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Ferdinand Opll, Martin Scheutz: Die Transformation des Wiener Stadtbildes um 1700#

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Ferdinand Opll, Martin Scheutz: Die Transformation des Wiener Stadtbildes um 1700 Die Vogelschau des Bernhard Georg Andermüller von 1703 und der Stadtplan des Michel Herstal de la Tache von 1695/97. Böhlau Verlag Wien. 212 S., ill. mit Faksimiles der beiden Pläne. € 36,-

Wiens Geschichte ist gut erforscht, trotzdem gibt es noch immer Entdeckungen. Ferdinand Opll, em. Direktor des Wiener Stadt- und Landesarchivs, und Martin Scheutz, Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien, sind ein bewährtes Autorenteam. Im Zuge ihrer Forschungen über die Hofburg stießen sie in Brüssel auf eine bisher unbekannte Wien-Ansicht aus dem Jahr 1703. Es handelt sich um eine farbig lavierte, ca. 63 x 55 cm große Federzeichnung "in der höchst anspruchsvollen Manier einer Vogelschau". Angefertigt wurde sie vom Dessauer Gesandten Bernhard Georg Andermüller (1644–1717), der sich vier Jahre lang (1699-1704) in Wien aufhielt. Minutiös verzeichnete der Diplomat Wohnorte und Entscheidungszentren der Residenz Wien im ausklingenden Zeitalter Leopolds I. Beschriftungen und eine umfangreiche Legende in deutscher und lateinischer Sprache verweisen auf mehr als 100 "vornehme Gebäude".

Zwei Jahrzehnte nach der Zweiten osmanischen Belagerung ist der Plan ein Spiegelbild der Transformation Wiens von einer bürgerlichen Stadt zur Residenz. Von Befestigungsanlagen umgeben und von der Donau begrenzt, zeigt sich eine Mischung aus giebelseitig der Straße zugewandten spätmittelalterlichen und neuzeitlich traufseitig stehenden Bürgerhäusern. Die meisten Kirchen tragen bereits barocke Zwiebelhelme. Die Zahl der 24 Kirchen und Ordenshäuser sowie acht Kapellen wird von den 40 in adeligem Besitz befindlichen Gebäuden weit übertroffen. Außer der exakt dargestellten kaiserlichen Burg schienen dem Diplomaten verschiedene Gasthäuser, Brunnen und Denkmäler wichtig. Markant zeichnen sich klösterlich dominierte Bereiche, ein militärischer Block (kaiserliches und bürgerliches Zeughaus, Arsenal) und ein Adelsblock entlang von Herrengasse, Wallnerstraße und der Stadtmauer im Südwesten ab. Im Süden dominiert die Hofburg.

Für die Autoren lässt die Andermüller-Karte vielfältige Schlüsse zu: "Es geht nicht bloß um die Veränderung von Topographie und Stadtbild, auch der politische, soziale und kulturelle Wandel sowie die künstlerische Neuformung der städtischen Welt schlägt sich hier nieder…" Der Plan aus dem Jahr 1703 schließt eine Lücke in der Reihe der bisher bekannten und ausgewerteten Vogelschauen Wiens, Jacob Hoefnagel (1609), Folbert van Ouden-Allen aus den 1680er Jahren und Joseph Daniel Huber (1778). Andermüller hat den Hoefnagel-Plan und wohl auch das erste Wiener Häuserverzeichnis von Johann Jordan (1701) gekannt. Obwohl er sehr exakt, mit wenigen Fehlern, arbeitete, ging es bei Bildwerken dieser Art nicht in erster Linie darum, die Orientierung zu erleichtern. Die frühen Stadtpläne verdankten vielmehr dem Interesse am Festungsbau ihre Entstehung und dienten administrativen Zwecken. Das Buch beschreibt neben der Transformation des Wiener Stadtbilds auch das Leben eines Diplomaten an der Wende von 17. zum 18. Jahrhundert. Sein Alltag bestand aus "Antichambrieren, Netzwerken und Verfassen von Relationen", er musste es verstehen, sich mit "Präsenten" beliebt zu machen. Er diente seinem Herrn - in diesem Fall dem reformierten Fürstentum Anhalt - als Informant über den Hof und das politische Geschehen. Neben seiner Tätigkeit blieb dem Dessauer Gesandten genug Zeit, als Privatvergnügen einen Plan von Wien zu zeichnen. Er sollte ein Unikat bleiben, an eine Reproduktion als Kupferstich war nicht gedacht. Besondere Beachtung verdient die Faksimile-Beilage. Sie ist gegenüber dem Original nur leicht verkleinert und trägt auf der Rückseite eine Umzeichnung samt Beschreibung der Objekte mit heutigen Adressen sowie der Basteien, Ravelins und Stadttore.

Um Befestigungsanlagen geht es im zweiten Plan und im zweiten Teil des aufschlussreichen Buches. Michel Herstal de la Tache entwarf 1695/97 ein Projekt zur Befestigung der Vorstädte. Die Innenstadt war seit dem 12./ 13. Jahrhundert durch eine Stadtmauer geschützt, die außerhalb liegenden Vorstädte jedoch nicht. Nur ein Zaun und einige Bollwerke mit Toren schirmten die kleinen Siedlungen ab. Sie befanden sich u. a. auf der Landstraße und beim Maria Magdalena-Kloster im Bereich Währinger Straße/Alser Straße. Die Vorstädte überstanden die Belagerung von 1529 nicht. Schließlich wurden sie 1704 durch den von Prinz Eugen forcierten Linienwall umgeben Er umspannte die Stadt in weitem Bogen zwischen St. Marx im Osten und Lichtental im Nordwesten. Ein Jahrzehnt zuvor hatte der aus Liège stammende Michel Herstal de la Tache Kaiser Leopold I. sein Projekt einer Befestigung präsentiert. Er betonte dem Regenten gegenüber, dass sein Plan zur Verschönerung und Erweiterung der Stadt beitragen sollte, wobei er auch die Wasserläufe einbezog. So könnte der Kaiser auf dem Wienfluss wie auf einem ruhigen Meer per Schiff in die Nähe von Schönbrunn gelangen. Auch an eine Donauregulierung samt neuer Brücke war gedacht. Der Niederländer, der auf Erfahrungen in seinem Heimatland zurückgreifen konnte, erhielt zwar ein Privileg des Kaisers, doch verfolgte der Hof das Projekt nicht weiter.

Zum Zug kam Prinz Eugens Linienwall, in dessen Schutz die Vorstädte aufblühten. Ein Kranz von Palais und Gärten umgab die Stadt. Siedlungsverdichtung setzte in ihrem Umland ein und die zerstörten Kirchen und Klöster wurden noch prächtiger aufgebaut als vor ihrer Zerstörung 1683. Detailliert beschreiben die Autoren die Transformation der Vorstädte und die Entwicklung der Vororte um 1700. Manche davon, wie Währing oder Nussdorf, finden sich auf dem Plan von Herstal de la Tache. Ausschnitte im Buch zeigen sie vergrößert. Da ihm auch dieses Plandokument als Faksimile beigegeben ist, eröffnet das Werk der beiden renommierten Historiker allen Interessierten neue Erkenntnisse.