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Peter Schubert: Transdanubien#

Bild 'Schubert'

Peter Schubert: Transdanubien. Schauplätze von Geschichte und Kultur in Floridsdorf und Donaustadt. 264 S., ill., € 26,-

Transdanubien - der 21. Wiener Gemeindebezirk, Floridsdorf, und der 22. Donaustadt -wären die zweitgrößte Stadt Österreichs. Die beiden bestehen unter diesen Namen seit 1954. Aktuell zählt Floridsdorf 165.000 und Donaustadt 191.000 Personen. Innerhalb von zwei Generationen (ab 1951) ist die Einwohnerzahl explosionsartig gewachsen, von 68.000 im 21. und 53.000 im 22. Bezirk. Rund 80 Prozent der Wohnhäuser wurden seit damals erbaut - Stichworte: Großfeldsiedlung, Rennbahnweg, Hochhäuser auf der Donauplatte, Seestadt Aspern.

Für viele WienerInnen, die in den rechts der Donau gelegenen Bezirken leben, ist der große Strom noch immer eine gedankliche Barriere. Trotz (oder wegen?) der stürmischen Stadtentwicklung gehört Transdanubien für sie eigentlich nicht zu Wien. Vielleicht kann das moderne Heimatbuch von Peter Schubert bewusstseinserweiternd wirken. TransdanubierInnen erfahren in Text und Bild Interessantes über ihre (neue) Heimat.

Dr. Peter Schubert lebt in Floridsdorf, er hat Dutzende Sachbücher zu geschichtlichen Themen verfasst. Ein Schwerpunkt seiner publizistischen Tätigkeit ist der Jugendstil. Das Archiv eigener Fotos von Jugendstilfassaden ist mit 45.000 Aufnahmen wohl das größte in Europa. Der Historiker war langjähriger Pressesprecher und Verlagsleiter sowie Ausstellungskurator für moderne Kunst im Stift Klosterneuburg.

Klosterneuburg und Floridsdorf haben viel miteinander zu tun. Als zur Zeit Kaiser Joseph II. kurz zuvor parzellierte Gründe einem Hochwasser zum Opfer fielen, griff der Grundherr, Stift Klosterneuburg, helfend ein. Propst Floridus Leeb förderte die Neuansiedlung, erließ die Pacht, gründete eine Ziegelei und stellte ein Darlehen zum Bau des Dorfgasthauses zur Verfügung. "Am Spitz" situiert und "Zum goldenen Engel" benannt, bot es bei Überschwemmungen Schutz. Die Bevölkerung bedankte sich - und nannte die Siedlung nach ihrem Gönner "Floridusdorf". Ein Jahrhundert später wurde ein weiterer Augustiner-Chorherr, Rudolf Franz Eichhorn, zum "Schutzpatron" der Floridsdorfer Fabriksarbeiter und der "weißen Sklaven der Wiener Tramway-Gesellschaft". Der Floridsdorfer Pfarrer und Reichsratsabgeordnete erwies sich einer der größten Kritiker sozialer Missstände. Pius Parsch, auf den wichtige Liturgiereformen zurückgehen, wirkte in der Kirche auf dem später nach ihm benannten Platz. Bis heute betreut das Stift die Pfarren Floridsdorf (St.Jakob) und Donaufeld (St. Leopold).

Die Zeitreise durch Floridsdorf und Donaustadt beginnt vor 5000 Jahren. Ur- und frühgeschichtliche Funde aus Transdanubien sieht man im Naturhistorischen Museum Wien im Mamuz in Asparn an der Zaya, regionalen und Bezirksmuseen. In Bisamberg, Langenzersdorf und Breitenlee kamen Werkzeuge aus der Steinzeit zu Tage, in Aspern und Essling Keramik und Gegenstände aus der Bronzezeit. Spektakulär war der Fund des Grabes eines im 5. Jahrhundert n. Chr. gefallenen Kriegers in Leopoldau. Aus Untersuchungen des Skeletts ließen sich Lebensumstände und Tod rekonstruieren.

