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Patricia Thurner - Gerhard Ammerer: Mein Salzkammergut#

Bild 'Thurner'

Patricia Thurner - Gerhard Ammerer: Mein Salzkammergut. Landschaft . Menschen . Leben. Verlag Anton Pustet Salzburg 2019. 160 S., ill., € 29,-

Das Salzkammergut: "Was soll man über diesen Landstrich und Kulturraum noch schreiben, was nicht schon geschrieben worden ist, über die paradiesische Landschaft, das 'Juwel', den 'Kraft-', 'Sehnsuchts-' und 'Erholungsort', wie sie gern tituliert wird?" Die Salzburger Redakteurin und Fotografin Patricia Thurner stellt eine rhetorische Frage und beantwortet sie mit ihrem jüngsten Buch ebenso professionell wie persönlich. Das verraten schon der Titel und die Themenwahl: " Um das Salzkammergut nicht ausschließlich der Kamera als schöne Landschaft zu überlassen, haben wir für diesen Band - zugegeben in recht subjektiver Weise - Personen und Persönlichkeiten ausgewählt, die wir als interessant und repräsentativ für die Bevölkerung des Salzkammerguts halten, haben sie befragt und knapp skizziert." Zehn Orte und zwölf Menschen haben Patricia Thurner und der Kulturhistoriker Gerhard Ammerer auserkoren, um das Innere Salzkammergut und das Ausseerland vorzustellen. So erfährt man viel über den sozialen Raum und die Lebenssituation seiner BewohnerInnen einst und jetzt. Den Autoren ist ein wunderschönes Buch gelungen, das sich aber von anderen schönen Büchern - "mit den oft unkritisch vermittelten Schwarz-Weiß-Bilder(n) von 'echter' und 'unechter' Volkskultur" - abhebt.

Der Kurort Bad Ischl lag schon zur Römerzeit an einer Handelsroute des Salztransports. Seit der Biedermeierzeit ist die Heilwirkung der Solebäder bekannt. Nicht zuletzt schreibt man ihnen die Existenz der "Salzprinzen" Kaiser Franz Joseph und seiner Brüder Maximilian, Karl Ludwig und Ludwig Viktor zu. Ihre Eltern, Erzherzogin Sophie und ihr Gemahl Franz Karl hatten sich der Salzwasserkur in Bad Ischl unterzogen. Bis heute ist die Stadt vom nostalgischen Ambiente geprägt. Nicht aristokratisch, sondern sehr bodenständig ist der erste Interviewpartner: Der gelernte Maschinenschlosser Leopold Schiendorfer arbeitete im Salzbergwerk. Später war er als Fremdenführer und ist in der Trachtenmusikkapelle aktiv - wobei er auch selbst Seitlpfeifen drechselt. Seiner künstlerischen Ader lässt der Ischler beim Schnitzen freien Lauf. An der abgebildeten großen orientalischen Krippe hat er 15 Jahre lang gearbeitet - vom Entwurf bis zur Bemalung. In Lauffen, einem Ortsteil von Bad Ischl, befand sich der Einkehrgasthof "Weißes Rössl", der zum Vorbild des populären Singspiels werden sollte.

Bad Goisern am Hallstättersee erhielt seinen Namen nach und nach. Seit 1955 trägt der Kurort den Zusatz "Bad", der Hallstättersee kam erst 2008 dazu. Die Gemeinde war, wie viele in dieser Gegend, ein Zentrum der evangelischen Konfession und zur Zeit Joseph II. eine der ersten Toleranzgemeinden Österreichs. "Neben den Goiserer Schuhen ist der bekannteste Exportschlager wohl Hubert von Goisern, der die Gemeinde jedoch bereits in jungen Jahren verlassen hat", schreiben die Autoren, die als Repräsentanten den Schuhmacher Philipp Schwarz vorstellen. Nach langen Umwegen - als Touristik- und Marketingexperte - hat er seinen Traumberuf im Handwerk gefunden. Auch der Schleifsteinhauer Manfred Wallner aus Gosau ging zuerst einer anderen Profession nach, er war Lehrer. Er entstammt einer der wenigen Familien seiner Heimatgemeinde, die seit Maria Theresianischen Zeiten Schürfrechte für den Abbau von Schleifsteinen besitzen. Großvater und Vater betrieben dies hauptamtlich. Für Manfred Wallner ist die Knochenarbeit in der Pension zum Hobby und Beruf geworden.

