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Gabriele Hasmann, Charlotte Schwarz: Geheime Pfade#

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Gabriele Hasmann, Charlotte Schwarz: Geheime Pfade. Durchhäuser, Hinterhöfe und versteckte Gassln in Wien. Falter Verlag Wien 2019. 248 S., ill., € 29,90

Am besten geht man Sonntagfrüh " in die Stadt", wie man in Wien den 1.Bezirk nennt. Zwar verbindet (oder trennt) die Ringstraße seit mehr als eineinhalb Jahrhunderten das historische Zentrum von den ehemaligen Vorstädten, aber die Innenstadt ist trotzdem etwas Besonderes geblieben. Wenn die Geschäftigkeit Pause macht und noch keine Touristengruppen unterwegs sind, ist die richtige Zeit, jenen "geheimen Pfade" zu genießen, die Gabriele Hasmann und Charlotte Schwarz in ihrem jüngsten Buch vorstellen. Der Textautorin war es wichtig, " nicht nur 'Lexikon-Fakten' zu verarbeiten, sondern auch von menschlichen Schicksalen zu berichten und mit Legenden, Anekdoten und Histörchen den jeweiligen Zeitgeist zu vermitteln. … das vorliegende Buch ist zwar sorgfältig recherchiert, aber dennoch eher lockere Unterhaltungslektüre als schwere Fachliteratur" , schreibt die Kulturjournalistin.

Die meisten "Geheimtipps" finden sich naturgemäß in der "Stadt". Sie machen mehr als die Hälfte des Bandes aus, auch wenn sie gar nicht so geheim sind. Man kennt die Mölkerbastei - nicht zuletzt durch das vermeintliche Schubert-Dreimäderlhaus - die einst klösterlichen Besitzungen Melker Hof, Schottenhof und die Michaelerhäuser, die "Innenstadtgassln", Griechen- und Judenviertel, Freyung, Haarhof oder das Goldene Quartier. Doch auch Bekanntes will immer wieder neu entdeckt werden, am besten, wenn man in die Rolle des Stadtflaneurs schlüpft. Dafür gibt es hier jede Menge Anregungen, auch zum Besuch der zahlreich vorhandenen Schanigärten. Ganz besonders hervorzuheben sind die großzügigen Illustrationen. Charlotte Schwarz präsentiert die Schauplätze in künstlerisch-kreativen Fotos in ihrer unverkennbaren Bildsprache.

Text und Bild bieten manche Überraschungen. So wird eine lokale architektonische Spezialität ins rechte Licht gerückt. Gabriele Hasmann schreibt: "Bei Durchhäusern oder 'Freiwilligen Durchgängen' handelt es sich um Bauwerke, die sich zwischen zwei parallel verlaufenden Straßen befinden und von beiden Seiten her betreten werden können. … Entstanden sind die Durchhäuser zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei der Neuparzellierung der Stadt … ursprünglich dienten sie nur den Hausbewohnern als Durchgänge, doch schon bald beschlossen diese, sie für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen und damit 'Abschneider' für die Allgemeinheit zu schaffen." Es waren wohl die Hausherren, und nicht die Bewohner, die den "freiwilligen Durchgang" gestatteten, aber das tut dem Altstadtcharme der wieder entdeckten Folge von Höfen und Stiegen keinen Abbruch.

Durchhäuser und reizvolle Hinterhöfe gibt es nicht nur in der Stadt, sondern auch in den ehemaligen Vorstädten, den späteren Bezirken 2 bis 9. Ihnen sind die folgenden Kapitel gewidmet. In der Leopoldstadt, besonders in der Praterstraße, findet man einige. Außerdem konnte bzw. kann die ehemalige Jägerzeile, die zum Prater führte, mit weiteren Sehenswürdigkeiten aufwarten, wie dem Carltheater oder die Wohnhäuser von Johann Strauß Sohn (Nr. 54), der Schauspielerin Josefine Gallmeyer und des Theaterdirektors Gabor Steiner (Nr. 56), der um 1900 den Themenpark "Venedig in Wien" betrieb und dort das Riesenrad errichten ließ.

Das prominenteste Durchhaus im 3. Bezirk ist der Sünnhof zwischen Landstraßer Hauptstraße und Ungargasse. Der Biedermeierkomplex mit lang gestrecktem Innenhof wurde Ende des 20. Jahrhunderts revitalisiert und lockt seither mit seinen Gastgärten und kleinen Läden Besucher an. Etwa gleichzeitig entdeckte auf der Wieden eine Initiative in der Margaretenstraße einen Hinterhof, der als "Planquadrat" Schule machte, "inmitten einer Wohnsiedlung ein blühendes Paradies anzulegen, um der Tristesse dicht bewohnter Gebiete in Großstädten entgegenzuwirken." In Margareten hat der historische Bezirkskern als "Schlossquadrat" neue Attraktivität entwickelt. Das Ensemble geht auf das 14. Jahrhundert zurück und beherbergt nun Lokale mit unterschiedlichen gastronomischen Angeboten. Der 6. Bezirk verfügt über besonders lange Durchgänge. Auf der Mariahilfer Straße sind es das Geburtshaus des Dichters Ferdinand Raimund (Nr. 45) und die Schulhof-Passage (Nr. 101). Diese, ein tristes Relikt der großstädtischen Hinterhofindustrie der Gründerzeit, verwandelte sich in den1990er Jahren in ein malerisches Ensemble mit nostalgischem Flair.

Neben den Durchhäusern im 7. Bezirk ist es vor allem der Spittelberg, über den die Autorin viel zu erzählen weiß (sie hatte sich schon als Jungautorin mit erotischen Lesungen und Prosa einen Namen gemacht). Das einst übel beleumundete Viertel nennt sie " eines der beliebtesten Grätzln von Wien - alternatives Flair trifft auf trendigen Zeitgeist, urige Beisln …. liegen neben schicken Restaurants und coole Studentenlokale neben noblen Bars. Zusätzlich findet sich dort eine hohe Dichte an Kunsthandwerksbetrieben, weshalb der Stadtteil … als Montmartre Wiens bezeichnet wird."

Die Josestadt ist mit zwei Bauwerken vertreten, dem Melker Hof und dem Gusselbäckerhaus. Die fünfgeschossige frühhistoristische Anlage des Melkerhofs besteht aus vier Höfen und sieben Trakten. Das 1697 erbaute Gusselbäckerhaus in der Langegasse 34 ist das älteste Gebäude des 8. Bezirks. Von Anfang an befand sich eine Bäckerei in dem barocken Bürgerhaus. Um die Tradition zu wahren, richtete das Bezirksmuseum Josefstadt in den 1960er Jahren die "Alte Backstube" mit der historischen Ausstattung ein (die leider nicht mehr besteht). Auf dem Alsergrund enden die Stadtspaziergänge. Als typische Gebäude wurden hier das Alte AKH (Universitätscampus) und das Schwarzspanierhaus ausgewählt, in dessen Vorgängerbau Ludwig van Beethoven starb.

Die Autorin wünscht ihren Lesern "viel Spaß beim Entdecken der 'versteckten Seite Wiens'. Dem kann man sich nur anschließen.

hmw