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Inge Podbrecky: Wiener Jugendstil #

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Inge Podbrecky: Wiener Jugendstil Gehen, Sehen & Genießen. 5 Routen – von Hoffmann bis Wagner, von der Postsparkasse bis zur Secession. Falter Verlag Wien 2019. 132 S., ill. € 12,90

Bücher über Wien und den Jugendstil gibt es viele, auch von der Kunsthistorikerin Inge Podbrecky. Für die Reihe "City walks" des Falter-Verlags hat die Mitarbeiterin der Abteilung für Wien im Bundesdenkmalamt u. a. die Titel "Wiener Interieurs" und "Rotes Wien" verfasst. Die Autorin verspricht nicht zu viel, wenn sie ihr jüngstes Buch "ein ganz anderes" nennt. " … Objektauswahl und -reihung, architektur- und kulturgeschichtliche Informationen und Planausschnitte ergeben zusammen mit Wegbeschreibung, Zusatzinfos und Leitsystem ein kompaktes Vademecum …"

Eine kurze Einführung stellt den Wiener Jugendstil, den Secessionismus und ihre Folgen in einen größeren Kontext: Der Jugendstil war ein internationales Phänomen der Kunst- und Kulturgeschichte. Seine Formensprache stand auch für gesellschaftliche Veränderungen. Man experimentierte mit traditionellen und neuen Baumaterialien. Der Dekor war kurvilinear, flächig-ornamental, inspiriert von der Volkskunst ebenso wie von der hoch geschätzten japanischen Kunst. Es ging um viel mehr als einen neuen Stil, " um die spannungsreiche Auseinandersetzung zwischen Tradition und Neubeginn - nicht nur in der Kunst, sondern in allen Bereichen des Lebens, " schreibt die Autorin. Kenntnisreich hat sie fünf Routen zusammengestellt, die zu berühmten und weniger bekannten Bauwerken führen.

Die erste Route begleitet zu Ikonen des Secessionismus, die sich auf knapp 6 km aneinander reihen. Ausgangspunkt ist die U4-Station Pilgramgasse. Sie ist ein Teil des Gesamtkunstwerks Wiener Stadtbahn, deren baukünstlerischen Teil Otto Wagner 1894 übernahm. Das Konzept umfasste vier Linien, von denen drei heute einen Teil des U-Bahn-Netzes bilden. Die Station Kettenbrückengasse liegt in nächster Nähe der Otto-Wagner-Häuser an der linken Wienzeile. Bei diesen war Wagner zugleich Architekt, Bauherr und Unternehmer, der seine Häuser gewinnbringend verkaufte. Diese hier wirken schon von Weitem durch ihre prachtvollen, in Material und Farbigkeit ungewöhnlichen Fassaden. Das Majolikahaus und das Nachbarobjekt - mit vergoldeten Reliefmedaillons von Koloman Moser an der Schauseite - zählen zu Wagners Hauptwerken. Für die nächsten Stationen, auf dem Karlsplatz hat er einen Sondertypus kreiert. Das moderne Konstruktionsschema besteht aus einem Eisenskelett mit eingehängten Marmorplatten und "bestimmt ihre Gestalt weit mehr als der applizierte secessionistische Dekor." Jeder der fünf Stadtspaziergänge enthält eine Fülle von Empfehlungen, das erste Kapitel 17. Auf die wichtigsten - "unbedingt hingehen" - wird extra verwiesen. Darunter fallen neben den Wienzeilenhäusern die Secession und das Looshaus. Dazu eine Empfehlung für die nächste Auflage: Das Otto-Wagner-Denkmal steht nicht (wie im Bildtext) "hinter der Albertina", sondern, wie im Text richtig vermerkt, beim Akademie-Hof.

