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Markus Hofer - Andreas Rudigier: Die Vierzehn Nothelfer#

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Markus Hofer - Andreas Rudigier: Die Vierzehn Nothelfer. Das himmlische Versicherungspaket. vorarlber museum Schriften 49, Tyrolia Verlag Innsbruck 2020. 192 S., ill., € 24,95

Was haben zeitgenössische Fantasy-Filme und mittelalterliche Heiligenlegenden gemeinsam? Der Theologe Markus Hofer und der Direktor des Vorarlberg Museums, Andreas Rudigier, konnten eine Reihe Parallelen finden: Da wimmelt es nur so von tapferen Figuren, Drachen und phantasievollen Geschichten, heldenhaften Märtyrern und unverwundbaren Erlösern. Fantasy-Geschichten wie Heiligenlegenden sind mit Horror und Nervenkitzel verbunden - und finden ihr Happy End. Der Gruselfaktor, magische Elemente und das Bedürfnis nach Helden bilden weitere Konstanten, wissen die Autoren.

Andererseits wurden sie auch "auf der Suche nach Unterschieden" fündig. Die Ausführungen der Autoren sind fundiert und gleichzeitig angenehm zu lesen. Mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein bezeichnen sie religiöse Praktiken als "Lebensformen". Solche mag man teilen oder nicht, doch können sie nicht "wahr" oder "falsch" sein, wie Theorien. Die Heiligenverehrung hat das Leben von Generationen wesentlich geprägt und war ein zentraler Bestandteil der Lebensbewältigung. Das unterscheidet Legenden von Fantasyliteratur. Verstehen kann man sie vermutlich nur in ihrem Sitz im Leben.

Die Geschichte der christlichen Heiligenverehrung reicht bis ins 2. Jahrhundert zurück. Die ersten Heiligen waren Märtyrer, die im römischen Reich vor der Anerkennung ihres Bekenntnisses (Konstantinische Wende, 313 - Staatsreligion, 380) verfolgt wurden. Als Vorbilder machten sie ihren Glaubensgenossen Mut und fungierten als starke Brücke vom Diesseits ins Jenseits, vom realen zum himmlischen Leben. Im 4. Jahrhundert traten Bekenner und Asketen an Stelle der Märtyrer, deren Viten an antike Heldengeschichten erinnern. Im Mittelalter entstand ein eigener literarischer Topos, der aus den Verfolgungserzählungen regelrechte Horrorgeschichten machte und entlang der Grenze des Sadomasochismus für entsprechenden Nervenkitzel sorgte. … Die Frage nach der historischen Existenz dieser Heiligenfiguren war schlichtweg irrelevant.

Fast ein Jahrtausend entschieden die Gläubigen, wen sie als heilig verehrten. Die erste amtliche Kanonisierung erfuhr Ulrich von Augsburg 973. Die Päpste des Mittelalters handhabten das Instrument der Heiligsprechung sehr restriktiv, sie betraf nur 79 Personen. Hingegen nahm deren Anzahl zur Zeit der Gegenreformation stark zu. Das Zweite Vatikanische Konzil versuchte, Ordnung in den liturgischen Kalender zu bringen und strich Patrone mit zweifelhafter Historizität daraus. Dies betraf so populäre Nothelfer wie Barbara, Christophorus oder Katharina. Aber auch hier hatte die Volksfrömmigkeit den längeren Atem, da diese Heiligen de facto heute unverändert verehrt werden und auch in den liturgischen Büchern wieder aufscheinen.

