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Roman Sandgruber: Rothschild#

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Roman Sandgruber: Rothschild. Glanz und Untergang eines Wiener Welthauses. Molden Verlag Wien. 528 S., ill., € 37,-

"Reich wie Rothschild" ist immer noch sprichwörtlich, obwohl der letzte österreichische Namensträger seit mehr als 60 Jahren tot ist. Herzleidend, erlag er beim Schwimmen in der Karibik einer Herzattacke. Außer dem geflügelten Wort ist nicht viel geblieben. "Kein Familienverband zuvor und auch nie seither hat einen derart hohen Anteil am jeweiligen Welteinkommen und Weltvermögen erreichen können, wie die fünf Rothschild-Linien im 19. Jahrhundert" , weiß Roman Sandgruber, em. o. Univ.-Prof. für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, der zahlreiche kultur- und zeithistorische Publikationen verfasst hat. Sein jüngstes Werk, über Aufstieg und Untergang eines Familienimperiums, vereint in bewährter Weise wissenschaftliche Seriosität und leichte Lesbarkeit. Die Schicksale der Protagonisten aus fünf Generationen lesen sich spannender als manches Werk von Literaten. Vom Aufstieg aus dem Frankfurter Ghetto bis zum 15. Jänner 1955, dem Todestag von Louis Rothschild, an dem tausende Kilometer weiter in Wien sein Palais gesprengt wurde: "Wäre das erfunden, müsste man es als schlechten Romankitsch einstufen" , kommentiert Sandgruber.

Schon der Beginn vom Aufstieg der Dynastie klingt ungewöhnlich. Mayer Amschel Rothschild (1744-1812) charakterisiert der Autor als "Millionär aus dem Ghetto". Das Haus mit dem roten Schild, das der Familie den Namen gegeben hatte, stand in der Frankfurter Judengasse. Schon im 17. Jahrhundert übersiedelten die Rothschilds in ein anderes Haus der Slumstadt, wo sie einen Trödelladen betrieben. Dieser wurde von den Eltern und später den Brüdern Mayer Amschels geführt. Er selbst spezialisierte sich auf Antiquitäten, historische Münzen und Medaillen. Mit 25 Jahren war er bereits Hessisch-Hanauischer Hoffaktor - ein Kaufmann, der Luxuswaren, Heereslieferungen oder Kapital für den Herrscher besorgt (später erhielt er den Titel des kaiserlichen Hoffaktors). Rothschild wickelte Wechselgeschäfte ab, die für die Transferierung der landgräflichen Gelder aus dem Soldatenverkauf nach England wichtig waren. Mit 26 Jahren heiratete er Gutle Schnapper, die Tochter eines wohlhabenden Geldwechslers. Die bemerkenswerte Frau wurde 96 Jahre alt und sicherte den Zusammenhalt der Großfamilie. Das Ehepaar hatte 19 Kinder, von denen fünf Töchter und fünf Söhne überlebten.

Sie waren "das wirkliche Kapital der Familie". Die Nachkommen von Mayer Amschel Rothschild - Amschel Mayer (1773-1855), Salomon Mayer (1774-1855), Nathan Mayer (1777-1836), Carl Mayer (1788-1855) und James Mayer (1792-1868) eroberten die europäische Finanzwelt. Es war das Vermächtnis ihres Vaters, dass Rothschild eine auf die männlichen Nachkommen beschränkte Familiengesellschaft bleiben solle. Das "Rothschild-Evangelium" bewahrheitete sich: "Halt mir die Geschwister beisammen, dann werdet ihr die reichsten Leute in Deutschland." Roman Sandgruber schreibt: "Der wichtigste Erfolgsfaktor war das die Staaten übergreifende Netzwerk der fünf Brüder … deren Zusammenhalt ein Welthaus begründete." Ein Bündel von fünf Pfeilen wurde zu ihrem Leitbild und Wappenschild. 1816 erhielten sie das erste Adelspatent, 1822 erfolgte die Erhebung in den Freiherrenstand aller fünf Brüder und ihrer ehelichen Nachkommen. Salomon Mayer Rothschild machte sich zur Zeit des Wiener Kongresses in Wien ansässig. Roman Sandgruber charakterisiert ihn als "Bankier der Heiligen Allianz", der im Vormärz zum führenden Bankier Österreichs aufstieg.

