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Matthias Marschik - Michaela Pfundner: Wiener Bilder#

Bild 'Rübelt'

Matthias Marschik - Michaela Pfundner: Wiener Bilder. Fotografien von Lothar Rübelt. Edition Winkler-Hermaden Schleinbach. 160 S., ill., € 34,90

Lothar Rübelt (1901–1990), der bedeutendste österreichische Sportfotograf der Zwischenkriegszeit, hat auch beeindruckende Schwarz-Weiß-Fotos zu anderen Themen hergestellt. Seine Pressebilder aus Gesellschaft, Politik, Mode, Theater, Film und Werbung sind zu wichtigen zeitgeschichtlichen Zeugnissen geworden. Mit ihrer speziellen Ästhetik haben sie heute ikonischen Charakter. Die Österreichische Nationalbibliothek bewahrt in ihrem Negativarchiv (Kleinbild) rund 52.000 seiner Einzelbilder aus den Jahren 1935 bis 1964.

Die stv. Direktorin des Bildarchivs der ÖNB, Michaela Pfundner, und der Historiker Matthias Marschik haben für dieses Buch - großteils unveröffentlichte - Bilder zum Schwerpunkt Wien ausgewählt. Beide sind ausgewiesene Experten: Michaela Pfundner war u. a. Kuratorin der Jubiläumsausstellung "Schatzkammer des Wissens", der Historiker Matthias Marschik ist Autor zahlreicher kulturhistorischer Bücher, erst jüngst erschien "Die Donauwiese". Sie charakterisieren den "rasenden Reporter" als korrekten Perfektionisten, dessen Kontakte zu seinen Mitmenschen in der Regel freundlich und höflich, aber unverbindlich waren. Mehrere Portraits zeigen ihn mit seiner "geliebten Leica", u. a. bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936, wo ihm der Durchbruch in die erste Liga der Sportfotografen gelang, bei den Sommerspielen 1952 in Helsinki - wo er einen speziellen Haltegriff benötigte, um das riesige Teleobjektiv zu stabilisieren, oder zu seinem 75. Geburtstag - "die Pose blieb immer gleich".

Lothar Rübelt wurde als Sohn der Elsässerin Maria Rübelt und des Wieners Heinrich Ritter von Maurer in Wien geboren. Seine Mutter war eine passionierte Fotografin, mit ihrer Kamera nahm er in jungen Jahren seine ersten Bilder auf. Sportbegeistert, engagierte er sich im Wiener Athletiksport-Club (WAC). Dort bat man ihn, Fotos vom Hochsprung zu machen, und damit begann seine Karriere als Bildberichterstatter. Als Technikstudent ging Rübelt diesem Nebenverdienst gemeinsam mit seinem Bruder Ekkehard nach. 1924 kauften sich die beiden Motorräder. Das ermöglichte ihnen, die Fotos aktueller Ereignisse ganz schnell bei den Redaktionen abzuliefern. Zwei Jahre später verunglückte Ekkehard Rübelt tödlich. 1929 erwarb Lothar Rübelt seine erste Leica. Damit war er seiner Konkurrenz voraus und bald international als Meister seines Faches bekannt. Rübelt war entscheidend an der Entstehung und Entwicklung einer modernen Bildsprache beteiligt. Nach 1945 blieb er fotografisch präsent, auch wenn seine Motive und seine Arbeitsweise leiser wurden. Den letzten Auftrag dürfte er Ende der 1970er Jahre erhalten haben.

Seine Heimatstadt hat der Lichtbildner durch vier Jahrzehnte hindurch festgehalten. Die Gebäude und Straßenzüge im Bildhintergrund erweisen sich dabei nicht als auswechselbare urbane Kulisse, sondern geben … Einblicke in den Charakter der Stadt. Immer verstand er es, Sensationen, Dokumentationen und Alltägliches ins rechte Licht zu rücken. So finden sich im ersten Kapitel Praterszenen, wie die neu eröffnete Liliputbahn, aber auch der Kriegsausstellung (1940), vom zerstörten Stephansdom, dem Wiederaufbau, Touristen und Lichtreklamen als Zeichen des wirtschaftlichen Aufschwungs.

