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Gregor Auenhammer - Gerhard Trumler: Die Flüsse Wiens#

Bild 'Auenhammer'

Gregor Auenhammer - Gerhard Trumler: Die Flüsse Wiens. Eine feuilletonistisch-fotografische Expedition. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra. 256 S., ill., € 48,-

Fünf Prozent der Oberfläche Wiens bestehen aus Wasser. Die Bundeshauptstadt hat 200 Gewässer, 85 fließende und 115 stehende. Die Donau, mit 2.880 km der zweitlängste Strom Europas, durchfließt Wien auf ca. 20 km Länge. Die Neue Donau misst 21,1 km, die Alte Donau 17,5 km und der Donaukanal 17,3 km. Der Wienfluss weist einen Lauf von 16,2 km auf. Fast alle der 70 Wienerwaldbäche sind seit dem 19. Jahrhundert eingewölbt Das Ausmaß des Kanalsystems entspricht mit 2400 km etwa der Luftlinie Wien - Kairo.

Einige Fakten sind dem vorliegenden Buch über die Flüsse Wiens zu entnehmen. Allerdings handelt es sich bei dem üppigen Prachtband um kein Sachbuch, sondern um eine "feuilletonistisch-fotografische Expedition". Geleitet wird sie vom "Standard"-Redakteur Gregor Auenhammer und von Gerhard Trumler, der zu den herausragendsten Fotografen Österreichs zählt. Wir haben uns auf die Suche nach dem Ursprung, nach den Quellen gemacht, nach dem Verlauf der Gewässer, nach Tiefen und Untiefen, nach Strömungen, brachliegenden Seitenarmen und Stromschnellen … Verbal durchstreifen wir in konzentrischen Kreisen im Uhrzeigersinn spiralförmig das komplette Stadtgebiet.

In 104 Stationen soll das "geneigte Publikum" in Erstaunen versetzt werden - das ist den beiden Autoren gelungen. Im Klappentext zitieren sie André Heller, der über Gregor Auenhammer meint: Sein Talent hat ihn für die Tiefen der österreichischen Verwerfungen des Außenseiterischen, des Verschrobenen, des Gegen-den-Strich-Gebürsteten Schürfrechte verliehen. Das von ausufernder Phantasie geprägte Buch beweist die Aussage des Universalkünstlers. Georg Trumler hat 200 Bücher erarbeitet, darunter jenes über den Berg Athos, das der Präsident der Mönchsrepublik zum "schönstes über den Heiligen Berg im 20. Jahrhundert" erklärte.

Beide Autoren betonen, dass es sich beim vorliegenden Werk nicht um ein Lexikon handelt. Für die Suche nach etwas Bestimmten muss man das Register bemühen. Spiralförmig wie die eingangs erwähnten Wege durch die Wasserwelt sind auch die Texte. Man kann in literarische Ergüsse eintauchen - beginnend mit dem Originaltext des Donauwalzers Wiener seid froh / oho wieso … Der Künstler fühlt in der Grazien Näh' / Wohl sich und weh / Wie's Fischlein im See … (Ur-)Wienerische, teils deftige Dialoge stammen vom Textautor selbst. Fiktiv belauscht er Bobby und Ferdinand in "Brasilien" an der Alten Donau, mit Aussicht auf das FKK-Gelände im Freibad Gänsehäufel oder junge Damen im Stadtpark. Sie haben das Denkmal "Die Befreiung der Quelle" mit zwei nackten männlichen Kolossafiguren im Blick. Es mag dem Thema Wasser geschuldet sein, dass "Naturisten" und Erotik breiten Raum einnehmen. Kreative Wortspiele sprudeln durch den ganzen Text, der eine unkonventionelle Mischung aus Kulturgeschichte, Alltagsbeobachtungen, Zitaten, Anekdoten und Assoziationen ist.

