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Karin Schneider (Hg.): Norm und Zeremoniell #

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Karin Schneider (Hg.): Norm und Zeremoniell. Das Etiquette-Normale für den Wiener Hof von circa 1812. Edition und Kommentar. Veröffentlichungen der Kommission für neuere Geschichte Österreichs, Band 118. Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar, 2019. 198 S., € 30,-

Zu den österreichischen Mythen zählt das kaiserliche "spanische Hofzeremoniell". Das in Wien praktizierte gilt als besonders konservativ und traditionsbewusst. Es regelte alle staatlichen und familiären Anlässe der Habsburger bis zur kleinsten Geste. Als Grundlage dienten die feudalen Traditionen des Heiligen Römischen Reiches, ergänzt durch Rituale des burgundischen Hofes. Im 16. Jahrhundert wurde der spanische Hof der habsburgischen Hauptlinie zum Vorbild für Wien. Ab dem 17. Jahrhundert gab es eine eigene Zeremonialwissenschaft. Zeremonialprotokolle regelten Organisation und Durchführung der einzelnen Anlässe. Die Ordnung bei Hof repräsentierte Macht und Würde des Herrschers und spiegelte den Rang der Mitglieder der Hofgesellschaft. Das Hofzeremoniell beschäftigte sich "mit demjenigen was zur Pracht, Ansehen, Glantz und Respect des Hofs und der Herrschaft, deren Vorzügen und Verhältniß vor und gegen Fremden, denen Feyerlichkeiten und Lustbarkeiten des Hofs zu wissen, zu thun und zu lassen vonnöthen ist." , wie man 1754 formulierte.

Anfang des 19. Jahrhunderts änderte sich die Herrschaftspolitik. 1804 krönte sich Napoleon zum Kaiser der Franzosen, der römisch-deutsche Kaiser Franz II. nahm den Titel eines Kaisers von Österreich an. Trotzdem "erwies sich das Zeremoniell auch im 19. Jahrhundert nicht als überholtes Legitimationsmodell monarchischer Herrschaft, sondern diente weiterhin der 'Ansehensgewinnung und -steigerung' des Fürsten, " schreibt die Historikerin Karin Schneider. Sie hat das "Etiquette-Normale" für den Wiener Hof erstmals ediert und kommentiert. Es entstand in der für die Formierung des Kaisertums Österreich zentralen Phase zwischen dessen Gründung 1804, dem Ende des römisch-deutschen Kaiserreichs 1806 und dem Wiener Kongress 1814/15. Bei der Strukturänderung in der Hofverwaltung wurde 1810 die Position des Oberzeremonienmeisters eingeführt. Der erste Amtsinhaber, Gundacker Heinrich Graf Wurmbrand (1762/63 - 1847) entstammte einer Höflingsfamilie und machte selbst Karriere bei Hof. Kaiser Franz zeichnete ihn mit dem Großkreuz des Leopoldordens und dem Orden von Goldenen Vlies aus. Wurmbrand verfasste das 155-seitige Nachschlagewerk des Etiquette-Normale, das Einblicke in die höfischen Festivitäten und Rituale - wie Hochzeiten, Taufen, Krönungen -, die komplizierte Hierarchie und die Aufgaben der Bediensteten gibt. Ebenso beschreibt er Ordensritter, Garden und privilegierte Personen, die nicht zum Hofstaat zählten.

Der Text gliedert sich in drei Teile, die das Zeremoniell systematisch aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Zunächst beschreibt Wurmbrand die bei Hof und in den "Provincen" üblichen Zeremonien. Das erste Hauptstück behandelt gewöhnliche und außergewöhnliche kirchliche bzw. weltliche Hof-Feierlichkeiten. Der Verfasser gliedert sie in bester bürokratisch-systematischer Art in 46 Paragraphen. Nach zwei Jahrhunderten öffnet die trockene Materie ein Fenster in eine vergessene, fremde Welt. So erfährt man, dass in der Hofburgkirche mehr als zwei Dutzend "Funktionen" abgehalten wurden, denen teilweise, wie beim Neujahrs-Hochamt "der allerhöchste Hof in Galla beywohnet". Außerhalb der Hofburgkirche fanden am Ostermontag eine "öffentliche Hof-Farth nach St. Stephan" und die Fronleichnamsprozession statt. Die Augustinerkirche war am Schauplatz der jährlichen Gedenkfeier für gefallene Soldaten sowie Trauerfeiern für verstorbene Mitglieder der Herrscherfamilie. § 8 listet 30 weltliche Zeremonien auf, darunter die Fußwaschung und die "Überbringung der Fascien" (geweihte Windeln). Das weltliche Ritual der Fußwaschung am Gründonnerstag führt der Verfasser auf die heilige Elisabeth (um 1220) zurück. Nach dem Hochamt kamen der Kaiser mit seinem Hofstaat und die Kaiserin mit ihrem Hofstaat in den Zeremoniensaal, wo je zwölf männliche und weibliche Arme ein Festmahl einnahmen. Anschließend wurde "von Ihren Majestäten die Fußwaschung vorgenommen, worauf Ihre Majestäten die Armen beschenkt entlassen." Bei der "Überbringung der Fascien" handelte es sich um "eine Sitte des päbstlichen Hofes. Der Pabst übersendet durch einen außerordentlichen Gesandten für das Neugebohrene Durchlauchtigste Kind geweihte Wäsche. … Die Ceremonie wird wie eine solemne Audienz behandelt." Der päpstliche Gesandte segnete das Neugeborene und der Papst erhielt "Gegenpräsente".

Das zweite Hauptstück enthält eine Liste der "geistlichen und weltlichen Individuen, die mit dem Hofceremoniel in Berührung kommen". Die weltlichen männlichen Hofcermonielspersonen bildeten neun Klassen, die weiblichen nur zwei. Das dritte Hauptstück erläutert detailliert die Hierarchien und Aufgaben dieser Personen - vom ersten Obersthofmeister bis zu den "Ansagern". Diese mussten bei allen Feierlichkeiten anwesend sein, um "mindere Dienstleistungen" zu verrichten. Durch die genauen Beschreibungen erhält man Einblick in den "Alltag bei Hofe".

Das Etiquette-Normale schließt mit einem Vermerk, dass ein zweiter Teil über das diplomatische Zeremoniell folgen werde. Dazu kann es nicht. "Möglicherweise ist die Ursache im Positionswechsel Wurmbrands zu suchen, der 1816 Obersthofmeister der Kaiserin wurde, " schreibt Karin Schneider. Zusammenfassend stellt sie fest: " Das Etiquette-Normale steht, trotz vereinzelter Modernisierungstendenzen, in der Tradition des Habsburgischen Hofes, wie er sich seit dem 16. Jahrhundert als Residenz des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches ausgebildet hatte. Die Zäsuren … als das Alte Reich durch Kaiser Franz aufgelöst wurde, bilden sich nicht ab. Das Gegenteil ist der Fall: Im Sinne einer 'Translatio Imperii' bleiben Aktualisierungen aus, Strukturen des Reiches werden auf den Hof des österreichischen Kaisers übertragen. "

hmw