Dessen Sohn Anselm Salomon Rothschild (1803-1874), der die Creditanstalt gründete, bezeichnet der Autor als "König der Gründerzeit". Er schreibt: "Der politische Einfluss der Rothschilds hatte in der Revolution gelitten, ihr größter Förderer, Metternich, war gestürzt worden. Auch ihr Geschäftsmodell musste sich grundlegend ändern, nicht nur, weil das politische Umfeld ein anderes geworden war, sondern auch das technische." Telegraph und Eisenbahn veränderten Kommunikation und Verkehr grundlegend. Die Schlachten bei Magenta und Solferino hatten Österreich verheerende Niederlagen gebracht, Kaiser Maximilian war in Mexiko gescheitert. In der Schlacht bei Königgrätz trafen die Truppen Preußens auf die Armeen Österreichs und Sachsens. Durch den Sieg wurde Preußen Führungsmacht in Deutschland. Das Haus Rothschild war entschlossen, seinen ganzen Einfluss gegen einen Krieg aufzubieten, was jedoch nicht gelang. Dem militärischen Desaster folgte ein politisches, man war überzeugt von einem Staatsbankrott Österreichs. Doch James Rothschild wusste: "Bei Krieg ist mit Geld Geld zu gewinnen." Eine neue Anleihe wurde aufgelegt. Das Jahr der Wiener Weltausstellung 1873 ist als Jahr des Börsenkrachs bekannt. In Wien gab es 72 Aktienbanken, ein Jahr später waren es 28 und 1879 nur noch 14. Auch die Existenz der Boden-Credit-Anstalt und des Bankvereins war gefährdet. Doch dank Anselms vorsichtiger Führung überstand das Haus Rothschild den Börsenkrach weitgehend unversehrt.

Wie Anselm vorausgesehen hatte, kaufte und baute man danach deutlich billiger als in der überhitzten Konjunktur vorher. Der Patriarch hatte drei erwachsene Söhne und vier Töchter. Nathaniel Mayer (1836-1905) ließ auf der Hohen Warte in Wien die berühmten Rothschildgärten samt Villa anlegen. Ferdinand James (1839-1898) baute in England das größte aller Rothschild-Schlösser. Albert Salomon (1844-1911), der reichste Mann Europas, erwarb in Niederösterreich riesige Waldflächen und baute das spektakuläre Palais im 4. Wiener Bezirk. Im Vergleich zu anderen Familienmitgliedern persönlich eher anspruchslos, konzentrierte er sich als 4. Generation auf die Firma. Diese sorgte für Kredite der Regierungen Österreichs und Ungarns, profitierte von Eisenbahnen, den Eisenwerken in Witkowitz, Öl in Baku, Elektrizität in Italien, Gold und Diamanten in Südafrika, der New Yorker U-Bahn und Zinseinnahmen nobler Wiener Innenstadthäuser. Sein Nachlass wurde auf 700 Mio. Kronen geschätzt, was als krass unterbewertet gilt.

Wir haben nicht die Notwendigkeit, mehr Geld zu verdienen. Unser einziger Wunsch ist, das zu erhalten, was wir haben", war zur Rothschild-Strategie geworden. Doch es kam anders, die Dynastie starb aus. "Man steht damit einer abgeschlossenen Geschichte gegenüber." Als Louis Nathaniel Rothschild (1882-1955) Chef des Hauses wurde, war er 29 Jahre alt, der reichste Mann der Monarchie, ruhig, nervenstark und vielseitig interessiert. Er musste in einer der schwierigsten Perioden Europas Verantwortung übernehmen, doch: "Er besaß weder die unternehmerische Hartnäckigkeit seines Urgroßvaters Salomon, noch den kapitalistischen Sparsinn seines Großvaters Anselm, noch war es ihm gegönnt, in das Zeitalter der Sicherheit hineinzufallen wie sein Vater Albert." Vor dem Ersten Weltkrieg kontrollierte Louis Rothschild mit drei Banken Mitteleuropa, dazu kamen die größten Industriebetriebe der Monarchie, wie die Witkowitzer Eisenwerke und Rüstungskomplexe wie Skoda. Deren Produkte waren im Ersten Weltkrieg unverzichtbar. In der Zwischenkriegszeit lebten die Familienangehörigen ihr Luxusleben weiter. Auch als sich das Ende Österreichs abzeichnete und Vertraute Louis Rothschild zur Ausreise drängten, glaubte dieser den Warnungen nicht. Die Gestapo verhaftete ihn in seinem Palais und brachte ihn in das Polizeigefangenhaus, später war er als "Ehrenhäftling" im berüchtigten Hotel Metropole, während Palais samt Inventar, Autos und Sammlungen beschlagnahmt wurden. Gegen eine hohe Summe kam er im Mai 1939 frei. "Der gestürzte Kapitalist" reiste nach Zürich, London und Buenos Aires. Schließlich ließ er sich mit seiner Frau Hildegard, geborene von Auersperg, auf einem Landgut im amerikanischen Bundesstaat Vermont nieder.

Roman Sandgruber schildert nicht nur Geschäfte und Transaktionen, sondern auch Skandale und Dramen der jüdisch-großbürgerlichen Familie. Eingebettet in die Zeit-, Politik-, Sozial- und Kulturgeschichte von eineinhalb Jahrhunderten entsteht ein Panorama, das seinesgleichen sucht.