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Friedrich Ploiner (Red.): Der Wagram#

Bild 'Wagram'

Friedrich Ploiner (Red.): Der Wagram. Eigenheiten und Besonderheiten einer Region. Herausgegeben vom Verein für Tourismus und Regionalentwicklung Region Wagram. Redaktion: Friedrich Ploiner. Mit Beiträgen von Rosa Ailer, Brigitte Andre, Johanna Bauer, Marianne Eckart, Adolf Ehrentraud, Johanna Ettl, Werner Heindl, Maria Knapp, Ludwig Leuthner, Peter Lochner, Herbert Lohner, Andreas Nowotny, Franz und Herlind Perlaki, Hermann Pistracher, Friedrich Ploiner, Christian Puluj, Karin Reichelmayer, Sepp Rittler, Anna Schabl, Georg Stradiot, Gertrude Täubler. Edition Winkler-Hermaden, Schleinbach. 132 S., ill., € 19,90

Der Wagram im niederösterreichischen Tullnerfeld ist eine steile, weithin sichtbare Geländestufe aus eiszeitlichem Löss. Seit 1999 bilden neun Gemeinden - Absdorf, Fels, Grafenwörth, Großriedenthal, Großweikersdorf, Kirchberg, Königsbrunn, Stetteldorf und Tulln - die Region Wagram. Jetzt haben sie gemeinsam ein modernes Heimatbuch herausgegeben. Mit Liebe und Lokalkenntnis, historischen Bildern und stimmungsvollen, aktuellen Fotos stellt es die Eigenheiten und Besonderheiten dieser Gegend vor. Zeittafeln der einzelnen Gemeinden informieren über ihre weit zurückreichende Geschichte.

Lössböden machen den Wagram zu einer Weinbauregion ersten Ranges. Löss, ein ockerfarbiges Sediment, besteht aus Quarz, Kalk und Tonerdesilikaten. Der feine Löss ist zugleich fest und porös, er kann bis zu 40 % des Jahresniederschlags speichern - ideale Voraussetzungen für den Weinbau. Zu den Spezialitäten zählt der Rote Veltliner, der in ganz Österreich nur auf 190 ha angebaut wird, zumeist hier am Wagram. In der neuen Vinothek "Weritas" (Wagram + Veritas) kann man ihn unter 250 Weinen von 50 Spitzenwinzern verkosten. Besucher schätzen aber auch die Kulisse der idyllischen Kellergassen mit ihren Hohlwegen. Sie haben sich zur Heimat bedrohter Vogelarten entwickelt, inzwischen sind Bienenfresser und Wiedehopf "inoffizielle Wappentiere".

Nicht nur Keller wurden gegraben, sondern auch die geheimnisvollen Erdställe. Diese Stollensysteme sind so niedrig, dass man sich darin nur gebückt oder kriechend vorwärts bewegen kann. Nach wie vor bleibt ihr Verwendungszweck rätselhaft. Geheimnisvoll präsentiert sich das Alchemistenlabor im Schloss Oberstockstall. Mit seiner Einrichtung aus dem 16. Jahrhundert gilt es weltweit als einzigartig. Hingegen ist der "Alchemistenpark" im Nachbarort Kirchberg am Wagram eine junge Attraktion. Seit 2007 enthält er als "essbare Landschaft" unbekannte Obstsorten. In der nächsten Gemeinde, Neustift, kann man im Piffl-Park einen fossilen Baum bewundern. Der Lehrer Ludwig Piffl erkannte die Besonderheit mehrerer in Schottergruben ausgebaggerter Stämmeund ließsie untersuchen: Die Kiefern und Birken sind rund 9700 Jahre alt.

Architektonisch hat(te) die Region Wagram einiges zu bieten. Manchmal gelingen großartige Revitalisierungen, wie beim Gesamtkunstwerk Schloss Stetteldorf mit seinem historischen Garten. Die Besitzer öffnen ihre Anlage für kulturelle Veranstaltungen. Ebenfalls aus privater Initiative entstand das "Museum der einfachen Dinge" in Großriedenthal. Der verlassene Bauernhof entpuppte sich im Zuge der behutsamen Restaurierung als Anwesen aus der Renaissancezeit mit Arkadengang und Sgraffiti. Die Einrichtung des Bauernhauses bildet nun den Grundstock des Museums. Ebenso überraschend war vor 15 Jahren eine Entdeckung im Dachraum der Filialkirche Winkl in Kirchberg. Dort zeigen Seccomalereien eine Paradies-Darstellung aus der Zeit um 1200. In jener Zeit entstand das Nibelungenlied. Das mittelhochdeutsch verfasste Heldenepos schildert die Begegnung der Burgunderkönigin Kriemhild, Siegfrieds Witwe, mit Etzel, dem damals mächtigsten Herrscher der Welt. Das Treffen fand in Tulln statt. Seit 2005 erinnert der Nibelungenbrunnen an der Tullner Donaulände an die literarische Begebenheit.

Nicht überall wurde mit dem historischen Erbe bewahrend umgegangen. Die Josephinischen Reformen besiegelten das Ende der populären Wallfahrtskirchen "Maria Trost" in Kirchberg und der "Frauenkirche" in Absdorf. Das Schifferwirtshaus Knödelhütte verschwand mit der Bedeutung des Salzhandels im 18. Jahrhundert. Das Absdorfer "Klösterl" und die "Haarhütten" von Stetteldorf mussten in jüngster Zeit Wohnbauten weichen. Einst für die Flachsverarbeitung bedeutend, wurden die Haarhütten 2017 demoliert.

Die Bezirkshauptstadt Tulln hat sich als "Gartenhauptstadt" profiliert, ist aber auch als "Stadt der Kreisverkehre" bekannt. Sie verfügt über 27 dieser verkehrstechnischen Einrichtungen, mit meist künstlerischer oder gärtnerischer Gestaltung. An der Südumfahrung weist ein "Draken" auf den nahen Fliegerhorst Langenlebarn hin. Das Areal des vor dem Zweiten Weltkrieg angelegten Flugplatzes in Fels am Wagram unterscheidet sich heute nicht mehr von den umliegenden Ackerflächen. Der Bahnhof Absdorf-Hippersdorf entstand 1870 als Knotenpunkt der Franz-Josefs-Bahn. In den letzten Jahren ausgebaut, dient er nun auch als Schnellbahnstation.

Die fast 50 Beiträge des Buches stammen von heimatverbundenen AutorInnen. So dürfen Themen wie Arbeit und Feste von einst - Weinbau Markt, Kirtag, Hochzeit - Dialektgedichte und ein Heimatlied nicht fehlen. Besondere Erwähnung finden drei prominente Persönlichkeiten der Region: der Barockmaler Martin Johann Schmidt (1718-1801) wurde in Grafenwörth geboren, Ignaz Joseph Pleyel (1757-1831) aus Ruppersthal war zu seiner Zeit der meist gespielte Komponist Europas, der Direktor der Universitätssternwarte und Kartograph Franz Triesnecker (1745-1817) ist der einzige Österreicher, nach dem ein Mondkrater benannt wurde.

Die heutigen BewohnerInnen "sind ein Spiegelbild ihrer Lebenswelt: freundlich und unaufdringlich … sie wissen, was sie sind und an ihrem Leben haben, sind stolz darauf - und überlassen es dem Einfühlungsvermögen des Gastes, selbst zu begreifen, in welches Paradies er seine Schritte gelenkt hat."