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Hubert Nowak: Lesereise Wien#

Bild 'Nowak'

Hubert Nowak: Lesereise Wien. Walzer, Wein und Lebenskünstler. Picus Verlag Wien. 132 S., € 15,-

"Im Mittelpunkt steht das persönlich Erlebte und Erlebbare, die Begegnung mit dem Alltag der jeweiligen Schauplätze ebenso wie mit deren Eigenheiten und Absonderlichkeiten," charakterisiert der Picus-Verlag seine Reihe "Lesereisen". "Erstklassige ortskundige Autorinnen und Autoren berichten von fast hundertfünfzig Zielen auf der ganzen Welt." Eigentlich erstaunlich, dass Wien, der Verlagssitz, erst so spät an die Reihe kommt. Dafür hat man einen bekannten, bewährten Autor gefunden. Hubert Nowak war u .a. Moderator der "Zeit im Bild" und Direktor des ORF Landesstudios Salzburg. Auch der Mozartstadt widmete er schon eine Lesereise.

Für das Wien-Buch wählt er einen originellen Einstieg: seinen eigenen Namen. "Nowak" steht an zweiter Stelle der tschechischen Familiennamen, die bis vor kurzem 40 % der Wiener Telefonbucheinträge ausmachten. Er erzählt aber nicht die eigene Lebensgeschichte, sondern lässt einen Namensvetter, den Schauspieler und Kabarettisten Reinhard Nowak, die seine erzählen. Bei den Lesereisen stehen Menschen im Mittelpunkt, deren Biographie zugleich ein Charakteristikum der Stadt vorstellt. Reinhard Nowak gilt als typischer Vertreter der Wiener Spezies.

Im zweiten Kapitel begleitet Hubert Nowak einen Fremdenführer, der einer kleinen Gruppe das "romantische Wien" zeigt und der meint, dass man schon aufpassen müsse, "dass man nicht nur Klischees transportiert." Zu den Hauptsehenswürdigkeiten der ehemaligen Kaiserstadt zählt die Hofburg. Hier trifft sich der Autor mit dem Burghauptmann, der erklärt: die Hofburg ist "der größte zusammenhängende zivile Baukomplex Europas, nur der Vatikan ist größer." Franz Josephs Projekt Hofburg blieb unvollendet. Dieses Schicksal teilt sie mit dem Stephansdom. Sein Äußeres hat sich kaum geändert, seit man 1511 die Arbeiten am Nordturm einstellte. " Wien hat den einzigen großen Dom weltweit, bei dem der Turm höher ist als das Gebäude lang ist." Nowak besucht den Dombaumeister, begibt sich mit Steinmetzen und Restauratoren in schwindelerregende Höhen.

Die nächste Tour führt von der City hinaus nach Breitensee, "wo Kino mehr ist als nur Leidenschaft". Der Betrieb des ältesten dauernd bespielten Kinos der Welt (gegr. 1905) wird seit einem halben Jahrhundert von einer ehemaligen Mittelschulprofessorin geführt. "Die Schule war ihr Beruf, das Kino ihre Berufung", charakterisiert der Autor die Besitzerin der Breitenseer Lichtspiele. Filme ganz anderer Art sind im Internet abrufbar. Eine Opernsängerin, die nach dem Sturz des Schah aus Persien nach Wien kam, produziert hier "feministische Pornographie".

Ein Ehepaar, ehemalige Burgschauspieler, haben ihr eigenes Minitheater eröffnet. Ihr KleinKunstCafé ist unabhängig und kommt ohne Subventionen aus. Apropos Schauspieler: In St. Michael führte der Künstlerpfarrer Wolfgang Worsch ein gastliches Haus für die Bühnenprominenz und etablierte den "Aschermittwoch der Künstler" in Wien. Der Salvatorianerpater ließ die romanischen Teile der Michaelerkirche freilegen und die Gruft renovieren. Vom 16. bis ins 18. Jahrhundert fanden hier tausende Begräbnisse statt. 200 Särge aus Metall oder bemaltem Holz haben sich erhalten - mitsamt den mumifizierten Toten.

Womit man bei weiteren Wien-Klischees angelangt wäre. "Der Wein und der Tod" betitelt sich das Kapitel über das Wienerlied. "Lieder über Wien sind eine eigene Musikgattung. … Aber nur die Lieder über Wien heißen Wienerlieder. Lieder über Berlin zum Beispiel sind Berliner Lieder, aber nie Berlinerlieder." Von der Barockzeit bis in die Gegenwart reichen die Beispiele der im Wiener Dialekt gesungenen Stücke. Um diesen geht es in den folgenden Betrachtungen. "Die Untiefen der Sprache entblößen die Seele" , weiß der Autor und stellt fest: "Das Wienerische ist etwas sehr Musikalisches. "

Weiter mit Musik. Von den legendären Rosenhügel-Studios, die bis vor kurzem der ORF benützte, ist nicht viel geblieben. Nur zwei denkmalgeschützte Hallen stehen mitten in den neuen Wohnanlagen. Die 20 mal 30 m große und 12 m hohe Synchronhalle gilt weltweit als bestes Tonstudio für Filmmusik. Die "Synchron Stage" ist zum "Mekka der Hollywoodgrößen" geworden. "Was aus Wien kommt, hat im Musikbusiness Vorschusslorbeeren und wird zugleich an höchsten Maßstäben gemessen" , weiß der Komponist und Arrangeur Christian Kolonovits." Er hat hier u. a. sein für Andreas Gabalier und Anna Netrebko geschriebenes Duett aufgenommen. Den Rummel in der Öffentlichkeit meidet der Künstler, der lieber komponiert, aber allem zugetan ist, "was gut ist, gutem Wein, gutem Schnaps, gutem Essen."

Essen und Trinken, dürfen in einem Buch nicht fehlen, in dem es um Wien-Klischees geht. So endet das Bändchen mit Martinigans "wie bei der Oma" und dem Bobo-Treiben in den Lokalen am Donaukanal und im MuseumsQuartier. Der französische Schriftsteller Guy de Maupassat sprach schon im 19. Jahrhundert von "bourgeois bohème". Um 2000 verbreitete sich die Kurzform "Bobo" von New York in alle Welt. Hubert Nowak meint, dass Vertreter dieser Spezies, wie der viel zitierte Liebe Augustin, " in Wien immer schon existierten. Man nannte sie halt einfach anders. Lebenskünstler. Und es könnte auch sein, dass Wien einfach eine Stadt ist, in der man es versteht, gut zu leben."