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Brunamaria Dal Lago Veneri: Basilisken, Einhörner und Sirenen#

Bild 'Veneri'

Brunamaria Dal Lago Veneri: Basilisken, Einhörner und Sirenen. Panoptikum der fantastischen Wesen. Aus dem Italienischen von Petra Veneri. Folio Verlag Wien - Bozen 2019. 208 S., ill., € 24,-

Brunamaria Dal Lago Veneri führt zu den Mythen verschiedenster Regionen und Kulturen, in das antike Griechenland, nach Indien, in die nordischen Länder, nach Österreich oder die Dolomitentäler, die Heimat der Autorin. 1935 in Bozen geboren, ist sie dreisprachig aufgewachsen und hat Kulturanthropologie studiert. Vor 20 Jahren erschien "Der Traum der Vernunft" über mythologische und epische Stoffe. Das Werk bildete die Grundlage des nun völlig neu konzipierten Buches, das auch durch seine Gestaltung und Illustrationen (viele aus der spätmittelalterlichen Schedelschen Weltchronik) positiv auffällt.

Die Welt der Monster, Fabelwesen und mythologischen Gestalten ist unüberschaubar. "Weil auch das Chaos einer gewissen Ordnung bedarf" hat sie die Autorin alphabetisch gereiht - von Aapkal bis Zwerg. Aapkale leben im isländischen Meer. Sie haben einen kleinen Kopf mit langen, grünen Haaren und zarte Händchen. Einmal fing ein Fischer so ein Geschöpf, betreute es mit seiner Frau wie das eigene Kind und der Aapkal fühlte sich wohl - bis ihn ein Nachbar entdeckte. Das Ehepaar wurde gefangen genommen und der arme Aakpal starb, weil sich niemand um ihn kümmerte. Zwerge sind hierzulande bekannter. Brunamaria Dal Lago Veneri schreibt: "Auf die Frage, ob es in diesen Tälern noch Zwerge gäbe, habe ich geantwortet: 'Ob jetzt noch, weiß ich nicht, aber letzten Sommer sollen welche gesehen worden sein' " - und erzählt eine Geschichte der Achtsamkeit.

Das Vergnügen am Erzählen nannten die Griechen mythologein: "Der Mythos enthüllt mit seinen Geschichten … etwas Tiefgründiges, das wir anders nicht auszudrücken vermögen. … diese fantastischen Wesen fanden in Naturwissenschaften und Geografie, in Enzyklopädien und Kosmografien, Epen und Historien Eingang …" .

1493 erschien in Nürnberg die Schedelsche Weltchronik, die bedeutendste illustrierte Inkunabel. Michael Wolgemut und seine Mitarbeiter fertigten für das Werk mehr als 1800 Holzschnitte an, außer den berühmten Stadtansichten auch Bilder von Fabelwesen. Im Abschnitt über das zweite Weltalter finden sich Darstellungen von Wundervölkern, wie sie von antiken Autoren beschrieben und offenbar noch um 1500 ernst genommen wurden: Nasenlose Äthiopier (Arrhynes), mundlose Inder (Astomi), Männer mit Pferdehufen (Hippodes), Mischwesen aus Mensch und Pferd (Kentauren), Orientalen mit Hundeköpfen (Kynokephale), Ohrenmenschen (Panoti), deren Ohren so groß sind, dass sie sich damit zudecken können oder Lybier mit einem Bein und einem riesigen Fuß, der ihnen beim Liegen als Sonnenschutz dient (Skiapoden).

Im Zeitalter der Entdeckungen lieferten Reiseberichte eine Menge fantastischer Beschreibungen. So wollte der Franziskaner André Thévet, der 1557 eine der ersten Brasilienexpeditionen begleitete, ein blutrotes Monster, wie ein schwanzloser Tiger mit gelben Augen und menschlichem Gesicht gesehen haben. War es ein Affe oder eine Martigora, ein Tiermensch, den man in den Vorstellungen vieler Regionen findet? Die Existenz von Ungeheuern wurde lange nicht angezweifelt. Das Naturhistorische Museum Wien verwahrt einen aus Rochen gefertigten "Basilisk". In der kaiserlichen Schatzkammer befanden sich zur Barockzeit acht Einhorn-Hörner, die in Wahrheit Narwal-Zähne sind.

Auch im Bereich der Botanik tat sich Fantastisches. Kaiser Rudolf II. (1552-1612), besaß in seiner Kunst- und Wundersammlung zwei Alraunen. "Männchen" und "Weibchen" waren in Samt gekleidet und trugen die Namen Thridacias und Marion. Aus dem Buch erfährt man, dass im Merkantilgebäude von Bozen in einem unterirdischen Versteck mit Alraunen gehandelt wurde. Dem Besitzer brachte die Mandragora Macht und Reichtum, doch war er verpflichtet, sie kurz vor seinem Tod zu verkaufen. Auch anderen merkwürdige Pflanzen kam die Autorin auf die Spur, wie der Bernache. Die Ente, die aus den Früchten eines Baumes schlüpft, wurde im 12. bis 18. Jahrhundert beschrieben. Die Entenmuschel Lepas anatrifera hängt sich an Treibgut. Ihr Fortsatz erinnert an Federn. Der Franziskaner Odorico beschrieb im 13. Jahrhundert Borometz - Melonen, die aufbrechen, wenn sie reif sind und ein Lamm enthalten. Gemeint war die Baumwolle.

Brunamaria Dal Lago Veneri schreibt meist kurze Artikel. Bei manchen Stichworten ergänzt sie diese durch Sagen. Sie behandelt bekannte Sagengestalten wie Alp, Basilisk, Feen, die Habergeiß, die heilige Kümmernis, Riesen, Selvane, Tatzelwurm, viele Wassergeister oder Werwölfe. Die Monster-Parade reicht bis in die Gegenwart. Gremlins, koboldartige Wesen, treten im 20. Jahrhundert auf. Ihr Lieblingsgetränk scheint der Treibstoff von Flugzeugen zu sein, die nach dem Besuch der Quälgeister abstürzen. Auch der Yeti darf nicht fehlen, dem der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner ein Buch gewidmet hat. "US- Forscher untersuchten DNA-Proben von angeblichen Yeti-Überbleibseln und konnten sie fast ausschließlich Bären zuordnen."

Die Autorin gab ihrem Buch den Untertitel "Panoptikum" im Sinn von Gesamtschau. Diese würde freilich viele Bände füllen. Das Nachschlagewerk bringt eine spannende Auswahl. "Der Begriff Monster leitet ich von monstrare, zeigen, und gleichzeitig von monere, mahnen, warnen, ab und ruft Staunen und Neugierde hervor. Und ist es nicht die Neugierde, die die Welt bewegt?"

hmw