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Christine Aka, Dagmar Hänel (Hg.): Prediger, Charismatiker, Berufene#

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Christine Aka, Dagmar Hänel (Hg.): Prediger, Charismatiker, Berufene .Rolle und Einfluss religiöser Virtuosen. Mit Beiträgen von Christine Aka, Jürgen Bärsch, Christine Bischoff, Benedikt Brunner, Melanie Denzinger, Vera Faßhauer, Sönke Friedreich, Dagmar Hänel, Gašper Mithans, Jochen Ramming, Inga Scharf da Silva, Mirko Uhlig, Joachim Werz, Jörg Widmaier . Waxmann Verlag Münster - New York 2018. 252 S., ill., € 29,90

Für die traditionelle Volkskunde war "Volksfrömmigkeitsforschung" ein kanonisiertes Forschungsfeld. Das moderne Vielnamenfach (Europäische Ethnologie, Kulturanthropologie Empirische Kulturwissenschaft) hat sich vom "Volksleben" ebenso verabschiedet wie vom Kanon und der Frömmigkeitsforschung. Erst 2012 etablierte sich in der deutschen Gesellschaft Ur Volkskunde - auf Initiative meist jüngerer KollegInnen - eine Kommission für Religiosität und Spiritualität. Inzwischen ist daraus ein internationales Netzwerk entstanden, wurden Tagungen veranstaltet und Tagungsbände herausgegeben. Der dritte dieser Reihe beschäftigt sich mit religiösen Virtuosen. "Ein Virtuose ist jemand, der, vereinfacht gesagt, etwas bis zur Perfektion gemeistert hat und dies auch überaus kunstvoll zu praktizieren weiß" , schreibt Benedikt Brunner über den evangelischen Theologen Helmut Gollwitzer (1908-1993), einen der prominentesten Prediger seiner Zeit. Das Buch bringt 13 Beispiele, nicht nur aus Deutschland, sondern weit darüber hinaus. Österreich ist mit zwei hervorragenden Persönlichkeiten vertreten.

Mit dem Jesuiten Georg Scherer (1540-1605) beschäftigt sich der Kirchenhistoriker Joachim Werz, der an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Heiligenkreuz (Niederösterreich) studiert hat. Als Georg Scherer in Schwaz in Tirol geboren wurde, ging die wirtschaftliche Blütezeit der bedeutendsten Bergbaumetropole Europas und zweitgrößten Stadt des Habsburgerreichs gerade zu Ende. Im konfessionellen Zeitalter aufgewachsen, erlebte er, wie kirchliche und politische Herrscher in den profanen und religiösen Alltag der Untertanen eingriffen. Mit 19 Jahren trat Scherer in die Gesellschaft Jesu ein. Als Hofprediger prägte er die katholische Pietas Austriaca als Gegenpol zur damals überwiegenden evangelischen Frömmigkeit. Herrscher und Geistliche wie Scherer erkannten die Bedeutung der Predigt, bei der die Protestanten überlegen waren. Nach dem Konzil von Trient hatte der katholische Klerus viel aufzuholen, die Jesuiten waren die wichtigste Kraft ihrer Reformbestrebungen. Georg Scherer verfasste ein 800-seitiges Werk zur homiletischen Bildung. Seine 13 Regeln für Prediger umfassen spirituelle, inhaltliche und rhetorische Inhalte. Um mitreißend zu predigen, müsse der Priester "ein guter Beter" und in seinem Lebenswandel glaubwürdig sein. Er solle gut vorbereitet die Kanzel betreten, sich auf Gestik und Mimik verstehen und nicht zu lange reden. Bemerkenswert erscheint "die jesuitische Strategie … die Predigthörer als Rezipienten ernst zu nehmen und deren Erwartungen an den Klerus … als Norm für den Lebenswandel des Predigers anzusetzen." Geduldig und authentisch solle er ein Vorbild der Gemeinde, bescheiden, mäßig und demütig sein - zur damaligen Zeit offenbar keine Selbstverständlichkeiten. Der Autor folgert, dass in den 13 Regeln Scherers "nicht die Anweisungen zur polemischen Entlarvung und kontroverstheologischen Kritik der konfessionell Anderen stehen, sondern eine nach innen gerichtete Professionalisierung geistlicher Multiplikatoren. … Die Aufgabe des Predigers leitete sich … aus dem typisch jesuitischen 'volkspädagogischen Impetus' ab."

Nach mehr als vier Jahrhunderten geht es nicht mehr um Konfessionalität. Die gegenwärtige Spiritualität zeigt sich hybrid und flexibel. Einflüsse der Weltreligionen, Denominationen aus aller Welt sowie esoterische Strömungen beeinflussen die persönliche Praxis. Inga Scharf da Silva berichtet über "Reisendes Wissen im religiösen Netzwerk des Ile Axé Oxum Abaló." Als Ethnologin erforschte sie die Umbanda - die sich als neue, junge und synkretistische Religion Brasiliens versteht - dann wurde sie selbst ein Medium der Berliner Gruppe "Ile Axé Oxum Abaló" ("Das Haus der Lebensenergie der Göttin Oxam mit der Qualität bzw. dem Eigennamen Abaló"). Als Religion ohne Dogmen und heiliges Buch orientiert sich Umbanda an charismatischen Persönlichkeiten. Eine der spirituellen Mütter ist die Österreicherin Astrid Kreszmeier. 1992 hatte die Psychotherapeutin in Marrakesch (Marokko) eine Konferenz über Trance und Ekstase besucht. Mehr als 13 Jahre lang ließ sie sich bei längeren Aufenthalten in Brasilien in die Umbanda-Tradition einweihen. Nach ihrer Heirat mit einem Schweizer gründete sie dort die Gemeinschaft "Terra sagrada" ("Heilige Erde") und etablierte ein transnationales Netzwerk zwischen der Schweiz, Österreich und Deutschland. Dazu zählen bisher sieben Orte, wie Graz und Wien. Zudem haben Astrid Kreszmeier und ihr Mann Hans-Peter Hufenus das Unternehmen "Nature & Healing" gegründet. Der Zugang zu "fremdem Wissen" sei über den beruflichen Lebensweg der gebürtigen Grazerin zu finden, schreibt Inga Scharf da Silva, und: "Doch ihr Weg muss auch … in der kulturellen Struktur der Gesellschaft Sinn machen, damit ihr Weg angenommen wird."

Der Tagungsband erörtert die unterschiedlichsten spirituellen Wege, auf die sich Virtuosen und ihre AnhängerInnen im Verlauf der Geschichte begeben haben. Dazu zählen u. a. evangelische Pietisten, katholische Konservative, Wallfahrer, esoterische Lebensberater im Fernsehen und Gegenwartsschamanismus. Vor den EthnologInnen, die sich mit Religiosität und Spiritualität beschäftigen, liegt ein unüberschaubares Forschungsfeld.

hmw