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Ernst Hanisch: Landschaft und Identität#

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Ernst Hanisch: Landschaft und Identität. Versuch einer österreichischen Erfahrungsgeschichte. Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar 2019. 400 S., ill., € 35,-

"Land der Berge, Land am Strome …" Prägnant nennt die Bundeshymne zwei Charakteristika Österreichs, nur eines fehlt: "Land der Wälder". Bis heute sehen die meisten Bewohner die Natur als "typisch für Österreich" und zentralen Faktor der eigenen Identität an. Die vielfältigen Beziehungen zwischen Landschaft und Identität sind das Thema des jüngsten Buches von Ernst Hanisch. "Wie häufig bei wissenschaftlichen Arbeiten, greifen persönliche und wissenschaftliche Neugierde bei der Auswahl eines Themas ineinander" , schreibt der emeritierte Professor für Neuere Österreichische Geschichte an der Universität Salzburg. Als gebürtiger Waldviertler interessierte er sich schon früh für die Landschaft seiner Umgebung.

Er erlebte, dass Erfahrungen mit Emotionen verknüpft sind und wie in den 1980er- Jahren Oral History und Egodokumente in sein Fach Einzug hielten. Die Beschäftigung mit Alltagskulturen zeigt, wie Soziales und Persönliches ineinander verschachtelt und historisch variabel sind. Einleitend stellt der Autor fest, "was dieses Buch nicht ist: … keine genaue und vollständige Analyse der österreichischen Landschaften…" Worauf es ihm ankommt, "ist die Aufmerksamkeit beim In-die-Natur-Gehen zu schärfen." Dazu zieht er unterschiedliche Quellen heran, wie wissenschaftliche Literatur, Statistik, Belletristik, bildende Kunst, Musik, Propaganda, Egodokumente.

Nach - sehr bedenkenswerten - Überlegungen zu "Landschaft und Natur", "Mentalitäten und Identitäten", "Die Wende zum Raum" und "Beschleunigung der Zeit" beschäftigt sich der Historiker mit der öffentlichen (offiziellen) Wahrnehmung der österreichischen Landschaft. Die Darstellung beginnt mit dem, von Erzherzog Rudolf initiierten und teilweise redigierten "Kronprinzenwerk". 1885 bis 1902 erschienen 24 Bände, jeweils in deutscher und ungarischer Sprache - eine zentrale Quelle für die Landschaftswahrnehmung in der Habsburgermonarchie. Nach dem Zweiten Weltkrieg war "österreichische Nationsbildung von oben" gefragt. Das Kernstück der Werbearbeit im In- und Ausland bildete "Das Österreichbuch". Von Ernst Marboe herausgegeben und mit Autoren wie Friedrich Heer, verbreitete es der Bundespressedienst in vier Sprachen und einer Auflage von mehr als 100.000 Stück. Ernst Hanisch beurteilt es als "romantisch-pathetisches Loblied auf die österreichische Heimat … ganz dem 'goldenen Österreichmythos' verpflichtet" . Dem goldenen folgten der "schwarze Landschaftsmythos" der Antiheimatromane und der Mentalitätswandel des Ökologiebewusstseins. Weitere Themen des ersten Teils sind Tourismus, Österreich-Stereotype in der Werbung, Sport, Naturschutz und Umweltbewegung.

Der zweite Teil ist dem Land der Berge gewidmet - womit meist die Alpen gemeint sind. Ihr Gebirgsraum erstreckt sich mit 192.753 km² von Frankreich bis Italien und Slowenien. Acht Staaten haben Anteil an den Alpen, der größte (28,5 %) entfällt auf Österreich. Fast 1000 Gemeinden liegen mehr als 1000 m hoch. Der im 19. Jahrhundert entstandene Alpinismus entwickelte seine eigene Identität und Kultur. "Die Tracht, angeblich alt, in Wirklichkeit eine Erfindung von Traditionen, signalisierte Heimatverbundenheit, in den 1930er- und 1950er- Jahren Ausdruck eines österreichischen Nationalbewusstseins." Dazu passen Überlegungen zu Bergfilmen, künstlerischen Darstellungen, Bergsteigern und Alpenvereinen. Doch bleibt auch der Krieg in den Alpen nicht ausgespart, wie überhaupt die Zeitgeschichte breiten Raum einnimmt. Eine besondere Rolle spielt der Großglockner als "König der österreichischen Berge" und damit verbunden das Tauernkraftwerk. Beim "Mythos Kaprun" wurde errechnet, dass ein Drittel der Gesamtbausumme des Kraftwerks zwischen 1938 und 1945 verbaut und die Limbergsperre bis Kriegsende schon halb fertig gestellt war. Zwangsrekrutierte und Ausländer mussten harte Arbeit verrichten. Während diese Opfer der NS-Herrschaft kaum im öffentlichen Bewusstsein sind, gelten die (freiwilligen) "Baraber von Kaprun" als Helden des Wiederaufbaus.

