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Simone und Claudia Paganini: Von wegen Heilige Nacht!#

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Simone und Claudia Paganini: Von wegen Heilige Nacht! Der große Faktencheck zur Weihnachtsgeschichte. Gütersloher Verlagshaus Gütersloh. 140 S., € 14,40

Kaum ein historisches Ereignis hat die Entwicklung Europas - und dann der Welt - in den vergangenen 2000 Jahren so stark beeinflusst wie die Geburt Jesu. … Aller kirchlichen Tradition und wissenschaftlichen Aufarbeitung zum Trotz weiß man bis heute nicht, wann genau Jesus geboren ist, und auch die Frage nach seinem Geburtsort wird heftig diskutiert. … Manche Fragen kann man heute beantworten, an andere sich annähern, wieder andere sind nach wie vor offen, schreiben die Bibelexegeten Simone und Claudia Paganini in ihrem "Faktencheck".

In der Fülle der "alle Jahre wieder" erscheinenden Weihnachtsbücher fällt dieses positiv auf. Es präsentiert Ergebnisse der modernen Bibelwissenschaft gleichermaßen seriös wie unterhaltsam. Dafür garantiert das Autorenteam, das schon mehrere erfolgreiche Fachbücher publiziert hat: Univ. Prof. Simone Paganini lehrt - nach Stationen in Rom, Innsbruck und Wien - Biblische Theologie in Aachen. Univ. Ass. Claudia Paganini studierte Theologie und Philosophie, machte sich als Schriftstellerin einen Namen und ist nach ihrer Habilitation in Innsbruck tätig.

Die offenen Fragen beginnen beim "Jahr Null", das Mathematiker anno 1202 einführten. Als der gelehrte Mönch Dionysius Exiguus im 6. Jahrhundert den Ostertermin ermitteln wollte, legte er das Jahr 1 n. Chr. als Geburtsjahr Jesu fest. Nach heutigen Erkenntnissen dürfte er sich aber um 6 bis 8 v. Chr. handeln. Auf verständliche Art erläutern die Autoren das Warum und Wie der komplizierten Berechnungen. Danach erklären sie, wie es zum Termin 24. Dezember kam. Spitzfindige Spekulationen spielten dabei ebenso eine Rolle wie die Symbolkraft der Sonne(nwende). Letztlich sind Jahr und Tag aber nebensächlich: Denn das, worum es eigentlich geht, ist ja nicht der historisch richtige Termin - denn das ist der 24. Dezember mit Sicherheit nicht. Vielmehr geht es bei Weihnachten darum, sich einmal im Jahr an die Kernbotschaft des Christentums zu erinnern.

Widersprüchliche Angaben ranken sich auch um den Geburtsort Jesu. Man erinnert sich an das 2. Kapitel des Lukasevangeliums: In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Der Textabschnitt kann unmöglich eine historische Notiz sein (es wurden nur römische Bürger mit Grundbesitz registriert), sondern hat in erster Linie theologischen Charakter. Der Geburtsort sollte Bethlehem sein, weil ein Teil des jüdischen Volkes den Messias aus der "Stadt Davids" erwartete. Das Motiv der Davidsohnschaft findet sich nur im Lukas- und Matthäusevangelium. Nach dem Markus- und Johannesevangelium hat Jesus im 120 km entfernten Nazareth gelebt (und wohl auch dort das Licht der Welt erblickt), Johannes nennt ihn "Mann aus Nazareth".

An das Dogma, dass die "heilige, glorreiche, immerwährende Jungfrau Maria wahrhaftig die Gottesgebärerin" sei, sollte man glauben, wenn man die Lehre der christlichen Kirchen anerkennt, bekräftigen die Bibelwissenschaftler. Aber sie beweisen schlüssig, dass im hebräischen Text von einer "jungen Frau" und nicht von einer Jungfrau die Rede ist. Es war nicht der einzige Übersetzungsfehler, der sich im Lauf der Jahrhunderte eingeschlichen hat. Josef war nicht nur "Zimmermann" (lange Zeit sogar "Schmied"), sondern ein universeller Bauhandwerker. Bei der Entstehung umliegender Städte war er wahrscheinlich gut beschäftigt. Ebenso zeigen die Autoren, dass es sich bei der "Futterkrippe in der Höhle" um eine theologische Fiktion handelt: Jesus wurde weder einsam in einer Höhle noch in einem Stall geboren, nachdem seine Mutter von bösen Wirtsleuten auf die Straße verwiesen worden ist, sondern behütet und von der Dorfgemeinschaft freudig und umsorgt in einem gewöhnlichen judäischen Haushalt. So versteht sich nun schon fast von selbst, dass Ochs und Esel nicht an der Krippe standen - diese Darstellung hat Franz von Assisi erst im 13. Jahrhundert erfunden.

Der "Weihnachtsstern" kann ebenfalls den Tatsachen nicht stichhalten. Im 3. Jahrhundert interpretierte ihn der Theologe Origenes als Komet. Der Astronom Johannes Kepler dachte an eine besonders helle Konjunktion von Jupiter, Saturn und Mars - diese Erklärung aus dem 17. Jahrhundert ist inzwischen überholt. Was bleibt, ist der Stern als antikes Symbol für die Geburt bedeutsamer Menschen. Kein Wunder, dass auch die "heiligen drei Könige" weder heilig, noch drei, noch Könige waren und ihre Namen unbekannt blieben. Nur die Gaben Gold, Weihrauch und Myrrhe finden sich im Evangelium nach Matthäus.

Gewissenhaft haben Simone und Claudia Paganini biblische, historische, literarische und archäologische Quellen zusammengefasst. Was sie schreiben, ist nicht neu und überraschend, aber selten so fundiert und lesenswert zusammengestellt worden. Als Experten und Theologen geht es ihnen keineswegs darum, kirchliche Lügen zu entlarven. Vielmehr eröffnet ihr "Faktencheck" neue Zugänge zu dem oft verkannten Weihnachtsfest. Ihr letztes Kapitel betiteln sie Wenn aus Menschen Mythen werden … oder: Warum die Weihnachtsgeschichte kein Märchen ist. Die ersten Adressaten der Evangelien waren nämlich in der antiken Welt mit ihren mystischen Vorstellungen und einem ganz anderen Verständnis von Rationalität zuhause … Sie haben an die Geburtserzählungen Jesu nicht primär den Anspruch gestellt, mit überprüfbaren Fakten versorgt zu werden … Und können nicht auch wir diese Geschichte als eine lesen, die uns zwar wenige historische Fakten, aber doch eine Wahrheit nahebringen will, die das Leben so vieler Menschen in der Geschichte mit Hoffnung und Mut erfüllt hat und noch heute erfüllen kann ?

hmw