Seit dem Mittelalter hatte sich die Legendenbildung, ebenso wie die Reliquienverehrung, üppig entwickelt. Besonders beliebt waren die Heiligen vom unzerstörbaren Leben. Sie ertrugen eine Reihe von Foltern, überstanden aber alle Qualen, sodass man sie letztlich köpfte. Je grausamer die Geschichten, umso populärer - und damit wirkmächtiger - wurden die heiligen Personen. Die Legenda aurea, die der Dominikaner und Erzbischof von Genua, Jacobus de Voragine, 1264 verfasste, war das bekannteste und verbreitetste geistliche Volksbuch. Der Humanist Erasmus von Rotterdam sah die Heiligenverehrung als "Meer des Aberglaubens" und Martin Luther war ein entschiedener Gegner der Mittler und Fürbitter. Der Bildersturm der Reformationszeit vernichtete zahlreiche Kunstwerke, "doch das Kind ließ sich nicht mit dem Bade ausschütten". Das Konzil von Trient (1545-1563) wollte ordnend eingreifen, doch gerade im 16. Jahrhundert tauchten in Europa unzählige Reliquien auf. Nachdem in Rom ein Weinberg eingestürzt war, kam eine große Katakombe zu Tage. Solche labyrinthischen Friedhöfe gab es unter der spätantiken Millionenstadt mehrere - und es waren es keineswegs nur Zufluchtsorte verfolgter Christen. Durch vatikanische Förderung fanden Gebeine von "Katakombenheiligen" im konfessionellen Zeitalter weite Verbreitung.

Suchten die Christen anfangs die Fürsprache der Heiligen bei Gott, so machten sie diese zunehmend selbst zu Helfern. Sie vertrauten ihnen Länder, Städte, die Gesundheit, Berufsangelegenheiten und persönliche Probleme an. Dass für die Landwirte Unwetter existenzbedrohend waren, erklärt die vielen Wetterheiligen. Dass es lange Zeit für breite Bevölkerungskreise praktisch keine medizinische Versorgung gab - und die Frauen mit ihren speziellen Anliegen allein gelassen wurden - macht die Sehnsucht nach wundertätigen Patronen verständlich. So gab es jede Menge "Spezialisten", aber die Gläubigen wollten sicher gehen. Ein Heiligenkollektiv, die "stattliche Einsatztruppe" der Vierzehn Nothelfer, sollte alle Gebiete abdecken. So entsteht im Spätmittelalter die erste Form der Bündelversicherung. Ruft man alle zusammen an, ist sicher der Richtige dabei! Wer zu dieser Nothelfergruppe zählt, kann regional variieren. Seit dem Konzil von Trient umfasst die Normalreihe Achatius, Ägidius, Barbara, Blasius, Christophorus, Cyriacus, Dionysius, Erasmus, Eustachius, Georg, Katharina, Margareta, Pantaleon und Vitus. Im Spätmittelalter waren ihnen rund 800 Kirchen geweiht.

Der Kult der Vierzehn Nothelfer entwickelte sich seit dem frühen 14. Jahrhundert in den Bistümern Regensburg, Passau und Bamberg. Die Kreuzzüge spielten dabei ebenso eine Rolle wie die Bedrohung durch die Pest - zwischen 1347 und 1352 wurden zwei Drittel der Bevölkerung Europas Seuchenopfer. Überliefert wird "eine alte Sage christlichen Glaubens", nach der anno 1445 einem Schäfer des Klosters Langheim die Heiligen erschienen und ihn zum Bau einer Kapelle aufforderten. Rasch entstand, von Wundererzählungen unterstützt, ein blühendes Wallfahrtszentrum. Schließlich errichtete Balthasar Neumann, einer der bedeutendsten Baumeister des Barock und Rokoko in Süddeutschland, die Basilika Vierzehnheiligen. Sie verzeichnet derzeit jährlich eine halbe Million Besucher.

Der zweite Teil des ausgesprochen empfehlenswerten Buches stellt die einzelnen Heiligen in Text und Bild vor, zuerst in Kurzfassung - Gedenktag, Name, Visitenkarte. Dann gehen die Autoren auf Leben, Legende und Verehrung, Patronate, Attribute, Gebet, Wetterregeln und Darstellungen ein. Bei diesen liegt der Schwerpunkt auf Vorarlberg. Man erfährt vieles über die heiligen elf Männer und drei Frauen. Markus Hofer und Andreas Rudigier nähern sich ihrem Thema - und denjenigen, die es als "Dummheit" abtun - mit Respekt. Ihr Ansatz, Heiligenverehrung als (historische) Lebensform zu begreifen, lässt vieles plausibler erscheinen.

hmw