In der Zwischenkriegszeit eroberte der Sport die Stadt. Rübelt, stets auf die Nutzung der modernsten Fototechniken bedacht, … fand im Sportgeschehen die geeigneten Motive, um Neues auszuprobieren und seine fotografischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Selbst Leichtathlet und Motorsportler, bildete er Fußballer, Boxer, Gewichtheber, Radrennfahrer, Winter- und WassersportlerInnen sowie deren Publikum ab.

Über Wien als Kulturstadt und deren Dokumentation schreiben Matthias Marschik und Michaela Pfundner: Fotografierte Rübelt tagsüber am Spielfeldrand im Fußballstadion oder am Beckenrand im Dianabad, ließ der Abend ja noch Termine vor oder in den Theatern beziehungsweise Filmpalästen … offen. Lothar Rübelt war mit seinen Fotos nicht unwesentlich an der Dokumentation - und Inszenierung - der Kulturstadt Wien beteiligt.

Mobilität war stets ein Thema für den Berichterstatter. Mit seinem Bruder drehte er den Film "Mit dem Motorrad über die Wolken". Später wurde er erfolgreicher Autorennfahrer. Schöne Autos und deren Lenker nahm er ebenso gerne vor sein Objektiv wie die Massenverkehrsmittel Straßenbahn, Zug oder Autobus. Als aktueller Reporter hielt er Verkehrsunfälle und Zugsunglücke fest. Rübelt war jedoch kein Spezialist der politischen Bildberichterstattung ... Das Politikressort übernahmen andere Fotoreporter. Er war nur kurze Zeit in diesem Genre tätig.

Um 1900 entstanden in Wien die ersten illustrierten Magazine, nach 1918 erlebten sie nicht nur einen enormen quantitativen Aufschwung, der für Lothar Rübelt die Grundlage seiner Einnahmen bildete, sondern es entstanden auch neue Formate, so etwa die Bildreportage. Zu diesen ein- oder mehrseitigen Serien verfasste der Fotograf auch die Texte. Themen fand er eher zufällig, wenn sie sich nicht aktuell aufdrängten. Freizeitvergnügen wie Sport oder Kaffeehausbesuche boten immer lohnende Motive. Andererseits erhält man auch Einblick in den Alltag der Armen in der Zwischenkriegszeit.

In den 1930er Jahren begann Rübelt mit Firmenwerbung, was er in den 1950er Jahren noch verstärkte. Auch dabei bietet Wien eine unverwechselbare Kulisse. Man sieht den beginnenden und den geglückten Wiederaufbau in der Stadt Wien, moderne Tankstellen und Geschäftslokale, Plattengeschäfte und Autohäuser. Nicht nur die großen Firmen als Auftraggeber interessierten den Fotografen, sondern auch die sich wandelnde Arbeitswelt der Kleingewerbetreibenden, Kaufleute und Angestellten. Das letzte Kapitel ist den Menschen in Wien gewidmet. Darunter sind Charaktere der 1920er, 1940er und 1960er Jahre, Zuwanderer, Stars und Sternchen, wobei Rübelt das machte, was er in jahrelanger Sportfotografie gelernt hatte, nämlich den richtigen Moment abzuwarten, in dem er den Auslöser bediente.

Es ist dem Autorenteam gelungen, aus einem großartigen Fundus ein faszinierendes Buch zusammenzustellen, das den Intentionen des Fotografen gerecht wird. Über sein Metier schrieb Lothar Rübelt: Die Arbeit des Bildberichterstatters ist hart und mühselig, ja oft gefährlich und erfordert einen ganzen Mann … Jagende Hast ist sein Lebenselement. … Und doch ist die Aufgabe reizvoll, lockend und schön. Mit seinen Augen sehen Tausende die Ereignisse dieser Welt.

hmw