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Karl Sablik: Das historische Gefühl #

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Karl Sablik: Das historische Gefühl. Magie historischer Orte. Verlag Berger Horn. 396 S., ill., € 27,90 €

Der Historiker, Universitätsdozent und ehemalige Bürgermeister (seines Heimatortes Spillern in Niederösterreich) Karl Sablik hat sich auf die Suche nach dem Genius Loci begeben, der von einem Ort denkwürdigen Geschehens oder einer Persönlichkeit, die dort wirkte, ausgeht. Er ist in aller Welt fündig geworden und wagt sogar eine "Mondlandung". Mehr als 60 solcher besonderen Plätze beschreibt der Autor, chronologisch gereiht, im vorliegenden Buch.

Gefühle gehören zu den Grundphänomenen menschlichen Erlebens und lassen sich mit gehirnphysiologischen Methoden nachweisen. Orte historischen Geschehens – ob Weltgeschichte oder privat – können das „historische Gefühl“ hervorrufen. Der Medizinhistoriker Karl Sablik verbindet Psychologie und Geschichte. Wenn er von der "Magie historischer Orte" spricht, hat dies " nichts mit Mystizismus oder gar Okkultismus zu tun, sondern entsteht in Verbindung des (intensiven) Wissens um ein historisches Geschehen mit dem konkreten Ort, wo es stattgefunden hat." Bei der Darstellung folgt er drei Elementen: "Eine historische Einführung, die zu dem zu beschreibenden Ort 'hinführt'. Der Ort des Geschehens folgt - und das damit verbundene historische Gefühl. Zuletzt werden die Folgen aufgezeigt, die hier den Ausgangspunkt für weiteres Geschehen genommen haben."

Die Reise beginnt lange vor der Geschichte der Menschheit, in der "Fossilienwelt" nördlich von Korneuburg. In der Weinviertler Gemeinde Stetten befindet sich das größte fossile Austernriff der Welt, entstanden vor mehr als 16 Millionen Jahren. Erst Jahrmillionen später betritt die Gattung Mensch den Erdkreis. Nach dem derzeitigen Stand der Forschung geschah dies vor 3,2 Millionen Jahren in Äthiopien. Lange galt der "Neandertaler", der 300.000 Jahre hindurch lebte und vor 39.000 Jahren ausgestorben ist, als ältester Menschentyp. Der Autor erlaubt sich philosophische Spekulationen: "… etwa der des Glücks und der Zufriedenheit der Menschen. Waren die Jäger und Sammler in ihrer Naturverbundenheit gesünder, ja sogar glücklicher als wir? " Die Phantasie in vielfacher Hinsicht angeregt hat auch die "Venus von Willendorf", eine 29.500 Jahre alte, steinzeitliche Plastik. Um die 11 cm hohe Figur "ranken sich Gerüchte, manche davon wurden zu Legenden." Sie befindet sich, stimmungsvoll inszeniert, im Naturhistorischen Museum und der Historiker fragt, " ob nicht manche Rätsel in der Geschichte der Menschheit eben ungelöst bleiben müssen?" Hallstatt mit der ältesten Stiege Europas, die Gletschermumie "Ötzi" und Stonehenge (GB) sind weitere Themen der Urgeschichte. Aus dem Geschichtsunterricht, dessen Inhalt (zumindest früher) vor allem Kriege und Jahreszahlen waren, ist die Schlacht am Thermopylen-Pass in Erinnerung, bei der 480 v. Chr. der Sparterkönig Leonidas mit 300 Soldaten gefallen ist. Philipp II. von Makedonien (382-336), der Vater Alexander des Großen, hätte, wäre er nicht ermordet worden, Krieg gegen die Perser geführt - was dann der "Welteroberer" Alexander tat. Der Arzt Hippokrates (460-377) "war schon seit der griechischen Antike Symbolfigur für die Ärzte, Urbild und auch Vorbild." Auf der Insel Kos geht das historische Gefühl von einer Platane aus, unter der Hippokrates vor 2500 Jahren gelehrt haben soll. Im Gasthaus daneben kann sich der Medizinhistoriker in jene Zeit zurückversetzen und "fast die Stimme des begnadeten Arztes hören." Wenig Sympathie zeigt der Autor für das Christentum und seine Exponenten, Jesus, Paulus und Maria.