Hallstatt kann mit mehreren Superlativen aufwarten. Im Zusammenhang mit dem seit Jahrtausenden abgebauten Salz wurde eine historische Epoche nach der Marktgemeinde benannt, die älteste in Betrieb stehende Soleleitung befindet sich hier. In der UNESCO-Welterberegion gelegen, ist der Ort einer der meist fotografierten Europas und leidet unter dem "Übertourismus". Die Zahl der Autobusse hat sich zwischen 2010 und 2017 mehr als verzehnfacht, sie bringen bis zu 10.000 Besucher täglich in de 780-Seelen-Gemeinde. Nun soll eine Initiative des Lehrers und Denkmalpflegers Friedrich Idam Hallstatt "wieder lebenswert" machen. Obertraun, einst ein Teil der Gemeinde Hallstatt, ist für die Dachstein-Eishöhlen - die zu den größten unterirdischen Eislandschaften zählen - und die Kalksteinhöhlen - die zu den längsten Europas gehören - berühmt. In 1738 m Höhe haben sich Dipl. Ing. Patrick Endl und seine Frau Mikela, einer frühere Eventmanagerin, als Hüttenwirte niedergelassen. Mit acht bis zehn Angestellten betreuen sie täglich bis 800 Gäste.

In Altaussee befindet sich die größte Salzabbaustätte Österreichs. Die Ansiedlung von Künstlern und Literaten begann im 19. Jahrhundert. Die Schriftstellerin Barbara Frischmuth wurde hier als Tochter eines Hoteliers geboren und verbrachte eine naturverbundene Kindheit. Nach Aufenthalten in Graz, Wien und im Ausland lebt die Autorin seit 1998 wieder in Altaussee. Ihre Bad Aussee ist durch die "Dichternarzissen" bekannt, denen alljährlich ein großes Fest gewidmet ist. Historische Gebäude, Bräuche wie der Ausseer Fasching - mit den berühmten Flinserln und Trommelweibern - und die Liebe zu Tracht und Dirndl zeichnen die Kurstadt ebenfalls aus. Kein Wunder, dass die steirische Modedesignerin Bettina Grieshofer gerade hier ihre "Dirndlerei" eröffnet hat. "Meine Energiequelle ist die Natur, sei es der Wald oder das Wasser, das alles gibt mir Kraft und Kreativität", verrät die Schneidermeisterin im Interview.

Der Grundlsee mit dem gleichnamigen Ort ist in das Bergmassiv des Toten Gebirges eingebettet. Auch der mythenumwobene Toplitzsee liegt im Gemeindegebiet von Grundlsee. Die Region hat den Musiker Alfred Jaklitsch inspiriert, seine Formation "Die Seer" zu nennen. Mit Volks- und Popmusik-Crossover konnte sie mehrfach "Platin" erwerben. Bad Mitterndorf ist die letzte Station der Salzkammerguttour, die die Fotografin eine Liebeserklärung durch die Linse ihrer Kamera nennt. Hier kehrt man bei Sandra und Alfred Pohn ein, die auf einem 300 Jahre alten Bergbauernhof das Gasthaus "Knödl-Alm" und eine Biolandwirtschat betreiben. Als Motto haben sie "Original, nicht originell" gewählt.

Es könnte auch für diesen Band gelten. Bestechend schöne Fotos und informative Texte zeichnen ein realistisches Bild der "zuweilen unwirklich schöne(n) und doch immer bescheiden wirkenden Landschaft" zwischen Salzburg, Oberösterreich und der Steiermark.

hmw