Im dritten Teil geht es "um 'Donaubilder', die im 'langen 20. Jahrhundert' zirkulierten, um identitätsstiftende Merkmale, um Erfahrungen der Menschen, welche allerdings in die Realgeschichte des Flusses eingebunden sind." Die Donau ist mit 2860 km (nach der Wolga) der zweitlängste Fluss Europas und hat 19 Anrainerstaaten. Der Abschnitt über die "Lebensader" handelt von Regulierungen, Transport, Hochwasser, Eisstoß und Donaureisen. Wie ein roter Faden zieht sich die "politische Landschaft" durch das Werk des Historikers. "In diesem Buch geht es auch um den schwierigen Prozess der österreichischen Nationsbildung und um den Wandel der österreichischen Identitäten." An der Donau beschreibt er "fünf Erinnerungsorte im 20. Jahrhundert": Mauthausen, Ybbs-Persenbeug, die Wachau, die Lobau und Hainburg.

Der vierte Teil hat den Wald zum Thema, der fast die Hälfte der Landesfläche bedeckt. Er umfasst 3,4 Milliarden Bäume - auf jeden Einwohner kommen 406. Am häufigsten sind Fichten (61,2 %), gefolgt von Buchen (9,6 %) und Kiefern (7,4 %). In der Phantasie hausten hier Räuber und Hexen - wie bei "Hänsel und Gretel", einem jener Märchen der Brüder Grimm, die Ernst Hanisch zutreffend als "literarische Stilisierungen urbaner Intellektueller, vielfach umgeschrieben" charakterisiert. Der Wald war und ist Wirtschaftsfaktor, Jagdrevier, Freizeitraum, Sehnsuchtsort, Religionsersatz, esoterischer Kraftplatz. In den 1980er - Jahren (Stichwort: Waldsterben) galt er als gefährdet. Doch werden jährlich 1700 ha mehr aufgeforstet als gerodet.

Der fünfte Teil handelt von der Industrielandschaft und der Deindustrialisierung am Beispiel des Erzbergs. Der "eherne Brotlaib in der Steiermark" war der größte Erzabbau Europas, 1500 m hoch, mit einer Fläche von 9 km². 23 Abbaustufen von 24 m Höhe und Industrieanlagen prägen die Landschaft. Der Erzabbau begann in der Römerzeit. Im Mittelalter brauchte man zur Erzeugung von einer Tonne Eisen 30 Tonnen Holz. Um 1900 lieferte Österreich eine Million Tonnen Eisenerz, 5 % der europäischen Produktion. "Im 21. Jahrhundert mutierte der Erzberg nach dem Ende des Abbaus zu einer 'Denkmallandschaft, zu einer 'Manifestation der Vergangenheit in der Gegenwart'."

Das jüngste Bundesland und sein "seltsamer See" stehen im Zentrum des letzten Teils. Das Burgenland wurde oft als "Antithese zum 'Land der Berge' verstanden. "Vom Standpunkt dieses Buches 'Österreichische Landschaften' ist das Burgenland jedenfalls eine große Bereicherung. Zum Reichtum gehörte neben der Landschaft die ethnische und religiöse Vielfalt." In den 1990er-Jahren erreichte der Fremdenverkehr seinen Höchststand, die "Puszta-Romantik" verkaufte sich gut. 1994 wurde der grenzüberschreitende Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel eröffnet. Er umfasst 14.000 ha, davon 6.000 ha in Ungarn. Seit 1998 findet am ersten Maiwochenende der Surf Worldcup als "größte Surf-Party der Welt" statt. Zum 20-Jahr-Jubiläum kamen 75.000 Gäste.

Nach mehr als 300 Seiten sieht sich der Autor "Am Ende des Weges". Er meint, kein Resümee ziehen zu können, denn der Landschaftsdiskurs habe kein Ende. "Er geht weiter, so lange es die Landschaft gibt und Menschen, die darüber nachdenken." Nach sieben Jahren Arbeit an dem Buch schreibt Ernst Hanisch: "Dieser lange Weg bereicherte mich mit vielen Erfahrungen. Ich hoffe auch einige Leser." Die Hoffnung wird sich erfüllen. Das vielseitige Werk eröffnet neue Perspektiven. Man sollte sie sich nicht entgehen lassen.

hmw