Die Grenzen zur Ironie sind fließend, manches bei genauer Betrachtung unmöglich, etwa die Behauptung Die Wiener Bassena ist heute ebenfalls als immaterielles Kulturerbe unter Denkmalschutz gestellt, wie so manche öffentliche Bedürfnisanstalt historischer Bauart. Karl Lueger, 1897 bis 1910 Wiener Bürgermeister, hat die Infrastruktur der Stadt grundlegend verbessert, aber nicht 1873 die Erste Hochquellenwasserleitung eröffnet. Es stimmt, dass ihm der Bezirk Landstraße in Würdigung seiner Verdienste zum 60.Geburtstag 1909 den Karl-Borromäus-Brunnen, ein Werk des Architekten Josef Plečnik und des Bildhauers Josef Engelhart, widmete. Das Kunstwerk befindet sich aber (statt auf dem Rochusmarkt rund 1 km entfernt) vor dem Magistratischen Bezirksamt. Der Wertheimsteinpark in Döbling liegt weder "inmitten des pittoresken Cottage-Viertels", noch ist er ein Zen-Garten und auch Bewohner eines benachbarten Blindenheimes sucht man vergeblich. Der japanische Setagaya-Park ist nebenan. Der Blindengarten (mit Informationen in Brailleschrift) , damals ein Vorzeigeprojekt der Gemeinde Wien, wurde vor 60 Jahren als als erster in Kontinentaleuropa eröffnet. Die "weiland all zu süßen Wiener Wäschermädel" dürfen auch nicht fehlen. Mit den "sieben Quellen" in Margareten haben sie nichts zu tun. Sie werkten am Alsergrund, der sich jedoch keineswegs "am anderen Ende der Vorstadt" befindet. Genug der Kritik, ein Flaneur ist kein Wissenschaftler.

Rückblicke finden in gezielt ausgewählten historischen Bildern ihren Ausdruck. Die Gegenwart wird im Lob ausgewählter Firmen gewürdigt. Das Restaurant Sichuan beim Donaupark unterscheidet sich wesentlich von herkömmlichen Chinarestaurants. Neben einer exklusiven Speisenkarte kann es mit originaler Ausstattung samt Park aufwarten. Nur wer innerlich stark ist und fleißig arbeitet, kann wirklich erfolgreich sein verriet die Chefin, Chunah Urban-Chao dem Autor. Er schreibt: Das von Herrn Xing wan Zhou, die Freundlichkeit und Ruhe in Person, sensibel, still und leise, und doch strukturiert dirigierte Team … entspricht der Gastfreundlichkeit, der Gelassenheit und Offenheit einer jahrtausendealten Tradition im Streben nach Frieden und innerer Harmonie. Beeindruckt ist Gregor Auenhammer auch von Gerhard und Gabriele Ströck, die er als Missionare punkto Nachhaltigkeit, punkto Qualität und Preis-Leistungs-Verhältnis charakterisiert. In Demut und Dankbarkeit, im Wissen um das höchste Gut, das ein Laib Brot darstellt, ist man sich in der Familie Ströck seit Jahrzehnten bewusst. … Gutes Brot wird nicht alt, sondern hier zu Knödeln, Croutons, Pofesen etc. recycelt.

Das Werk ist großzügig gestaltet. Das liegt vor allem an den bestechenden Fotos von Gerhard Trumler. Sie sind Kunstwerke, die man langsam genießen und immer wieder kontemplativ betrachten kann. Im perfekten Layout sind sie, meist 3 x 3 im Quadrat, thematisch zusammengestellt oder dominant auf einer ganzen Seite platziert. Vieles lässt sich hier entdecken: Donauwellen, Kirchen, Wolkenkratzer, Wasserschlösser, historische Architektur, Wienfluss-Impressionen, Wienerwaldbäche mit ihren Quellen und versteckten Naturlandschaften, Aquädukte, Otto Wagners Gesamtkunstwerk Stadtbahn, Jugendstiljuwele wie die Wienzeilenhäuser, der Prater, Vorstadtbilder, Brücken, Boote und Schiffe, die Spittelau mit Hundertwassers Heizwerk, Panoramen, Wien bei Nacht, Graffiti … Sogar Industriebauten wie Wasserreservoirs oder Kanäle zeigen sich in Trumlers Bildern von ihrer schönsten Seite.

So erfüllt sich das Versprechen der Autoren: Wir wollen Ihnen nicht nur allzu Bekanntes zeigen, sondern vielmehr auf Verborgenes, Verschüttetes, Verlorengegangenes, Außergewöhnliches und Exotisches hinweisen.

hmw