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Günther Schützl: Kultur auf Schritt und Tritt#

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Günther Schützl: Kultur auf Schritt und Tritt (Band 2) Spaziergänge in Badens Umgebung. Kral-Verlag Berndorf. 384 S., ill., € 29,90

Dieses Buch versteht sich als detaillierter Führer, als kompaktes Heimatbuch, erzählt neben G'schichterln Geschichte und liefert zudem präzise Daten und Informationen, verrät der Klappentext. Beschrieben werden – mit einer Portion Humor – fünf Rundwege, die an der Peripherie Badens ihren Ausgang nehmen.

Der erste, der Siebenbründlweg, beginnt bei der ehemaligen Endstation der Linie Helenental. Die älteste normalspurige Straßenbahn Österreichs fuhr seit 1894 als "Elektrische". Zwei Jahrzehnte zuvor brachte die Pferdetramway Ausflügler nach Rauhenstein. Dort erwartete sie nicht nur die imposante Burgruine, sondern auch das Etablissement Hotel Sacher samt Kaltwasser-Kuranstalt. Seit 1879 überspannt eine Stahlkonstruktionsbrücke - sie soll die älteste Österreichs sein - die Schwechat. Das Bauwerk führt zum viel besungenen "Wegerl im Helenental". Das Lied entstammt einem Singspiel, das Alexander Steinbrecher 1943 schrieb. Jahrzehnte früher wurde das romantische Tal in Operetten von Ralph Benatzky und Edmund Eysler besungen. Wenig schmeichelhaft ist die Bezeichnung der Schwechat. Sie hieß einst "Schwöchand", "Svecharte" oder "Suechant" - die Übelriechende. Das verdankt sie warmen Schwefelquellen, die im Bachbett aufsteigen. Übrigens gibt es hier keine sieben Bründln. Der Flurname sollte, so der Autor, besser "Sonnenbründlleiten" heißen. Er führt seine Mitwanderer zu Besonderheiten in der Natur, wie Felsformationen und Föhrenwälder, aber auch zu Resten einer bronzezeitlichen Wallanlage.

Auch beim Schelmenweg nächst Sooß muss man die Etymologie bemühen. Das sagenumwobene Schelmenloch, diente - so wie andere Teile des Höhlensystems - in alter Zeit Kriminellen als Quartier und Lager für Diebsgut. Im 20. Jahrhundert kamen Höhlenkundler auf die Idee, dort ihre Weihnachtsfeiern zu veranstalten. "Höhlen und Höhen" könnte man diese Tour auch übertiteln, die u. a. auf den Mondscheinkogel und Sooßer Lindkogel führt. Botanisch Interessantes gibt es über die, für Kalkböden typischen, Felsenbirnen und die Föhren zu erfahren, die den Pechern ihr Auskommen sicherten. Auch über eine Waldandacht, den Kaisersitz am Kaiserstein und den so genannten Lausturm, eine burgähnliche Villa der Champagnerdynastie Schlumberger, weiß Günther Schützl vieles zu erzählen.

Im nächsten Kapitel erklärt er, wie der Putschandelweg zu seinem Namen gekommen sein könnte: Vielleicht nach einem legendären Räuberhauptmann namens Putschaner, oder nach einer geringwertigen Silbermünze, weshalb man unbedeutende Kleinigkeiten "Pudschanl" nannte. Die seit dem späten Mittelalter tätigen SandgräberInnen haben wohl bei ihrer gefahrvollen und mühsamen Arbeit nur Pudschanl verdient. Sie kratzten aus den Höhlen feinen Sand. Er wurde als Reinigungsmittel verwendet oder zum Trocknen der Tinte auf Schriftstücke gestreut. Ein religiöses Highlight ist der zwischen 1691 und 1715 errichtete Kreuzweg, zu dem ein "abschreckend steil beginnenden Weg" führt. In der Nähe befand sich das Kapitelhaus der Einsiedler, das nach der Auflösung des Ordens als Weinschenke neue Verwendung fand. Wege und Aussichtspunkte erinnern an Persönlichkeiten, wie die Biedermeiermaler Thomas Ender und Rudolf von Alt, die in und um Baden lohnende Motive fanden. Hofballmusikdirektor Carl Michael Ziehrer wirkte als Kapellmeister der Kurmusik. Das von ihm geförderte Musikerheim trägt nun seinen Namen. Einem Klaviervirtuosen widmete der Verschönerungsverein die Alfred-Grünfeld-Ruhe. Keinen Gedenkstein gibt es hingegen in der Marchetstraße, wo Anrainer 1832 ein Attentat auf den späteren Kaiser Ferdinand vereitelten.

Dass Ludwig van Beethoven gerne zur Kur weilte, hat in Baden vielfältige Spuren hinterlassen. So führt am Burgstallweg der Beethovensteg zum zweiten Teil des "Wegerls im Helenental". Hier erheben sich im Wald die kühnsten Formationen des Tales, die malerischen Krainer Nadeln, als Felstürme im Naturschutzgebiet. Zur Zeit Maria Theresias holte man Holzfäller aus der Krain (Slowenien) zur Urbarmachung des Helenentals. Sie errichteten hier eine Siedlung. Im Lauf der Jahre kam ein Einkehrgasthof mit Hotel dazu, der sich zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelte. Mitglieder des Kaiserhauses und illustre Gaste aus Kunst und Wissenschaft kamen gerne hierher. Der prominenteste Kurgast Badens war wohl Ludwig van Beethoven. Ihm sind im Helenental ein Wanderweg, ein Steg über die Schwechat und der Beethovenstein gewidmet. Den Lieblingsplatz des Komponisten ziert ein Bronzerelief mit seinem Portrait. Das Relief wurde zahlreiche Male entwendet oder zerstört, und mit Beharrlichkeit jedes Mal wieder nachgegossen.

Es handelt sich um ein Werk des Bildhauers Josef Kassin, der den Undinebrunnen im Kurpark schuf. Die letzte Tour, der Einödweg beginnt in der eleganten Parkanlage. Dort sind unter anderem eine Reiterstatue von Josef Müllner, der Konzertpavillon, eine Jugendstilbüste Kaiser Joseph II. das Lanner-Strauß-Denkmal, Mozarttempel, Beethoventempel und der Aussichtspunkt "Bellevue" von Interesse. Der Vielseitigkeit des Buches entsprechend, bleibt man aber nicht im noblen Zentrum, sondern wagt sich in das Tal der so genannten Einöde mit ihren Höhlen, zu Aussichtspunkten, wie der Klesheimwarte, die den schönsten Blick ins Wiener Becken verspricht, durch Weingärten und Villenviertel.

"Kultur auf Schritt" ist der zweite Band der Sammlung kulturhistorischer Spaziergänge des einer Badener Familie entstammenden, produktiven Schriftstellers. (Der 2017 erschienene erste Band ist als Web Book verfügbar). Im Vorwort meint Günther Schützl, dass das Konzept des Mittragens des Kulturwanderführers aufgrund der Fülle "fragwürdig" sei. Ich weiß nur, dass es keine Publikation gibt, die all das angebotene Wissen über Badens Umgebung in zwei Bänden komprimiert und es zugleich ermöglicht, die Originalschauplätze aufzufinden … Bescheiden spricht er vom "Versuch", seinen LeserInnen die Geschichte Badens in den vielfältigsten Farben auszumalen. Falls es mir gelungen ist, dieses Vorhaben mehr als ansatzweise umzusetzen, war meine Arbeit nicht umsonst. Nach eingehender Lektüre kann man dem Autor nur gratulieren und feststellen: Es ist mehr als gelungen!

hmw