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Günther Marchner: Vordergründig Hinterberg. #

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Günther Marchner: Vordergründig Hinterberg. Geschichte eines Tales im steirischen Salzkammergut. Verlag Anton Pustet, Salzburg. 208 S., ill., € 27,-

Das Hinterbergertal ist eine Kleinregion des Ausseerlandes im Nordwesten der Steiermark, nahe der Grenze zu Oberösterreich. Mit der (seit 2015) Großgemeinde Bad Mitterndorf als Zentrum, erstreckt es sich östlich des Radlingpasses bis zur Klachauer Höhe und der Engstelle am Grimming. Das Tal wird nördlich vom Toten Gebirge, südlich vom Kemetgebirge und vom Grimming begrenzt. Der Historiker und Politikwissenschaftler Günther Marchner widmet Bad Mitterndorf und seiner Umgebung ein detailreiches Werk mit vielen Bilddokumenten und großformatigen Farbfotos. Der repräsentative Band spannt den historischen Bogen von altsteinzeitlichen Bärenjägern bis zu Thomas Neuwirth, alias Conchita Wurst. Herausgeber ist der Kulturverein E.I.K.E.-Forum, als dessen Vorstand der Autor fungiert. Der Universitätslektor stellt Ereignisse der regionalen Geschichte, sachlich und strukturiert, in größere historische Zusammenhänge. Das sympathische, ruhige Layout unterstreicht die Kompetenz des Textes.

Alte Spuren führen zurück bis in die Frühgeschichte. Schon vor 4000 Jahren versorgten Almen auf dem östlichen Dachsteinplateau das Bergbauzentrum Hallstatt. Hallstätter Salz wurde über Saumwege nach Südosten transportiert. Das belegen Funde und Siedlungsreste aus der späten Bronzezeit und Römerzeit. Mit dem Salztransport hat auch das Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte "Gräberfeld von Krungl" dar. Bis in die 1980er Jahre fanden Archäologen dort 300 Gräber aus dem 8. bis 10. Jahrhundert.

.Das zweite Kapitel behandelt Besiedlung, Herrschaft und Religion. Orts- und Flurnamen im Hinterbergertal verweisen auf slawische, bajuwarische und keltische Bewohner. Mit dem Regierungsbeginn der steirischen Landesfürsten erfuhr Bad Mitterndorf 1147 seine erste urkundliche Nennung. Im 16. Jahrhundert wurde die Gegend Teil des - für die Salinen-Verwaltung zuständigen - kaiserlichen Kammergutes. Im 8. Jahrhundert begann die Salzburger Mission im Ennstal, später etablierten sich die Klöster Admont und Rein als geistliche und wirtschaftliche Zentren. Die Johanneskapelle in Pürgg ist für ihre romanischen Fresken berühmt. 1575 ließ ein Ennstaler Grundherr in Pürgg ein evangelisches Bethaus errichten. Bald drängte die evangelische Lehre die katholische zurück. Doch die Gegenreformation erwies sich als stärker, nicht zuletzt dank des Jesuitenordens, der seit 1610 die Grundherrschaft Hinterberg innehatte. Zwischen 1752 und 1768 wurden 53 Geheimprotestanten zwangsweise nach Ungarn umgesiedelt, ein Drittel starb nach wenigen Jahren.

Bauern, Salz und Holz ist die eindrucksvolle Geschichte der bäuerlich-gewerblich genutzten Landschaft. Mit dem Abbau am Altausseer Salzberg ab 1147 durch das Stit Rein begann der Aufstieg des Ausseer Salzes. Seit dem 15. Jahrhundert lieferten die Wälder des Hinterbergertales Bau- und Brennmaterial für die Ausseer Salinen und ihre Nebengewerbe, wie Eisenerzeugung, Transportgewerbe und "Arbeiterbauern". Zwei von drei Arbeitskräften waren bei der Holzarbeit beschäftigt und nur jeder Dritte im "Sud". Zu Recht sagt man: "Ohne Holz kein Salz! Ohne Holzkohle kein Eisen!".

Eine Zeit der Umbrüche begann im Zeitalter Erzherzog Johanns. Mit der "Bauernbefreiung" des Revolutionsjahres 1848 fand das überlieferte Feudalsystem ebenso sein Ende wie die traditionelle Selbstversorgerwirtschaft. Das entstehende überregionale Industrie- und Verkehrssystem veränderte die Land- und Forstwirtschaft einschneidend. Die 1877 eröffnete Kronprinz-Rudolf-Bahn zwischen Attnang-Puchheim und Stainach hatte unmittelbare Folgen für das Ausseerland. Die Kapitel Zwischen k. u. k. und Anschluss, Nationalsozialismus in der Region, Von der Nachkriegszeit zum goldenen Zeitalter und Entwicklung einer Tourismuslandschaft führen zum Ausblick ins 21. Jahrhundert.

Von besonderer Bedeutung für (seit 1972 Bad) Mitterndorf und Umgebung war der Sommer- und Wintertourismus. Funde aus spätrömischer Zeit lassen darauf schließen, dass die Therme "Heilbrunn" schon damals bekannt war. Der Sekretär Erzherzog Johanns beschrieb eine "lauwarme mineralische Quelle, worüber eine Badhütte erbaut wurde." Nützten damals nur Einheimische das Bad, so hoffte man, dank der Eisenbahn, um 1900 auf auswärtige Gäste. In den 1950er Jahren erfolgte die Revitalisierung der Quelle, und Ärzte empfahlen Mitterndorf als Höhenkurort. Die Schanze am Kulmkogel (1123 m) zählt zu den größten Skiflugschanzen der Welt. Der "Traum vom Fliegen" begann 1908 und ist bis in die Gegenwart mit prominenten Namen verbunden, wie Weltcup-Sieger Hubert Neuper oder Olympiasieger Andreas Goldberger. Bis zum Umbau 2014 galt der Kulm als weltgrößte Naturschanze. Skifahren auf der Tauplitzalm, Langlaufloipen, die Erschließung durch eine Panoramastraße und Wanderwege ließen die Nächtigungszahlen rasch steigen - von 70.000 in den Fünfziger Jahren auf 350.000 anno 1978. Die Entwicklung Mitterndorfs wurde in den 1970er Jahren einerseits als Paradebeispiel für eine moderne Tourismusgemeinde wahrgenommen, anderseits aufgrund des Baubooms als Beispiel für eine teilweise beängstigende Entwicklung, weiß Marchner und schließt mit den Worten: Es bleibt die Herausforderung, vorhandene Attraktivität und Lebensqualität entsprechend zu bewahren oder weiter zu entwickeln.

In dem aufschlussreichen Buch über ein bemerkenswertes Tal fehlt nur eines: die (ebenso bemerkenswerte) Biographie des Autors. Dazu muss man das Internet bemühen. Auf der Homepage seiner Firma schreibt Dr. Günther Marchner: Was mich antreibt? Das Interesse an einer lebendigen und lebensfähigen Vielfalt in Stadt und Land. … Die Kraft der Vernetzung und des Brücken Bauens zwischen verschiedenen Welten. Das vorliegende Buch ist dabei ein wesentlicher Baustein.

hmw