Urkunden aus der Babenbergerzeit nennen die Namen der Orte "Prunne" (Süßenbrunn, 1140), "Stadelouve" und "Stenmarsdorf" (Stadlau und Stammersdorf, 1150) sowie "Preitenle" (Breitenlee, 1160). Schon 1120 hatte Leopold III., "der Heilige", seinem Sohn Leopold IV. ein Jagdgebiet in "Alpitowe" (Eipeldau, später Leopoldau) geschenkt. Kriege, Krankheiten und Naturkatastrophen bedrohten die Siedlungen durch die Jahrhunderte. Die Lobau ist untrennbar mit Franzosenkriegen von 1809 verbunden. Einmal mehr zeigt sich die Unmöglichkeit einer objektiven Geschichtsschreibung. In der Schlacht bei Aspern verlor Napoleon den Nimbus seiner Unbesiegbarkeit. Aber er gab nicht auf und besiegte die österreichischen Truppen bei Deutsch-Wagram. Diese Schlacht gehört zu den französischen "Heldenepen", wie Aspern zu den österreichischen.

Das 19. Jahrhundert brachte große Veränderungen. 1837 fuhr der erste Zug der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, zunächst 13 km bis Deutsch-Wagram. Rasch entstanden nördlich der Donau Produktions- und Reparaturwerkstätten für die Dampfloks. Fabriken anderer Branchen siedelten sich an. Knapp vor der Wende zum 20. Jahrhundert sollte die neue Großgemeinde Floridsdorf zur Hauptstadt Niederösterreichs werden. Jedoch wurden 1905 bis 1911 zahlreiche Orte als 21. Bezirk zu Wien eingemeindet. Der Erste Weltkrieg, Das Rote Wien, die politischen Ereignisse der Jahre 1934, 1938 und 1945, Verfolgung und Widerstand, Der zweite Weltkrieg und die Entwicklung von Floridsdorf und Donaustadt in der Zweiten Republik bis in die Gegenwart werden vom Autor einprägsam und kompetent behandelt. Sein Heimatbuch neuer Art verbindet nicht nur historische Ereignisse und ihre Schauplätze. Bisher eher ungewöhnlich, bezieht es auch literarische und künstlerische Darstellungen ein.

Das Kapitel Kultur und Kunst behandelt die Religionen. Es gab in Floridsdorf eine Synagoge und israelitische Bruderschaften, deren Friedhof noch besteht. Weit über die Bezirksgrenzen hinaus bekannt ist das Islamische Zentrum am Bruckhaufen mit seinem 32 m hohen Minarett. 36 Kirchen - davon 19 aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg - werden beschrieben. Je eine evangelische Kirche besteht in Floridsdorf und in Donaustadt, auch andere christliche Gruppen sind vertreten. Jugendstil und Co. ist ein ergiebiges Thema für den Experten - vor allem der um 1900 erbaute "Dom der Donaustadt", der für die Diözese der Landeshauptstadt von Niederösterreich gedacht war. Außen neugotisch, zeigt die Pfarrkirche auf dem Kinzerplatz eines der in Wien seltenen sakralen Jugendstilinterieurs. Was die Fotos der Hausfassaden betrifft, schöpft Peter Schubert aus dem Vollen. Wie alle Kapitel endet auch dieses mit einer ausführlichen Liste der erwähnten Schauplätze. Floridsdorf und Donaustadt können auf bekannte Persönlichkeiten verweisen. Der Bildhauer Georg Raphael Donner wurde in Essling geboren, Franz Jonas in Floridsdorf, der Arzt Clemens von Pirquet, der den Begriff Allergie prägte, in Hirschstetten.

Mit seinen traditionellen Badeplätzen und der seit den 1970er Jahren bestehenden Donauinsel ist Transdanubien ein beliebtes Freizeitgebiet. Vorschläge für Wanderungen und Radtouren runden das Buch ab. Denn, so Peter Schubert in seinem Vorwort: Wenn man einen Bezirksteil ein paar Wochen nicht besucht hat, dann findet man Neues - und viel Altes nicht mehr. … Das Erstaunen wird groß sein, die Begeisterung nicht immer… Dem Autor ist es hervorragend gelungen, Altes und Neues umfassend darzustellen. Sein jüngstes Werk sollte in keinem Bücherregal fehlen.

hmw