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Herwig und Andrea Ronacher: Die Mitte und das Ganze#

Bild 'Ronacher'

Herwig und Andrea Ronacher: Die Mitte und das Ganze. Gedanken zum Bauen. Verlag Anton Pustet Salzburg. 304 S., ill. € 42,-

Herwig und Andrea Ronacher sind "die" österreichischen Holzbau-Spezialisten. In den vergangenen drei Jahrzehnten haben sie etwa 450 Projekte - Einfamilienhäuser, öffentliche Gebäude, Wohnhäuser und Tourismusbauten - realisiert und wurden vielfach ausgezeichnet. Die im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne stehenden Projekte zeugen von der Leidenschaft der Planer für den Beruf, der ihre Berufung geworden ist. Mehrere Bücher sind über das Schaffen des Architekturbüros in Khünburg bei Hermagor (Kärnten) entstanden. Die erweiterte und aktualisierte Neuauflage von "Die Mitte und das Ganze" ist nicht nur eine stolze Leistungsbilanz, veranschaulicht durch faszinierende Fotografien, sondern auch ein philosophisches Werk. Dieses wunderbare Buch sollte einen Umdenkprozess einleiten, bei allen, die mit Bauen zu tun haben, aber auch weit darüber hinaus.

Schon die chinesischen Philosophen und Religionslehrer des Taoismus betonten die geistige Bedeutung der Mitte. Sie gilt als bester Standort für den Überblick, ist ein Synonym für Ausgewogenheit und Ruhe. Um die zweite Jahrtausendwende scheint "der Blick aufs Ganze" an Bedeutung zu gewinnen. Stichworte: ganzheitliche Medizin, ganzheitliche Umweltpolitik, ganzheitliche Wirtschaftslehre, ganzheitliche Geistes- und Religionsphilosophie.

Das Anliegen der Autoren ist es, ganzheitliches Denken in der Architektur zu verwirklichen. Dabei betonen Herwig und Andrea Ronacher die Harmonie der fünf Elemente Ästhetik, Funktion, Technik, Ökonomie und Ökologie. Die Erfüllung des ästhetischen Aspektes beim Bauen setzt das Entwerfen von Gebilden voraus, welche die Sinne der Menschen positiv ansprechen und somit die Reize, Gefühle, Gedanken positiv beeinflussen. Je wohler man sich in einem Haus fühlt, umso ästhetischer ist es, meinen die Autoren, und: Unsere Häuser sollten mindestens so schön sein wie ihre Umgebung. Eine hässliche Umgebung darf jedoch nie Vorwand für ein hässliches Gebäude sein.

Beim Aspekt "Funktion" geht es um die Bewältigung und Organisation vorgegebener Raumprogramme, Raumfolgen und Funktionsabläufe. "Technik" bedeutet, aus verschiedensten Bauteilen und Materialien ein Gefüge zu schaffen, das die Anforderungen an Standfestigkeit, Witterungsbeständigkeit und klimatische Eignung erfüllt. Der Architekt zum Beginn des neuen Jahrtausends ist ins Spannungsfeld zwischen der Faszination des plötzlich machbar Gewordenen … und einer dringenden ökologischen Forderung … geraten. Dieser Widerspruch lässt sich durch die richtige Symbiose auflösen. Biologische Technik und Bionik können unsere Lehrmeister werden. Lebendige Systeme verbinden alle Aspekte, die wir auch für gutes Bauen einfordern.

"Ökologisches Bauen" umfasst die Auswahl der Materialien ebenso wie des Standortes. Ökologische Häuser sind vor allem mit der Erfindung des "Passivhauses"… die vielleicht bedeutendste Erneuerung im Bauen geworden. … Ökologisches Gleichgewicht bedeutet für ein Haus, dass Energieverbrauch und Energiegewinn gleich groß sind. "Ökonomie" heißt, aus den vorhandenen Mitteln das Beste zu machen. Und auch hier dient uns die Natur als Vorbild, die trotz ihrer Fülle und Vielfalt immer sorgsam mit Energie und Masse umgeht.

