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M. Omahna, J. Rolshoven, F. Hederer (Hg.): Das Wunderbare und das Nützliche#

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Manfred Omahna, Johanna Rolshoven, Franziska Hederer (Hg.): Das Wunderbare und das Nützliche - Das Feste und das Bewegliche. Mobilitäten in der Architektur. Mit Beiträgen von Tim Ingold, Günther Prechter, Katrin Ecker, Johanna Aufner, Kathrin Hirsch, Heidrun Primas, Gustav Zankl, Werner Hollomey, Eugen Gross, Helena Eichlinger, Leon Scheufler, Karla Kowalski, Eilfried Huth, Iris Rampula, Johannes Wohofsky, Andreas Gratl. Jonas Verlag, Cultural Anthropology meets Architecture, Band 3, 164 S., ill., € 20,-

Der Grazer Forschungsdialog zwischen Kulturanthropologie und Architektur gibt in Tagungen, Publikationen und Lehr-Forschungskooperationen fächerübergreifende Impulse. Die Tagung Cultural Anthropology meets Architecture 2016 fand im vorliegenden Band ihren Niederschlag. Sein poetischer Titel Das Wunderbare und das Nützliche knüpft an das Werk des Protagonisten der Moderne, Siegfried Giedion (1888-1968) an. Der vielseitige Gelehrte verfolgte den historischen Prozess der Trennung von Kunst und Technik: Die Antike stellte ihre Erfindungsgabe in den Dienst des Wunderbaren, die Moderne in den Dienst des Nützlichen. Tagung und Buch möchten Architektur, Kunst und Alltag zusammenbringen. Die AutorInnen aus Kulturanthropologie, Soziologie, Philosophie, Architektur und Kunst setzen sich mit dem Thema Raum auseinander und diskutieren Architekturproduktion und -aneignung vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen. Eingangs nimmt der Architekt Günther Prechter das Zitat eines britischen Kollegen als Ausgangspunkt seiner Überlegungen:Good design humanises; bad design brutalises.

Der Architekt und Kulturwissenschaftler Manfred Omahna stellt den Prozess der Gestaltung eines Platzes als neues Gemeindezentrum vor. Der Autor war in Bad Blumau in verschiedenen Rollen aktiv: als Forscher, Organisator der BürgerInnenbeteiligung, Moderator, Supervisor und Berater beim Architekturwettbewerb. Bei der Grundlagenerhebung zeigte sich immer wieder Neid zwischen den Bewohnern, die von dem - 1997 von Friedensreich Hundertwasser gestalteten - Kurhaus mehr oder weniger profitiert hatten. Die Therme hatte das gesamte symbolische Kapital der Region an sich gezogen und sich zudem als touristisches Zentrum, ja Hochburg, in der unmittelbaren Nähe der weitläufigen Gemeinde etabliert. Der 1600 Einwohner zählende Ort besaß seit der Gemeindezusammenlegung 1968 keinen öffentlichen Platz als Zentrum. Jedes Dorf hatte seine Besonderheiten, die BewohnerInnen fühlten sich nicht einer Gemeinde zugehörig. Zwar gab es genügend Veranstaltungsorte, wo sie sich treffen konnten, doch jedem fehlte etwas. Das Ortszentrum wirkte "ausgestorben", der neue Platz sollte das dörfliche Zusammenleben stärken. Nachdem es gelungen war, die BewohnerInnen zur Mitarbeit zu bewegen, wurde 2017 wurde ein L-förmiger Neubau samt Vorplatz eröffnet.

Ein anderes Fallbeispiel ist das magdas-Hotel in Wien, nach Eigendefinition "anders … frecher, weltoffener, couragierter." Es handelt sich um ein - nicht gewinnorientiertes - Social Business. Ziel ist es, für Menschen mit Fluchthintergrund Arbeitsplätze zu schaffen, ihnen eine fundierte Ausbildung zu ermöglichen und "gemeinsam die Welt ein wenig besser zu machen." Die Projektleitung lag bei der Architektin Johanna Aufner, die hier ihre Erfahrungen beschreibt. In nur neun Monaten verwandelte sich ein fünfstöckiges Seniorenheim in Wien-Leopoldstadt in ein individuell gestaltetes Hotel mit 78 Zimmern. Dabei halfen zahlreiche Freiwillige zusammen. Möbel wurden gespendet und einem Upcycling unterzogen. Ein Strickclub fertigte Lampenschirme an, Studierende der Akademie der bildenden Künste stellten ihre Werke als Wandschmuck zur Verfügung. Das Personal besteht aus Profis und Asylwerbern, sie sprechen mehr als 20 Sprachen. In den vergangenen fünf Jahren kamen tausende Gäste in das von der Caritas der Erzdiözese Wien geführte Haus. Das magdas Hotel und seine Entstehungsgeschichte sind ein Beispiel dafür, wie man das Verbindende vor das Trennende stellen kann, um etwas Großes zu erreichen. … Und dass jeder seinen kleinen Beitrag leistet, ist oftmals das Geheimnis des Erfolgs. Auch von magdas-Hotel. schreibt Johanna Aufner.

