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Werner Gamerith: Wienerwald#

Bild 'Gamerith'

Werner Gamerith: Wienerwald. Naturjuwel zwischen Stadt und Gebirge. Tyrolia Verlag Innsbruck - Wien 2019. 216 S., ill. mit 2 Übersichtskarten. € 34,95

Wien besitzt mit dem Wienerwald und den Donau-Auen geschlossene Waldkulissen wie kaum eine andere Großstadt. Der Wienerwald erstreckt sich zwischen dem Tullner und dem Wiener Becken. Als eines der größten Laubwaldgebiete Niederösterreichs umfasst er mehr als 1000 km². Hier dominiert die Rotbuche, "der europäische Charakterbaum".

"Fast jedes Kind in Ostösterreich kennt Josef Schöffel, den Retter des Wienerwaldes vor der Abholzung durch profitgierige Geschäftsleute" , schreiben Gertraud und Georg Grabherr im Vorwort. Darin stellt das Ökologen-Ehepaar den Autor des Bildbandes, Werner Gamerith, vor. Der studierte Kulturtechniker und Wasserwirtschaftsexperte hat die Natur und ihren Schutz zu seinem Lebensthema gemacht. Als Naturfotograf und Autor hält er Vorträge und verfasst Publikationen. Über sein jüngstes Buch schreibt er, es "möchte einen Überblick über diese reizvolle Landschaft vermitteln und sie gleichzeitig als empfindliches, schutz- und pflegebedürftiges Lebewesen vorstellen. Zwischen den Rahmenkapiteln über die geschichtliche und geologische Entstehung des Wienerwaldes erfährt der Leser in Wort und Bild einiges über Zusammenhänge und Geheimnisse des Lebens, wie sie dem aufmerksamen Beobachter in Wald und Wiese, Acker und Weinland stets neu begegnen."

Das erste Kapitel widmet der Autor der Geschichte, "Wälder und Menschen". Die Besiedlung der klimatisch begünstigten Ebene am Alpenostrand reicht bis in die Vorgeschichte zurück: Bei Perchtoldsdorf entdeckten Archäologen 7800 Jahre alte Relikte der ältesten bäuerlichen Siedlung Mitteleuropas. Eine Epoche der Jungsteinzeit nannten sie, nach den dortigen Keramikfunden, "Badener Kultur". In der Römerzeit bildete der Kamm des "Mons Cetius" die Grenze zwischen den Provinzen Noricum und Pannonia. An "dunkle Zeiten und kulturelle Glanzlichter" erinnern mittelalterliche Burgruinen im Helenental. Dauerhaft erwiesen sich hingegen die Klöster aus jener Zeit, wie Klosterneuburg oder Heiligenkreuz. Die Neuzeit verlief für den Wienerwald "zwischen Romantik, Raubbau und Rettung". Holz, bis in die Barockzeit der wichtigste Bau- und Brennstoff, war ein kostbares Wirtschaftsgut. Der Transport erfolgte durch Schwemmen auf den Wienerwaldbächen. Bauliche Überreste und Ortsnamen wie Klausen-Leopoldsdorf zeugen noch davon. Die Aufforstung des Steinfelds mit Schwarzföhren diente der Harzgewinnung. Initiatoren waren die Fürsten Liechtenstein, die ihre zerstörte Burg historistisch aufbauen ließen. In ihrem Besitz Sparbach entstand der erste Naturpark Österreichs. Derzeit sind es 47, davon vier im Wienerwald. Seit fast 20 Jahren soll er als Biosphärenpark zu einer "Modellregion gelebter Nachhaltigkeit" werden. Er umfasst 51 Gemeinden und sieben Wiener Bezirke mit insgesamt 800.000 Bewohnern.

