielfalt geht aber erst jetzt ein Beitrag von Angela Völker, ehem. Leiterin der Textilsammlung im MAK, näher ein. Der Kunsthistoriker und Moderne-Experte Peter Haiko schreibt über das "zeitgemäße Ornament bei Otto Wagner". Er zitiert das Bestreben des Stadtbahnerbauers, dass nichts, "kein Bahnhof, kein Magazin, keine Brücke" vergeben werden darf, ohne im Atelier "künstlerisch und modern" ausgestaltet worden zu sein. Die Zäsur zwischen dem ersten und zweiten Teil des Buches bilden rund 30 ganzseitige Farbbilder, die Wagners Werke in Ganzansichten und Details darstellen. Reich illustriert ist auch der darauf folgende ausführliche Katalogteil, der 159 ausgeführte Bauten bzw. Projekte umfasst. Grundlage bildete das von Otto Antonia Graf publizierte Verzeichnis, ergänzt um neue Funde. Den Texten folgt jeweils eine Auflistung der erhaltenen Zeichnungen und Reproduktionen. Die Objekte sind, nach dem Entwurfsjahr, chronologisch geordnet, vom Jagdhaus, einem Projekt aus der Studienzeit (1860) bis zum Miethaus "Künstlerhof", das Wagner 1918 für sich in der Wiedner Hauptstraße errichten wollte.

Ganz neu ist der Katalog der kunstgewerblichen Arbeiten, die bisher in keinem Werkverzeichnis aufgeschienen sind. Er umfasst 30 Nummern, Entwürfe für Luster, Ofen, Grafiken und Gebrauchsgegenstände. Die beiden Aufsatzschränke mit japanischem Dekor, die Wagners Atelier zierten, sind ebenso mit Farbfotos vertreten wie der Armlehnsessel für Bürgermeister Karl Lueger oder ein Ehrbar-Flügel, beide aus Ebenholz mit Perlmutterscheiben. Die frühere Vizedirektorin des Wien Museums, Renata Kassal-Mikula ergänzt das Buch durch die Biographie des Künstlers. Darin finden sich Fakten zu seinem Lebensweg ebenso wie Privates (Drei Frauen, sechs Kinder), Karriere, Werke und Nachleben. Anlässlich der Werkbundtagung wurde 1930 beim Burgtor das Otto-Wagner-Denkmal aufgestellt. Josef Hoffmann hatte einen neun Meter hohen, einfachen Steinpfeiler mit einem Schriftblock („Dem großen Baukünstler Otto Wagner“, „Geb. Penzing 1841, gest. Wien 1918“ gestaltet. Seit 1959 befindet es sich bei der Akademie der bildenden Künste am Getreidemarkt.