Die Architektin Kathrin Hirsch hat sich in ihrer Diplomarbeit mit der Umnutzung von Kirchen beschäftigt. In Österreich ist dies (noch) nicht so aktuell wie in den Niederlanden oder in Deutschland. Dort handelt es sich meist um evangelische Gotteshäuser, deren Umbau flexibler gehandhabt werden kann. Hierzulande stellt man nicht mehr benötigte Kirchen, wie "Maria vom Siege", ein Meisterwerk des Historismus von Dombaumeister Friedrich Schmidt, meist anderen christlichen Glaubensgemeinschaften zur Verfügung. Zu den Ausnahmen zählt die ehemalige Franziskanerkirche "Heiliges Kreuz", die Konrad Frey 1989 zum Kunsthaus Mürzzuschlag umbaute. Um 1800 profaniert, hatte der Sakralraum schon als Theater, Vereinslokal und Brauerei gedient. Die Neugestaltung des Inneren nahm auf den barocken Bestand Rücksicht, während der straßenseitige Zubau "nicht gerade zurückhaltend" erfolgte. Das Beispiel zeige, dass auch umfangreiche Eingriffe und Neugestaltungen mit dem Erhalt des ursprünglichen Kirchenzwecks einher gehen können. … Kirchen stellen nicht nur architektonische, sondern auch soziale Phänomene dar. Nur wenn darauf Rücksicht genommen wird, können Kirchen weiterleben, auch wenn sie keine Kirchen mehr sind.

Schließlich widmet sich der Band dem 60-Jahr-Jubiläum des "Forum Stadtpark". In Interviews kommen zentrale Pioniere des Grazer Dialogs zu Wort. Der Architekt Werner Hollomey und der Kunsterzieher Gustav Zankl, beide Jahrgang 1929, waren Mitbegründer der "Jungen Gruppe", die das inzwischen international renommierte Mehrspartenhaus etablierten. Im Stadtpark befand sich ein abbruchreifes, ehemaliges Kaffeehaus, das die Künstler zu ihrem Zentrum machen wollten. Etliche nach sechs Jahrzehnten prominente Kunstschaffende zählten damals zur Avantgarde, wie die Jazzmusiker Dieter Glawischnigg, Rudolf Josel, Erich Kleinschuster oder die Literaten Alfred Kollerisch und Alois Hergouth. Gustav Zankl betonte in seiner Festrede, als Überlebende des Zweiten Weltkriegs sahen sie die Verpflichtung, uns für diese Stadt, für dieses Land und für den Frieden einzubringen, … um einer zerstörten Stadt, einem zerstörten Land und seinen geistig ver- und gestörten Bürgern einen kulturellen Wiederaufbau zu ermöglichen. Werner Hollomey gelang es, eine architektonische Lösung zu finden, die trotz aller Schwierigkeiten technisch und finanziell machbar war. Im Interview bezeichnet er das Haus als "ein Phänomen zum einen und ein Mysterium zum anderen." Unter den Aktivisten war sein Büropartner Eugen Gross, der u. a. die Terrassenhaussiedlung in Graz als frühes partizipatives Projekt entwickelte. Zum Motto "das Wunderbare und das Nützliche" meint er im Interview. …die Moderne ist angetreten, um den Menschen bei seinen Lebensvollzügen nützlich zu sein … das Wunderbare liegt für mich darin, dass die Protagonisten dieser Bewegung ein Charisma hatten. Sie waren überzeugt, dass eine neue Gesellschaft geschaffen werden kann, und sie diese in der Architektur zum Ausdruck bringt. … Der Glaube daran, dass es Utopien gibt, denen man nachstreben muss.

hmw