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Christian Reichhold: 100 x Österreich#

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Christian Reichhold: 100 x Österreich. Film. Amalthea Signum Verlag Wien. 256 S., ill., € 22,-

Auf den ersten Blick auf den Titel könnte man das Buch für eines halten, die heuer zum Jubiläums- und Gedenkjahr erschienen sind. 100 mal Österreich, kann vieles bedeuten; Geschichte, Landschaft, Menschen, Ereignisse… Der zweite Blick, auf den Namen des Autors und den Untertitel zeigt, dass es um Filme geht, und damit um alle diese Themen.

Christian Reichhold, laut Klappentext "weltreisender TV-Gestalter, Fotograf, Autor und Filmexperte" gestaltet u. a. ORF-Seitenblicke und berichtet von den alljährlichen "Oscar"-Verleihungen. Österreichische Filmschaffende wurden 113 mal für die wichtigste Auszeichnung ihrer Art nominiert und 37 mal prämiiert. Selbstverständlich spielen die Preisträger auch im vorliegenden Buch eine Rolle. Es präsentiert auf unterhaltsame Weise österreichische Filmgeschichte von der Stummfilm- und Tonfilmära bis 2018.

Ehe sich der Autor der subjektiven Auswahl seiner sehr persönlichen "100 besten österreichischen Filme" zuwendet, gibt er im "Vorspann" einen historischen Überblick: "Die 'siebente Kunst' erblickte das Licht der Welt in Frankreich, doch schon vier Monate nach der ersten Kinovorstellung am 28. Dezember 1895 in Paris" besuchte Kaiser Franz Joseph in Wien eine Vorstellung der "lebenden Photographien". Der Monarch, der "sein lebhaftes Interesse für den sinnreichen Apparat äußerte", bekam einen Meeresstrand mit schwimmenden Kindern, die Ankunft eines Zuges, eine einstürzende Mauer etc. vorgeführt. Acht Jahre später gab es in Wien drei Kinos, 1912 bereits 100. Christian Reichhold hat sich vorgenommen, möglichst vieles zu erwähnen und möglichst wenig zu verschweigen. So müssen auch Propagandafilme der NS-Zeit oder ideologisch stark gefärbte Produktionen aus den Nachkriegsjahren, für deren Herstellung die russischen Besatzer Filmmaterial zur Verfügung stellten, zur Sprache kommen. "Spätestens seit den 1990er Jahren ist 'made in Austria' in der Filmbranche wieder eine Art Gütesiegel" schreibt Christian Reichhold., ehe er sich seinen 100 Beispielen zuwendet.

Der Hauptteil "FILM(e) AB!" von 001 - "00Sex am Wolfgangsee" - bis 100 - "Wilde Maus" - ist alphabetisch, nicht chronologisch gegliedert. Jeder Film erhielt eine Doppelseite. Der pointierte Text enthält die Inhaltsangabe, zitiert Kritiken und verweist auf weitere Produktionen. Die vielsagenden Bilder - Filmstills, Programme, Autogrammfotos - wurden perfekt dazu komponiert. Der Hauptteil stellt Klassiker wie "Der dritte Mann", "Mariandl" und "Mephisto" ebenso vor wie Kassenschlager der jüngeren Vergangenheit, "Indien", "Das finstere Tal" oder "Hinterholz 8". Die Häuselbauer-Persiflage war mit 617.597 Besuchern der erfolgreichste österreichische Kinofilm. Vielleicht, so mutmaßt der Autor, weil sich viele mit den vom Pech verfolgten, völlig überforderten Heimwerkern wider Willen identifizieren. Er portraitiert Publikumslieblinge wie Hans Moser, Karl Merkatz oder Josef Hader, Filmemacher wie Maximilian Schell, Ulrich Seidl, Wolfgang Murnberger oder Franz Antel.

Im "Abspann" widmet sich Christian Reichhold österreichischen Filmen im weiteren Sinne. Dazu zählt die Produktion aus den Disney-Studios "Die Flucht der weißen Hengste", die er sarkastisch kommentiert, ebenso wie den japanischen Streifen "Ginrei No Ohja" (deutscher Titel: Der König der silbernen Berge") mit Toni Sailer. Die Produktion wurde zum Werbefilm für das Skifahren in Österreich. Umgekehrt erzielte der dreifache Olympiasieger mit dem Schlager "Am Fudschijama blüht kein Edelweiß" seinen größten Hit als Sänger. ("Am Fudschijama blüht kein Edelweiß / Du schöne Geisha lebe wohl / Am Fudschijama blüht kein Edelweiß / Drum fahr ich lieber nach Tirol") Berge und Bauten Österreichs sind gerne gewählte Kulissen internationaler Produktionen. Beispielsweise Burg Kreuzenstein, wo Willy Forst 1956 den Heimatfilm "Kaiserjäger" inszenierte. Horror-, Vampir- oder Abenteuerfilme wie "Die drei Musketiere" entstanden dort. Nicht immer sind die Orte das, was sie vorstellen sollen. Das Ephesos-Museum wurde in den Louvre verwandelt, die Seegrotte in der Hinterbrühl in den Keller der Bastille. Der Großglockner doubelte für "Heidi" den Schweizer Piz Bernina. Bei James Bond spielte Wien eine Doppelrolle: sich selbst und Bratislava. So mutierte die Volkoper zum slowakischen Konservatorium, "abwechselnd fahren Ladas und Fiaker durch die Gegend und ein paar Österreicher werden als Schauspieler engagiert."

Bis zur "Abblende" bleibt der Autor seinem hintergründig-originellen Stil treu. Wenn man im Kino verstohlen auf die Uhr blickt, sei das meist kein Kompliment für den Film, weiß er aus Erfahrung. Bei einem Buch sei man froh, wenn sich die letzten ungelesenen Seiten nähern. Bei "100 x Österreich" ist dies mit Sicherheit nicht der Fall.