Die zweite Tour umfasst elf Sehenswürdigkeiten auf 3,5 km "Vom Hohen Markt zum Stadtpark". Auf dem Weg liegen die Anker-Uhr, bei der sich täglich zu Mittag die Touristen scharen, um die historischen Figuren aus der Geschichte Wiens vorbeiziehen zu sehen. "Unbedingt hingehen" sollte man zum Zacherlhaus nach dem Entwurf des Wagner-Schülers Jože Plečnik. Für das Geschäftshaus der Insektenpulverfabrik Zacherl schuf er "eine der beeindruckendsten und elegantesten Fassaden der Wiener Jahrhundertwende" aus Granitplatten. Den Fassadenschmuck bildet eine Figur des Heiligen Michael von Ferdinand Andri. Passanten nannten den Erzengel, der den Drachen besiegt, "Wanzentöter". Ebenfalls nicht versäumen sollte man auf dieser Innenstadttour den Schneidersalon Knize, ein Meisterstück von Adolf Loos, die Postsparkasse, einen Schlüsselbau der Moderne von Otto Wagner, und die Wienflussverbauung im Stadtpark von Friedrich Ohmann.

Die dritte Runde ist Hietzinger Villen gewidmet. Da sie in Privatbesitz stehen, kann man sie nur von außen bewundern. Ausgangs- und Endpunkt ist der Hofpavillon Hietzing, den Wagner für Franz Joseph beim Schloss Schönbrunn baute, den der Kaiser aber nur zwei Mal benützte. Highlights unter den zehn beschriebenen Wohnbauten sind die Villa Skywa-Primavesi, ein Hauptwerk Josef Hoffmanns und das Haus Steiner von Adolf Loos, das mit seinem eigenwilligen Tonnendach für Aufsehen sorgte.

Der vierte Weg führt zu zwei der bedeutendsten Sakralbauten der Jahrhundertwende: Otto Wagners Kirche am Steinhof, in der von ihm geplanten Heil- und Pflegeanstalt (Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe) und Jože Plečniks Heiliggeist-Kirche in Ottakring. Die "Erste Villa Wagner" schuf er sich als Residenz am Stadtrand, seit 1988 beherbergt sie das private Museum von Ernst Fuchs, einem Mitbegründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Auf dem Nachbargrundstück erhebt sich die weitaus schlichtere "Zweite Villa Wagner". Die Steinhofkirche ist ein weiteres Hauptwerk des Architekten, für das den Zeitgenossen das Verständnis fehlte. Thronfolger Franz Ferdinand kritisierte auch heftig Jože Plečniks Heiliggeist-Kirche, bei der schon früh moderne Formen und Materialien für den Sakralbau adaptiert wurden. Protektorin des 1913 geweihten Gotteshauses war Sophie, die Gemahlin des Erzherzogs.

Schließlich empfiehlt Inge Podbrecky eine Wanderung zu Josef Hoffmanns Villen auf der Hohen Warte. Sie stehen im Kontext der alternativen Lebensreformbewegung, die Künstler in Europa (Worpswede in Deutschland, Monte Veritá in der Schweiz) inspirierte, und umfasst das Geviert Wollergasse - Steinfeldgasse - Geweygasse. Die Autorin schreibt: " Sie geht auf eine Initiative einer Gruppe von Secessionisten zurück, die hier eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft im Grünen gründeten. … Mit liberalem Hintergrund und ausreichender Finanzkraft waren sie ein Spiegelbild jenes aufgeklärten Großbürgertums, aus dem sich ihre Klientel rekrutierte. … Von Anfang an dabei waren der Maler und Designer Kolo Moser und sein Freund, der Maler Carl Moll, beide Gründungsmitglieder der Wiener Secession, außerdem zwei Fotografen, Victor Spitzer und Hugo Henneberg." Weitere Sehenswürdigkeiten in der Umgebung sind der japanische Setagayapark, das ebenfalls von Hoffmann erbaute Haus Knips in der Nußwaldgasse und die benachbarte Insektenpulverfabrik Zacherl. Anders als beim Geschäftshaus in der Stadt entstand hier ein exotisch wirkender Gebäudekomplex: " Mit der prächtigen vielfarbigen Keramikverkleidung und der auffallenden Kuppel ist es eines der wenigen Wiener Beispiele für eine Architektur in orientalisierenden Formen."

Das handliche, kompetent geschriebene Buch mit zahlreichen Fotos von Christian Wind lädt zu Entdeckungsreisen ein. Die Planausschnitte und weiterführenden Tipps sind außerdem hilfreich. Als WienerIn sollte man es immer in der Tasche haben, wenn sich Zeit zum Flanieren ergibt. Für TouristInnen ist auch eine englische Ausgabe verfügbar.

hmw