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Günther Zäuner: Wien. Dunkle Geschichten#

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Günther Zäuner: Wien. Dunkle Geschichten. Schön & schaurig. Wartberg Verlag Gudensberg-Gleichen 2019. 80 S., ill., € 12,50

Bayreuth, Bonn, Lübeck … jede Stadt hat ihre dunklen Geschichten. Zwei Dutzend Städte und Landschaften präsentiert der Wartberg Verlag in der Reihe "schön & schaurig". Für Wien hat er einen besonderen Autor engagiert. Der Journalist Günther Zäuner hat nicht nur Geschichte studiert, schreibt Krimis, Drehbücher und Kabarettprogramme. Es wurde ihm auch die "Goldenen Ehrennadel der Bundeskriminalbeamten Österreichs für besondere Verdienste" verliehen. Mit seinen bevorzugten Themen - Organisierte Kriminalität, Drogen, Sekten, Rechtsextremismus, Terrorismus und Politik - ist er für dieses Thema prädestiniert (und ein bewährter Autor für Wien-Bände des Verlages).

"Nirgendwo auf diesem Planeten gibt es einen Ort, an dem tatsächlich alles Gold ist, was glänzt. In Wien schimmert es zumindest etwas goldiger. Oder ist es doch nur Messing?" , meint der Schriftsteller im Vorwort. Die Geschichten, die er spannend erzählt, umfassen einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert. Die ältesten spielen anno 1881. Im Sommer wurde einer der reichsten Männer von Wien zu Grabe getragen. Der Bankier Johann Karl Baron von Sothen war mit Glückspielen reich geworden, wie man erzählte, durch unseriöse Methoden Er erwarb die Herrschaft Cobenzl in Döbling. Anlässlich der Vermählung des Kaiserpaares Elisabeth und Franz Joseph I. ließ er dort eine Kapelle errichten, die ihm auch als Grablege dienen sollte. Während sich Sothen in der Öffentlichkeit als Wohltäter präsentierte, klagten seine Arbeiter über extreme Ausbeutung und Bespitzelung durch ihren Dienstherrn. Als er einen Förster ungerechterweise kündigte, erschoss dieser aus Verzweiflung den Baron. Er stellte sich der Polizei, wurde zum Tod verurteilt aber vom Kaiser zu einer Kerkerstrafe begnadigt. Sothens Trauerzug war von heftigen Unmutskundgebungen begleitet. "Hier in dieser schönen Gruft, liegt der allergrößte Schuft", soll jemand auf das Mausoleum gekritzelt haben. Dieses erlitt schwere Kriegsschäden, wurde jedoch restauriert, umgestaltet und 2005 als "Sisi-Kapelle" eröffnet.

Im Winter 1881 brannte das Ringtheater auf dem Schottenring ab, rund 400 Menschen fanden den Tod. Die Katastrophe führte zur Gründung der Wiener Rettungsgesellschaft und strengen Vorschriften für Veranstaltungsstätten. So trennt seither ein "Eiserner Vorhang" in den Theatern die Bühne vom Zuschauerraum, um das Übergreifen von Feuer aus den Kulissen zu verhindern. Anstelle der Brandruine des Ringtheaters ließ Kaiser Franz Joseph das "Sühnhaus" errichten, dessen Mieteinnahmen dem Wiener Wohltätigkeitsverein zu Gute kamen. Nach Kriegsschäden wurde auch dieses Haus demoliert und an seiner Stelle die Landespolizeidirektion errichtet.

In der Zwischenkriegszeit galt Wien als "Stadt der Spione", schreibt Günther Zäuner und nennt als Beispiel die Revolutionärin Mencha Karnichewa. Sie erschoss 1925 den nach Wien geflüchteten bulgarischen Freiheitskämpfer Todor Panitza in einer Loge im Burgtheater. Über die Verbrechen der NS-Zeit ist schon viel publiziert worden. Der Autor greift zwei der dunklen Orte auf: die "Mörderzentrale" im ehemaligen Hotel Metropol, das als Gestapo-Zentrale dienen musste. An seiner Stelle erinnert ein Denkmal an die tausenden Menschen, die NS- Gräueltaten zum Opfer fielen. Der zweite Horror-Ort befindet sich im Psychiatrischen Krankenhaus am Steinhof. "Am Spiegelgrund" verloren hunderte behinderte Kinder und Jugendliche auf grausame Weise ihr Leben. Vor dem ehemaligen Pavillon erinnern 789 Lichtstelen an sie.

Unvorstellbar, dass "Kinderseelenmassaker" noch in den 1960er und 1970er Jahren in Erziehungsheimen der Gemeinde Wien, wie im ehemaligen Schloss Wilhelminenberg und dem Kinderheim Hohe Warte stattfand. In diese Jahrzehnte fallen auch Bluttaten wie der Mord an der Ballettelevin der Wiener Staatsoper, Dagmar Fuhrich. In den folgenden Monaten attackierte der Täter vier weitere Frauen, ehe die Polizei den mehrfach Vorbestraften festnehmen konnte. Besonders spektakuläre Fälle waren das OPEC-Attentat 1975 und die Affären um Udo Proksch, der u. a. Eigentümer der Nobelkonditorei Demel war. Die Brücke dorthin schlägt der Autor - es wäre nicht Wien - mit Süßigkeiten und Kaiserin Elisabeth. Sie ließ sich angeblich von dort durch einen unterirdischen Gang Eis und andere Spezialitäten in die Hofburg liefern. Die weit verzweigen Wege unter dem Ballhausplatz sind Inhalt des jüngsten Kapitels "Geheime Gänge". Bundeskanzler Wolfgang Schüssel benützte sie im Jahr 2000, um zur Angelobung beim Bundespräsidenten zu gelangen. Im Ernstfall soll der Gang der Evakuierung der Regierung mittels U-Bahn dienen, um die Politiker sicher in die Stiftskaserne zu befördern.

hmw