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Gerd Klaus Pinggera: Stilfs #

Bild 'Pinggera'

Gerd Klaus Pinggera: Stilfs Zeitenwende im Bergdorf. Folio Verlag Bozen - Wien 2020. 252 S., ill., € 25,-

Das Südtiroler Dorf Stilfs ist durch das Stilfser Joch samt Panoramastraße und Nationalpark und den 3900 m hohen Ortler, die höchste Erhebung der Region Tirol, allgemein bekannt. Um die 1300 Einwohner zählende Gemeinde besser kennen zu lernen, sollte man den soeben erschienenen foto-historischen, ethnografischen Essay lesen. Sein Autor beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten forschend und publizierend mit dem Vintschgauer Ort, in dem er geboren wurde und aufgewachsen ist. Dr. Gerd Klaus Pinggera hat in Innsbruck Geschichte, Kunstgeschichte und Europäische Ethnologie studiert. Er lebt jetzt in Meran und unterrichtet an einer Mittelschule.

Sein Familienname findet sich seit der Barockzeit in der Mikrogeschichte von Stilfs. Um 1900 wanderten einige Pinggera, wie viele andere Bewohner, nach Amerika aus. Einer blieb als Bäcker ansässig, ein anderer als Wirt, dessen Gasthaus von Wiener und Meraner Zeitungen gelobt wurde. Damals war für das Bergdorf eine "Zeitenwende", wie Gerd Klaus Pinggera sein Buch betitelt. Dieses ist keine klassisch volkskundliche Dorfmonografie, sondern erschließt kaleidoskopartig eine Reihe von Themen in historisch-ethnografischer Weise. Lebenswelt Berg, Schauplätze, Verweilräume, Atmosphären und Grenzen sind die großen Linien, an denen entlang sich die Beiträge bewegen. Auszüge aus alten Chroniken und Zeitungen, Zeitzeugen-Interviews und Persönliches ergeben ein Mosaik der sich durch die Jahrhunderte wandelnden Lebenswelten. Dafür hat der Autor u. a. Auszüge bisher ungedruckter Arbeiten zusammengestellt: Der langjährige Schulleiter, Gemeindesekretär und Standschützen-Oberjäger Heinrich Waschgler verfasste eine 16-bändige Chronik von Stilfs, ebenso eine zweibändige Häuserchronik und eine Urkundensammlung des Pfarrarchivs in vier Bänden. Alois Patscheider, 1900 bis 1923 Pfarrer von Stilfs schrieb in der Pfarrchronik über die Ereignisse an der Ortlerfront und in den Grenzgemeinden. Besonders anschaulich sind die erstmals veröffentlichten Bilder einer Fotoserie, die in den 1940er Jahren systematisch angefertigt und beschrieben wurden.

Seit dem 14. Jahrhundert ist der Abbau von Silber- und Kupfererzen in Stilfs urkundlich belegt. Als er 1812 eingestellt wurde, begann für die Bewohner eine Notzeit. Von der extensiven Landwirtschaft konnten sie nicht leben. Zudem vernichtete ein Brand 1862 viele Häuser, Stilfs wurde als ärmstes Dorf Tirols bezeichnet. Manche Familien wanderten aus, ein Agent warb 1873 mit der "schnellen Reise von 11 Tagen nach New York" an Bord eines Postdampfers. Männer suchten als Wanderhändler - meist mit Obst und Werg - Verdienst, während die Frauen die Landwirtschaft besorgten. Kinder verunglückten oft bei der Arbeit oder mussten betteln. Der Aufschwung kam mit dem Tourismus. In den 1850er Jahren fuhren die ersten Eisenbahnzüge durch Tirol. Um die Jahrhundertwende kamen die ersten Autofahrer in den Vintschgau, auf der Stilfserjochstraße war 1902 ein Autorennen geplant. Telegrafie und Elektrizität hielten Einzug in die Hochgebirgsregion. Man baute Schutzhütten und Hotels, Maurer und Zimmerleute fanden wieder daheim Arbeit.

1804 hören wir von der ersten Ortlerbesteigung im Zuge der wissenschaftlichen Bestrebungen Erzherzog Johanns, der die Erschließung der Ostalpen entscheidend vorantrieb. 1808 wird zwischen Italien und Bayern ein Handelsvertrag abgeschlossen. Eine Voraussetzung war der Straße über das Stilfser Joch. Ein Jahrzehnt später dekretierte Kaiser Franz I. den Ausbau als Heeresstraße. Bald verkehrten Postwagen und brachten Touristen. Aus romantischen Beschreibungen erfuhren sie, dass die Suldener Hirten "in Fellen von mit eigener Hand erlegten Bären und Wölfen gekleidet waren." 1855 machte ein Fotograf die ersten Aufnahmen vom Stilfser Joch. In den 1860er Jahren bestieg der Polarforscher Julius Payer mehrmals den Ortler und fertigte Landkarten der Umgebung an.

Die alpinistische und touristische Erschließung eröffnete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen neuen ökonomischen, sozialen und kulturellen Horizont. … Der Tourismus wird zum Motor der Wirtschaft, so wie es einst wohl der Bergbau war. Dies wirkt sich auf das Dorfleben, die wirtschaftliche und kulturelle Lebensart aus. … Dieser Modernisierung gegenüber stehen die alten Gewohnheiten, Rituale und Traditionen der kleinbäuerlichen Bevölkerung. Als Grenzgebiet war die Gemeinde seit dem Tiroler Freiheitskampf immer wieder von Kriegsereignissen in Mitleidenschaft gezogen. 1848 und 1866 war das Joch Schauplatz heftiger Gefechte in den italienischen Befreiungskriegen. Der Gebirgskrieg des Ersten Weltkriegs erfasste schließlich umfassend und nachhaltig unsere Gemeinde 1915-1918. Der Erste Weltkrieg, die Zeit des Faschismus, der Option und schließlich des Zweiten Weltkriegs waren in jeder Hinsicht eine Zeit, in der nicht nur die kulturelle Identität grundlegend erschüttert wurde, wirtschaftliche Stagnation und politische Repression beherrschten auch den Lebensalltag der Bevölkerung. … Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war auch für unsere Gemeinde so wie für viele ein Neuanfang, eine Standortbestimmung, letztlich ein Abschied von bäuerlichen Traditionen, Gewohnheiten und Bräuchen, die durch Technisierung, Berufswelt und wirtschaftliche Neuausrichtung ihre Bedeutung verloren hatten, schreibt Gerd Klaus Pinggera. In seiner Synthese von Alltagsgeschichte, Mikrohistorie und Ereignisgeschichte ist es dem Autor ein Anliegen, breiten Bevölkerungskreisen einen wertungsfreien Zugang zur eigenen Geschichte zu erschließen.

hmw