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Renate Leggatt-Hofer - Reinhold Sahl (Hg.): Die Wiener Hofburg #

Bild 'Hofburg'

Renate Leggatt-Hofer - Reinhold Sahl (Hg.): Die Wiener Hofburg. Sechs Jahrhunderte Machtzentrum in Europa. Brandstätter Verlag Wien 2018. 272 S., ill., € 50,-

Aus fünf mach eins - dieses Kunststück gelingt selten. Durch den vorliegenden Prachtband wurde es beeindruckend gelöst. Mit hervorragenden Texten prominenter AutorInnen, außergewöhnlichen Fotos - davon viele auf großformatigen Doppelseiten - (von Bettina Neubauer-Pregl, Manfred Seidl, Stefanie Grüssl u. a.), einzigartigen 3D-Rekonstruktionen (von Herbert Wittine) und einem der eleganten Layouts, für die der Brandstätter-Verlag berühmt ist (von Aleksandra und Stefan Fuhrer), ist es die einzige umfassende Publikation über den Baukomplex der Hofburg. Zugrunde liegt ihr das fünfbändige, mehr als 3000-seitige Monumentalwerk "Die Wiener Hofburg, Bau und Funktionsgeschichte" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Abteilung Kunstgeschichte des Instituts für kunst- und musikhistorische Forschungen). Eineinhalb Jahrzehnte waren rund 30 WissenschafterInnen aus den Fächern Bauarchäologie, Geschichte, Kunstgeschichte, Gartengeschichte, Theatergeschichte, Kulturwissenschaft, Film- und Medienwissenschaft mit umfassenden Forschungen beschäftigt. Der Kunsthistoriker em. Univ. Prof. Artur Rosenauer, Generalherausgeber des neuen Standardwerks, schreibt im Vorwort zum vorliegenden Buch: "Das gut lesbare Werk baut auf den Forschungsergebnissen auf und ist dennoch mehr als eine komprimierte Zusammenfassung der fünf monumentalen Bände. Einen Bezug zur Aktualität bietet der frische Zugang zur Geschichte der Wiener Hofburg. Geschickt werden Alt und Neu einander gegenüber gestellt."

Dies zeigen schon die Fotos zum Einstieg, wie die Wachablöse beim Kaiser-Franz-Denkmal im Inneren Burghof um 1890 und ein raffinierter Tele-Bildausschnitt, der sich auf zwei gegensätzliche Schriftzeilen ("Iustitia Regnorum Fundamentum" und "MuseumsQuartier") konzentriert. Dazwischen ragt ein Teil des beleuchteten Maria-Theresien-Denkmals hervor, während der Flakturm die Dachlandschaft überschattet. Auf der Innenseite des Umschlags stellen 3D-Rekonstruktionen der TU Wien die bauliche Entwicklung der Hofburg von 1300 bis 1835 dar. Eine der ältesten Phasen bildet dezent den Hintergrund zu aktuellen Daten und Fakten: Die Gesamtfläche der Hofburg beträgt 300.407 m² das sind 0,07 % Wiens. Die acht Kulturinstitutionen auf dem Areal verzeichneten im Jahr 2016 genau 4,845.547 BesucherInnen, die geschätzte 12 Millionen Fotos beim Schweizertor anfertigten.

Vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart war und ist die Hofburg ein "Brennpunkt der österreichischen Geschichte". Markus Jeitler gibt den einleitenden Überblick von der Zeit der Babenberger, Staufer und Premysliden über die lange Herrschaft der Habsburger (1276-1918) bis heute. Berühmte und rare Gemälde und historische Fotos - u. a. vom Gipfeltreffen 1961, als John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow Adolf Schärf am Sitz des Bundespräsidenten begegneten - bis zum "Fest der Freude", das seit 2013 auf dem Heldenplatz an das Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert, illustrieren seinen Text. Geht dieses Kapitel auf Biographie und Politik der einzelnen Herrscherpersönlichkeiten ein, so zeigen sechs Karten die territoriale Entwicklung von den habsburgischen Ländern bis zur Republik Österreich.

Vier AutorInnen, Günther Buchinger, Paul Mitchell, Doris Schön und Mario Schwarz, beschreiben die Baugeschichte vom Stauferkastell zur Habsburger-Residenz. Sie begann mit Leopold VI. von Babenberg, der den Bauplatz seiner Stadtburg an der Stadtmauer beim Widmertor wählte. Für den ersten Habsburger, Rudolf I., war die Burg Königspfalz und Ort diplomatischer Treffen. Der römisch-deutsche König Albrecht II. ließ die Hofburgkapelle errichten. Von ihr ist außen nur noch ein Stück des Chores zu sehen, während unter dem Dach ein Teil der Giebelfassade erhalten blieb. Babenbergische Eigenkirche und Hofpfarrkirche war seit Leopold VI. St. Michael, 1327 stiftete Friedrich der Schöne die Augustinerkirche südöstlich der Burg. Von den gotischen Gotteshäusern geben Fotos und 3D-Animationen und Einblick in zumeist unbekannte Details.