Was es dort zu bewundern gibt, stellt das zweite Kapitel "Wälder. Wunder und Wirklichkeit" vor. Hier zeigt sich die Kunst des Naturfotografen, der Landschaften, Baumriesen und Tiere exzellent abbildet. Dazu gehört nicht nur ein Auge für die und Liebe zur Natur, sondern wohl auch viel Geduld. Das zeigen etwa das Vier-Eulen-Bild und Impressionen aus dem Lainzer Tiergarten von halbwilden Heckrindern, Achtzehnender-Hirschen, entzückenden Rehkitzen, seltenen Vögeln und Insekten. Das jahreszeitlich wechselnde Aussehen und die Flora der Buchenwälder wirken besonders reizvoll. Eine botanische Kostbarkeit stellt die zarte, blaue "Mödlinger Federnelke" dar, die nur am Anninger vorkommt.

Der Wienerwald gilt in der Fachwelt als eine der schönsten Wiesenlandschaften Europas. Wiesen bedecken zwölf Prozent seiner Fläche und werden wegen ihrer Vielfalt gerühmt. Ihr Artenreichtum war ausschlaggebend für die Anerkennung als Biosphärenpark. Auf ungedüngten Rändern blühen Orchideen. Der größte Trockenrasen ist die 25 ha große Perchtoldsdorfer Heide, mit hunderten Pflanzenarten, darunter zahlreiche Raritäten und tausenden Tieren, wie die viel zitierten Ziesel oder prächtige Schmetterlinge.

"Kultur braucht Vielfalt", auch Wein- und Ackerland. Während sich die Täler der Großen und Kleinen Tulln, das Gaadener Becken und die Gainfarner Bucht als Ackerland eignen, ist die kulturhistorisch interessante Sonderkultur des Weinbaus im Norden und Osten zu finden: " Von Sieghartskirchen über Klosterneuburg und Wien bis Bad Vöslau säumen Weinberge die klimatisch begünstigten Unterhänge des Wienerwaldes am Rand der vorgelagerten Ebenen." Rund 3000 ha umfassen die Rebflächen im Biosphärenpark. Weinberge und Heurigenlokale sind Teil der Wiener Kultur. Keine andere Großstadt hat eine so ausgeprägte Weintradition. Zudem sind die Weingärten Heimat einer vielgestaltigen Flora und Fauna.

"Gewässer. Lebensraum und Landschaftsgestalter" nennt sich ein weiteres Kapitel. Im Wienerwald gibt es keine natürlichen Seen, doch auch die künstlichen bieten Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Im Röhrichtgürtel des Wienerwaldsees. einem Nutzwasserspeicher des Wienflusses, brüten Haubentaucher. Der aus einem Steinbruch entstandene See bei Kaltenleutgeben wurde zum Biotop und Naturschutzgebiet. Frösche und Kröten bevölkern Tümpel, Weiher und Bäche. Hier findet man auch Libellen, Krebse und Feuersalamander. Viele Menschen aus Wien und Umgebung schätzen die natürlichen Bachläufe und Aulandschaften als Erholungsgebiet.

"Alles fließt", übertitelt er Autor das abschließende Kapitel über die Erdgeschichte. Meere und ihre Sedimente, Spannungen und Dehnungen haben die Landschaft des Wienerwalds geformt. Wieder faszinieren die Bilder von Panoramen, Höhlen, Felsen und hier vor allem Gesteinsschichten im Detail. Eine geologische Karte und ein Plan des Biosphärenparks Wienerwald runden das edel layoutierte Werk ebenso ab, wie ein Register der Orte, Pflanzen und Tiere. Nach eingehender Lektüre hat man den Wienerwald kennen - und damit schätzen und schützen - gelernt. "Denn, wie Konrad Lorenz es so treffend formulierte, man schützt nur, was man liebt, und man kann nur lieben, was man kennt." , schreibt Werner Gamerith, der für sein Engagement den Konrad-Lorenz-Staatspreis für Umweltschutz, den Josef-Schöffel-Förderpreis und den Österreichischen Naturschutzpreis erhalten hat.

hmw