Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Wolfgang Brückner: Das Jahr 1938 in der deutschsprachigen Volkskunde #

Bild 'Brückner 1938'

Wolfgang Brückner: Das Jahr 1938 in der deutschsprachigen Volkskunde. Meinungshegemonien des gedruckten Wortes. Waxmann Verlag Münster. 208 S, € 29,90

1938 wurde auf vielen Seiten zu einem Jahr der Entscheidung und Weichenstellung, Wolfgang Brückner nennt es ein "Epochenjahr". Im Jahr des "Anschlusses" marschierten deutsche Truppen in Österreich ein. Adolf Hitler stand auf dem ersten Höhepunkt seiner Machtentfaltung … Sodann folgte die Annexion des sogenannten Sudetenlandes mit der Besetzung der Tschechoslowakei. Es war zuletzt auch noch das Jahr der "Reichskristallnacht"

Em. Univ. Prof. Wolfgang Brückner war 1973 bis 1998 Lehrstuhlinhaber für Deutsche Philologie und Volkskunde an der Universität Würzburg. Seine jüngste Untersuchung legt in vier großen Schritten das Publikationswesen eines "kleinen" akademischen Faches in der NS-Zeit offen. Ideologen vereinnahmten damals die Volkskunde für ihre Zwecke, wobei es widerstreitende "Schulen" und verschiedene Personengruppen gab. Da gab es erstens die Verbandsvolkskunde unter John Meier, Otto Lauffer und den übrigen älteren Germanistik-Professoren. Zweitens existierte vom Januar 1937 an die durch das Amt Rosenberg begründete "Arbeitsgemeinschaft für deutsche Volkskunde". Sie organisierte, erstmals 1938 in Braunschweig, Tagungen und gab 1939 bis 1944 die Zeitschrift "Deutsche Volkskunde" heraus. Drittens etablierten sich innerhalb der "Forschungsgemeinschaft SS-Ahnenerbe" in mehreren Abteilungen Volkskundler, die vom Jahre 1938 an in wüster Fehde mit den Volkskundlern des Amtes Rosenberg lagen. Eine vierte Gruppierung bildete die 1934 begründete "Reichsgemeinschaft der deutschen Volksforschung" … Bis zum Kriegsbeginn hatten sich die Fronten so weit geklärt, dass an den Universitäten die dem "Ahnenerbe" nahestehenden und vom "Verband" in der Regel goutierten Volkskundler Fuß fassten, während die Rosenbergianer die Parteipublizistik für sich ausnutzten und mit ihrer Praxisorientierung große öffentliche Resonanz besaßen.

Im Mittelpunkt von Brückners Studie steht die Figur des NS-Meinungspolizisten Matthes Ziegler (1911-1992) im Amt Rosenberg. Der evangelische Theologe Ziegler war "Reichsamtsleiter" des seit 1934 obersten Amtes für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP. Schon als Student und Mitglied völkischer Organisationen hatte er eine Broschüre mit dem Titel "Kirche und Reich im Ringen der jungen Generation" verfasst. In seinem "Amt für weltanschauliche Fragen" konnte er wahlweise als hoher Parteifunktioär wie auch als SS-Offizier tätig werden. Im Amt Rosenberg generierte er "die" Volkskunde als völkische Wissenschaft zum Aktionsraum von Erziehung zum neugermanischen Menschen mit arteigenem Glaubensleben. Er gründete die "Arbeitsgemeinschaft" mit ihrer Zeitschrift und einer Schriftenreihe zur "Schulung und Erziehung der NSDAP". Nach dem Kriegsdienst in der Propagandakompanie der SS und seit 1941 Oberdienstleiter bei der Partei befand sich Ziegler in britischer Kriegsgefangenschaft und Haft. Nach seiner Entlassung setzte er das abgebrochene Theologiestudium fort und war bis zur Pensionierung Pfarrer und Religionslehrer.

Weiters widmet sich Wolfgang Brückner der Beobachtung der Medienpräsenz des sogenannt Volkskundlichen in den dreißiger Jahren und der Erarbeitung einer bisher unbekannten Verlagsgeschichte. Sogenannte volkskundliche Veröffentlichungen erlebten zwischen 1937 und 1939 einen regelrechten Boom. Auch nicht parteigebundene Verlage versuchten, mit Themen oder Jargon der "Neuen Zeit" im Geschäft zu bleiben. Allerdings gab es organisatorische Probleme mit den Autoren, der buchhändlerische Absatz ihrer Literatur war zumeist kläglich. Erstmals stellt Brückner den damals rührigsten neuen Verlag für volkskundliche Themen systematisch vor: Stubenrauch in Berlin, Mannheim, Leipzig und Wien, seine Gründer Herbert Stubenrauch (1892-1958) und Wilhelm Fraenger (1890-1964) und seinen Erfolgsmanager Walter Krieg (1901-1955). Dessen weiträumige Planungen und programmatische Aussagen bieten das zwielichtig ideologische Spiegelbild eines geschäftlichen Hypes seiner Zeit mit Heimat- und "Volks-" Publikationen. Geistige "Moden" schlugen zu allen Zeiten auch unter seriösen Wissenschaftlern kräftig durch.

Der zweite Weltkrieg brachte für das Buchgewerbe größte Probleme: Personalmangel und Kontingentierung von Papier nach politischem Ermessen, zerstörte Druckereien und Bücherlager. Als in Berlin alles zugrunde ging, wich Walter Krieg mit der Firma nach Wien aus. Da seine persönlichen Interessen auf mythologischen Phantasien lagen, wurde der Wiener Privatgelehrte Karl von Spieß (1880-1957) sein Hauptautor. Von ihm stammten Titel wie "Morgenrot und Heidnischwerk in der deutschen Kunst" (1937) oder "Aufgang des Nordens" (1941). Mitautor war Edmund Mudrak (1894-1964), ein Privatgelehrter der Erzählforschung. Beide leiteten die Wiener "Forschungsstelle Mythenkunde" des Amtes Rosenberg. 1943-1945 wirkte Mudrak als Professor in Posen. Um diese Stelle hatte sich auch Gerhard Heilfurth (1908-2006) beworben, der ebenfalls für Rosenbergs Arbeitsgemeinschaft schrieb. Er nannte sich nach 1945 nicht mehr Volkskundler, sondern Kultur- und Sozialwissenschaftler und engagierte sich in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv). Die wissenschaftliche Gesellschaft fungiert als Dachverband der volkskundlichen Institutionen im deutschen Sprachraum. Sie hat derzeit etwa 1200 persönliche und korporative Mitglieder.

P.S.
Im Sommer 2020 startet die dgv einen Meinungsbildungsprozess zu ihrer Umbenennung. Im Rundschreiben dazu heißt es: Kaum ein anderes Fach pflegt einen so reflexiven und kritischen Umgang mit der eigenen Fachgeschichte … sowie mit dem eigenen Selbstverständnis wie die Volkskunde/Empirische Kulturwissenschaft/Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie/Kulturanalyse. … Zahlreiche Institutionen (etwa Hochschulinstitute, Forschungseinrichtungen, regionale Verbände und Vereine oder Museen) haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in ihren Benennungen vom Begriff "Volkskunde" abgewandt. Dabei ist die Pluralität der neuen Bezeichnungen – des bisweilen sogenannten „Vielnamenfachs“ – zwar zumindest für Außenstehende häufig hinderlich, respektiert aber letztlich auch die unterschiedlichen individuellen Profile von Institutionen und Standorten. Die Entscheidung über den neuen Namen soll 2021 fallen.

hmw