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Sabine Eggmann, Birgit Johler, Konrad J. Kuhn, Magdalena Puchberger (Hg.): Orientieren & Positionieren. Anknüpfen & Weitermachen#

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Sabine Eggmann, Birgit Johler, Konrad J. Kuhn, Magdalena Puchberger (Hg.): Orientieren & Positionieren. Anknüpfen & Weitermachen. Wissensgeschichte der Volkskunde/Kulturwissenschaft in Europa nach 1945. Mit Beiträgen von Eva Axtmann, Anita Bagus, Reinhard Bodner, Christine Burckhardt-Seebass, Helmut Eberhart, Sabine Eggmann, Sophie Elpers, Meret Fehlmann, Benno Furrer, Mischa Gallati, Marie Gerz, Michael J. Greger, Helmut Groschwitz, Julia Grösch, Sabine Kienitz, Sophia Klampfleuthner, Konrad J. Kuhn, Moritz Christian Loch, Christian Marchetti, Marleen Metslaid, Theresa Müller, Michael Münnich, Herbert Nikitsch, Eva Paetzold, Magdalena Puchberger, Ragna Quellmann, Friedemann Schmoll, Leonore Scholze-Irrlitz, Ingrid Slavec Gradišnik, Elisabeth Timm, Jiří Woitsch. Schweizer Beiträge zur Kulturwissenschaft, Band 9, Waxmann Verlag Münster, New York 2019. 448 S., ill., € 49,90

Die frühere Volkskunde ist zum "Vielnamenfach" (Europäische Ethnologie, Kulturanthropologie, empirische Kulturwissenschaft) geworden. Die nun schon ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Diskussionen betrafen nicht nur die Namensänderung, sondern einen Richtungswechsel: Weg von der "völkischen Wissenschaft", Mythologenschule und Kontinuitätstheorien, hin zu Fragestellungen von Alltag und Gegenwart. Internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit kamen verstärkt in den Blick. Ende 2017 veranstalteten der Verein für Volkskunde und die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde in Wien eine Konferenz über die Fachgeschichte nach 1945. Nun liegt der Tagungsband vor, der 25 Vorträge vereint.

Einleitend erörtern die HerausgeberInnen die Österreich-Schweizer Beziehungen. Für die österreichischen Fachvertreter wurde die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg zum persönlichen Sehnsuchtsort: "So lässt sich am Beispiel des österreichischen Volkskundlers, Nationalsozialisten und germanisch-völkisch argumentierenden Richard Wolfram zeigen, wie effizient die 'neutralen' Schweizer Netzwerke waren … Gerade weil die Schweizer KollegInnen über ein bis heute wirksames Abgrenzungsnarrativ als 'gute Volkskundler' - gegen die 'schlechte', weil nationalsozialistisch korrumpierte Volkskunde - verfügten, konnten sie vielfältige Ressourcen mobilisieren, um die Disziplin wissenschafts- und gesellschaftspolitisch abzusichern." Wie Richard Wolfram (1901-1995) erhielt auch sein Kontrahent Leopold Schmidt (1912-1981) die Möglichkeit im Schweizerischen Archiv für Volkskunde zu publizieren. Der langjährige Direktor des Österreichischen Museums für Volkskunde war "einer der wenigen nicht-belasteten Fachvertreter". Nach seiner Rückkehr von der Front versuchte er, " 'Wort und Begriff der Volkskunde' zu rehabilitieren, mit denen 'in den vergangenen Jahren Missbrauch getrieben' worden sei."

Schmidt verfolgte eine distanzierte Betrachtung und Erforschung von Volkskultur. "Er lehnte ein direktes Eingreifen der Wissenschaft in den alltäglichen Lebensvollzug strikt ab," schreibt der Grazer Emeritus Helmut Eberhart. Als plakatives Beispiel dient ihm die (Wieder-) Einführung des Sternsingerbrauches in Wien. Sie ging 1947 von der Familie des Beamten Franz Pollheimer im 8. Bezirk Josefstadt aus, wo sich auch das Volkskundemuseum befindet. Allerdings fand der Initiator dort kein Interesse für seine Revitalisierung, sondern stand in Kontakt mit dem Grazer Volkskundler Viktor Geramb (1884-1958), der mit "Herzblut" und "Liebe zum Volk" (so seine eigenen Worte) im aktiven Eingreifen in das kulturelle Geschehen als Hauptaufgabe des Faches sah. Der Briefwechsel zwischen dem Beamten und dem steirischen Wissenschaftler lässt eine "Seelenverwandtschaft" erkennen, während Schmidt die Rolle Pollheimers "über weite Strecken ignorierte". Der Breitenwirkung des Sternsingens tat dies keinen Abbruch. Franz Pollheimer verfügte nicht nur über gute Medienkontakte, er dokumentierte "seinen" Brauch auch gewissenhaft: Begann die Familie 1947 in der Nachbarschaft und spendete den Erlös ihrer Pfarre Maria Treu, so zog sie bereits im nächsten Jahr durch die Kärntner Straße und wurden von Kardinal Theodor Innitzer empfangen. Nach einjähriger Pause nahm die Popularisierung weiteren Aufschwung, umso mehr, als der Heischebrauch 1950, 1952 und 1954 dem Wiederaufbau des Stephansdoms zu Gute kam. In diesem Jahr berichteten Radiosender, Zeitungen und die Filmwochenschau vom Umzug der Sternsinger, den 6000 - 7000 Zuschauer begleiteten. Ab 1955 scheint die Missionsverkehrs-Arbeitsgemeinschaft (MIVA) als Spendenempfängerin auf. Inzwischen hatten sich Nachahmer gefunden, 1955 die Pfadfinder, 1956 die Katholische Jungschar. "Wir haben Heimweh nach dem Sternsingen" schrieb Pollheimer in sein Tagebuch. Einen letzten Höhepunkt erlebte seine Initiative 1960, als Bundespräsident Adolf Schärf die "Maria Treuer Sternsinger" einlud. Die Jungschar übernahm den Brauch in großem Stil, managt und vermarktet ihn perfekt. Vom Braucherfinder erfährt man dabei nichts. Mit mehr als 17,6 Mio. € nimmt die "Dreikönigsaktion" 2019 den 5. Platz in der Liste der Non-profit-Organisationen Österreichs ein.

Konkrete Beispiele wie dieses, oder die Tiroler Trachtenerneuerung, sind eher in der Minderzahl. Bei der Konferenz - und im Buch "Orientieren & Positionieren. Anknüpfen & Weitermachen" - geht es, so Leonore Scholze-Irrlitz in ihrem Resümee: " darum, Einsichten in die Konstruktion von Wissenskulturen zu gewinnen ... Grundlage dafür ist ein offener kulturanthropologischer Wissensbegriff, … der all das einschließt, was Menschen nutzen, um sich ihre Welt anzueignen. Drei Aspekte des Wissens sind ihm zufolge zentral: ein Korpus von Annahmen und Ideen, die medial vermittelten Repräsentationen und endlich die Einbindung all dessen in soziale Beziehungen."

hmw