In vier großen Kapiteln präsentieren die Autoren, nach einleitenden, reich illustrierten, Überlegungen, 30 Projekte. Als erstes Beispiel stellen sie ihr eigenes Wohn- und Bürohaus vor. Das Ensemble ist das Ergebnis von fünf Baustufen, entstanden zwischen 1990 und 2020. Das gesamte Baugefüge besteht aus einer Kombination aus konstruktivem Holzbau und Massenmauerbau. Ein zentrales Gestaltungsanliegen in sämtlichen Baustufen war die Verschmelzung der Baukörper und Außenanlagen sowie der Gartengestaltung mit dem Naturgelände auf den verschiedenen Ebenen des Gesamtkomplexes. Die Beheizung sämtlicher Räumlichkeiten erfolgt bereits seit dem Jahr 1990 über eine Wärmepumpe …

Der zweite Abschnitt Bauen im Kontext von Natur und Tradition ist besonders faszinierend. Historische Stadtbilder und anonyme Architektur sind nicht nur von musealem Wert, sie können als Vorbild und Grundlage für eine kontinuierliche Weiterentwicklung dienen. Auch wenn oftmals festgestellt wird, dass Umbauten teurer seien als Neubauten, möchte der Verfasser dieser Meinung entgegentreten. … Ist aber einigermaßen intakte Bausubstanz vorhanden und stellt man Abbruch-, Entsorgungs- und Neubaukosten den Umbau- und Renovierungskosten gegenüber, so wird oftmals zweiteres die günstigere Variante sein. Ein Negativbeispiel in dieser Hinsicht ist der Neubau des Landeskrankenhauses in Klagenfurt. Das durchdachte Projekt der "ARGE Perlenschnur", das die Weiterverwendung der geeigneten Baukörper in eine neue funktionelle und ästhetische Ordnung vorgesehen hätte, kam nicht zum Zug. Die städtebauliche und wirtschaftliche Fehlentscheidung war von den Verantwortlichen längst beschlossen worden. Glücklicherweise gibt es in diesem Kapitel eine Reihe von best practice Beispielen, wie die Revitalisierung eines Vierkanters zum Seminarhof in Oberösterreich, die Metamorphose eines alten Kärntner Bauernhauses zu einem Energie-Plus-Haus, das Hotel auf dem "heiligen Berg Kärntens", dem Magdalensberg und andere exemplarische Projekte.

Die ökologische Herausforderung - Auftrag der Gegenwart vereint so unterschiedliche Bauaufgaben wie den "Kristall", eine Aussichtswarte in den Hohen Tauern, Bürogebäude aus Holz oder Ausstellungshallen. Beim "Brückenbauwerk Malta" samt Revitalisierung des Berghotels war der Verbund, Österreichs führendes Stromunternehmen, Bauherr. Entsprechend großzügig wurde das Projekt neben dem Stausee angelegt. Neu entstand ein spektakulärer Brückenbaukörper in Holzbauweise als Ausstellungsraum "Verbund-Energiewelt Malta".

Das letzte Kapitel ist Feinstoffliche Aspekte - das Thema der Zukunft - übertitelt. Sein Credo: Geist und Geisteshaltung manifestieren sich laut den universell geltenden Gesetzen in der Materie und somit auch in der Architektur. Deren Formen wirken wiederum zurück auf Geist und Seele der Menschen. Vorgestellt werden hier acht Hotels als Orte zum Wohlfühlen. Am liebsten würde man gleich im Genießerhotel am Weißensee, im Gailtaler Biohotel, im Mountain Resort Feuerberg, im denkmalgeschützten Wellnesshotel in Bad Aussee, im Viersternehotel im steirischen Almenland, im ersten Passivhaus-Schwimmbad Österreichs oder im Familienhotel auf einem Hochplateau am Weißensee einchecken. Sie alle wurden unter Berücksichtigung der fünf Aspekte für gutes Bauen – Ästhetik, Funktion, Technik, Ökonomie und Ökologie – errichtet: Architektur, die den Menschen dient.

Die Ausbildung zum Architekten vollzieht sich vorwiegend noch auf technischer Ebene. Aspekte wie Gefühle und Wohlbefinden spielen während des gesamten Architekturstudiums so gut wie keine Rolle, wissen die Autoren. Mit ihren Arbeiten beweisen sie, dass es auch anders geht. Dazu gehört nicht nur das Ausschöpfen neuer technischer Möglichkeiten, sondern auch das Ergründen möglicher neuer Formen. Deren Auswahl sollte aber generell unter dem Aspekt der Zuträglichkeit für die Menschen und für die gesamte Umwelt geschehen. Die dringend notwendige Geisteshaltung lautet nicht so sehr Selbstbewusstsein als vielmehr — Demut.

hmw