Die Epoche von 1521 bis 1619 überschreibt Renate Leggatt-Hofer mit "Etablierung als kaiserliche Residenzanlage". Der Aufbruch in die Renaissance erfolgte unter Ferdinand I., der die Burg zu seiner Regierungszentrale machte. Damals erfolgte die Ausweitung, die bis heute die Proportionen im Kernbereich - Innerer Burghof, Josefsplatz - Reitschulhof - Höfe der Amalienburg und Stallburg - prägt. 1552 hatte Ferdinand I. sein größtes Ziel, die Kaiserwürde, erreicht. Das Schweizertor diente ihm als Siegesdenkmal und Triumphtor nach antikem Vorbild. "Kunsthistorisch stellt es eine der hochwertigsten Schöpfungen der Renaissancekunst in Österreich dar." Ursprünglich war es nur dunkelblaugrau in der Naturfarbe des Dornbacher Flyschquarzsandsteins, dem eine Leinölimprägnierung seidenmatten Glanz verlieh. Architektur in Dunkelblaugrau und Weiß war das Markenzeichen Ferdinands, das an das burgundische Erbe der Habsburger und seinen Anspruch auf einen Teil Burgunds verwies. Erst 2009 wurde im Zuge der Grundlagenforschung diese originale Farbgestaltung der Renaissancezeit entdeckt.

Herbert Karner beschreibt die "bauliche Manifestation dynastischer Identität" zwischen 1619 und 1705. Ferdinand II. und Ferdinand III. veranlassten in den 1620er und 1630er Jahren die Sanierung und den Ausbau der alten Burg, ließen neue Wehranlagen bauen und die Räume neu ordnen. Dem 1660-1668 erbauten Kaisertrakt war kein Glück beschieden. Er brannte 1668 ab und wurde, kaum wieder aufgebaut, 1683 von Osmanen beschädigt. Auch kulturelle Impulse erfolgten. Mit dem Bau eines Theatersaales begann die Ära der Theater- und Opernaufführungen und Tanzveranstaltungen in der Burg. "Um 1660 wurden die Arkaden der Stallburg zugemauert, um darin die Kunstsammlung Leopold Wilhelms aufzustellen: 1397 Gemälde, 343 Zeichnungen und 542 Statuen."

1705 bis 1835 sah sich die Hofburg "zwischen barockem Prunk und biedermeierlicher 'Bescheidenheit' ". So nennen Lieselotte Hanzl-Wachter, Petra Kalousek, Anna Mader-Kratky und Manuel Weinberger ihr Kapitel. Joseph I. orientierte sich in seinem am Französischen Hof und plante dem entsprechend einen großzügigen Ausbau der Burg. Sein Nachfolger Karl VI. begann die Pläne seines Bruders umzusetzen. In der Burg entstand deren prächtigster Raum, der Prunksaal der Hofbibliothek, dazu der Reichskanzleitrakt und die Winterreitschule. Am Rand des Glacis wurden die Hofstallungen errichtet. Es sollte ein Gesamtprojekt realisiert werden, das untrennbar mit den Architekten Johann Bernhard und Joseph Emanuel Fischer von Erlach sowie Johann Lucas von Hildebrandt verbunden ist. Unter Maria Theresia erhielten alle Appartements eine prunkvolle Rokoko-Ausstattung mit weißen Täfelungen, vergoldetem Stuck und hohen Flügeltüren. Joseph II. öffnete die Stadtbefestigungen als Erholungsort für die Bevölkerung. Franz II. (I.) ließ die Wohnräume im Stil des Biedermeiers umgestalten. Sein Zeremoniensaal gilt als qualitätvollste klassizistische Raumschöpfung Österreichs.

Mit der Hofburg 1835 bis 1918 beschäftigen sich Richard Kurdiovsky, Dagmar Sachsenhofer und Werner Telesko. "Traditionspflege und Scheitern künstlerischer Utopien" kennzeichnen diese Jahrzehnte. Ferdinand I. setzte in den kaiserlichen Appartements die Mariatheresianische Tradition fort. Franz Joseph I. bewahrte zunächst das überlieferte Erscheinungsbild der Hofburg. Sein Befehl zur Schleifung der Basteien und Anlage der Ringstraße war der bisher größte Eingriff in die Stadtstruktur, das "Kaiserforum" blieb ein utopisches Projekt. Die Michaelerfassade und die Neue Burg am Heldenplatz sind heute die prominentesten Schauseiten der Hofburg. Das Corps de logis, das Festräume beinhalten sollte, wird seit 1906 museal genutzt (heute: Weltmuseum, Haus der Geschichte, Hofburg Info Center).

Ab 1918 lautete das Motto "Von der Monarchie zur Republik". Darüber referieren Anna Stuhlpfarrer und Maria Welzig. Der Textteil klingt mit dem Beitrag "Das Österreichische Heldendenkmal im Äußeren Burgtor der Wiener Hofburg - Ein Seismograf für den Wandel des österreichischen Gedächtnisses " von Heidemarie Uhl aus. Schließlich gibt ein Überblick in 23 Zeitschritten noch einmal einen Eindruck des Wandels von den kaiserlichen Appartements zu den Amtsräumen der österreichischen Präsidentschaftskanzlei. Herbert Wittine erstellte die informativen Plangrafiken gemeinsam mit Renate Leggatt-Hofer. Als Herausgeberin ist es ihr gelungen, den roten Faden durch die umfangreiche Materie zu ziehen. Erfreulicherweise liegen von diesem faszinierenden Buch auch Ausgaben in Englisch und Französisch vor. So wird ihm ein großer Leserkreis sicher sein.

hmw