Für das europäische Mittelalter stehen "Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation", Rudolf von Habsburg und Ottokar II., erbitterte Feinde in der Schacht von Dürnkrut( Niederösterreich ), 1278. Martin Luther, die Reformation und Christoph Kolumbus weisen den Weg in die Neuzeit. Damals spielte eine Reihe ausländischer Schauplätze eine Rolle. Als Beispiele aus dem reichhaltigen Werk seinen nur genannt: Die Fuggerei in Augsburg (Deutschland) als älteste Sozialsiedlung der Welt, Shakespeares Stratford on Avon, (England), die amerikanische Ostküste, an der 1620 die englischen "Pilgrim Fathers" landeten, Prag (CR, Fenstersturz, 1618), Münster und Osnabrück (Deutschland), wo nach dem Dreißigjährigen Krieg der Westfälische Friede geschlossen wurde.

Stichworte zum Zeitalter der Aufklärung sind etwa "Freimaurer", Haydn, Goethe und Schiller in Weimar, Mozart, Beethoven, aber auch Philadelphia und die Geburt der Vereinigten Staaten (1776), die Conciergerie, wo 1793 Marie Antoinette hingerichtet wurde. Das 19. Jahrhundert ist durch Napoleon, den Komponisten Franz Schubert, die Naturforscher Charles Darwin und Gregor Mendel, aber auch das bekannteste Findelkind Europas, Kaspar Hauser, und das berühmteste Weihnachtslied der Welt, "Stille Nacht", vertreten.

Weiter geht die Reise nach China, zu Karl Marx und Lenin, zum Schlachtfeld von Königgrätz (Preußen gegen Österreich, 1866), nach Queretaro, wo Erzherzog Maximilian als Kaiser von Mexiko erschossen wurde, nach Mayerling, untrennbar verbunden mit dem gewaltsamen Tod von Kronprinz Rudolf und Baronin Mary Vetsera (1889). Um die selbe Zeit ordinierte der Psychoanalytiker Sigmund Freud in Wien und isolierte der Schweizer Alexandre Yersin in Vietnam den Pestbazillus. Der Österreicher Hermann Franz Müller forschte in Bombay und Wien über die Seuche. Er, eine Krankenschwester und ein Labordiener infizierten sich damit. Ein Denkmal im AKH erinnert an den Arzt, der ein Opfer der Wissenschaft wurde. Die folgenden Kapitel sind "Fort Myers. Edison und Ford", "Peking. Vom Kaiser zu Mao" und "Kaiser Franz Joseph unterschreibt die Kriegserklärung" übertitelt.

Erster und Zweiter Weltkrieg prägten das 20. Jahrhundert. Ohne Gewalt und ohne Unruhen ging hingegen 1992 die Trennung von Tschechien und der Slowakei vor sich. Ihre Ministerpräsidenten Vaclav Klaus und Vladimir Meciar beschlossen sie bei einem Vieraugengespräch in Brünn. In Indien hatte Mahatma Gandhi eine Politik der Gewaltlosigkeit vertreten. 1947 erreichte er sein Ziel, das Ende der britischen Kolonialherrschaft, fiel aber im folgenden Jahr einem Attentat zum Opfer. In Argentinien setzte 1947 die Präsidentengattin Evita Peron das Frauenwahlrecht durch und initiierte sozialpolitische Reformen. In den USA erreichte der Bürgerrechtler Martin Luther King 1973 das Ende der Rassentrennung. Die Chemiker Francis Crick und James D. Watson, begründeten 1953 mit ihrer Entdeckung der Doppelhelix die Genforschung. Eine Epoche machende wissenschaftliche Leistung war 1969 die Mondlandung der amerikanischen Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin.

Damit endet dieser Reiseführer der besonderen Art. „Reisen“ und „Geschichte“ werden darin zusammengeführt, Fantasie und eigene Gedanken produziert. Bleibt am Ende die entscheidende Frage: "Kann man aus der Geschichte lernen?" Der Philosoph Georg Friedrich Hegel verneinte sie, ebenso wie Mahatma Gandhi. Ihm wird das Zitat "Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt" zugeschrieben. Doch Karl Sablik ist optimistisch: "Ja, man kann aus der Geschichte lernen! … (man kann) von der Weisheit unserer Vorfahren profitieren." Das gefühlsmäßige Nachempfinden historischer Ereignisse, die so oft die Welt verändert haben, das „historische Gefühl“ kann an den betreffenden Orten intensiv erlebt werden und das Verständnis für Geschichte fördern. Der Autor rät zu solchen Reisen. Wer dies nicht tun kann, wird mit seinem Buch bestens bedient.

hmw